Flexible Wiederholungstäter

Wie oft muss man Kyoto gesehen haben? Das hatten wir im Vorfeld unserer 5. Japan-Reise kontrovers diskutiert. Der Übertourismus ist hier am deutlichsten spürbar und hinterlässt seine unschönen Spuren. Andererseits ist diese Stadt groß genug und hat deutlich mehr zu bieten als die in den Reiseführern präsentierten Haupttempel und den Bambuswald, die alle beim ersten Kyoto-Besuch abarbeiten.

Bereits letztes Jahr hatten wir gemerkt, dass es deutlich angenehmer ist, die Hauptspots zu meiden. Eine Seitenstraße weiter hilft meist schon, um die großen Reisegruppen zu meiden, seine Ruhe zu haben und neue Dinge zu entdecken. So war es für uns für Kyoto-Trip Nr. 5 die beste Entscheidung, bei der Unterkunft bewusst ein Stadtviertel zu wählen, das wir noch nicht kannten. Nijo hat eine angenehm authentische, ruhige Seite, auch wenn rund um die Bahnstation zahlreiche große Hotels angesiedelt sind. Das in Kombi mit Unternehmungen wie unsre Tour gestern u. a. hoch zum Mt. Daimonji sorgt dafür, die Entscheidung für Kyoto auch dieses Jahr nicht bereut zu haben.

Da für heute Gewitter und Regen angesagt waren, fiel eine weitere Wanderung als Option raus. Nach einem weiteren Frühstück in der Lion Bakery (bitte alle Matcha-Berliner zu mir ;-)!!!), nahmen wir an der Nijo Station die Bahn zur Kyoto Station, wo wir in die JR Kosei Line umsteigen mussten. Keine 20 min. später waren wir in Otsu, das mal die Hauptstadt war, an der JR Hieizan Sakamoto Station. Für uns neu, denn hier waren wir bisher noch nicht.

Vom Bahnhof ging es zu Fuß leicht bergauf Richtung Tempelbezirk. Unser eigentliches Ziel war der Former Chikurin-in Tempel, der mit seinem „Spiegeltisch“ ein besonderes Fotomotiv bietet und einen besonders schönen Garten haben soll. Viele Einrichtungen haben montags geschlossen, im Fall von Feiertagen am Montag auch am Folgetag. Wir wollten es heute (Dienstag nach dem Feiertag) dennoch versuchen, da wir online widersprüchliche Angaben zu den Öffnungszeiten gefunden hatten. Vergeblich. Leider sahen wir sowohl den Tempel als auch das Mochi Café in der Nähe, das uns ein Freund empfohlen hatte, nur von außen.

Also wie so oft auf unsren Reisen spontane Planänderung, zumal von Regen und Gewitter keine Spur: Wir spazierten weiter zur Seilbahnstation, um mit der Sakamoto Cable Car, laut Infoflyer mit rund 2 km die längste Seilbahnstrecke Japans, auf den Berg hochzufahren. Die Wartezeit überbrückte ich wieder mit Sammelstempeln.

Sowohl die Strecke nach oben als auch der Ausblick sind beeindruckend. Steil geht es nach oben, in der Mitte teilt sich vor dem Tunnel kurz das Gleis, damit an dieser Stelle die entgegenkommende Bahn passieren kann, bevor man aus dem Wald raustaucht und sich eine wunderbare Aussicht auf den Biwa-See – Achtung, weiterer Superlativ: der größte See Japans – bietet. Nach 11 min. Fahrt waren wir oben an der Enryakuji Station, wo man von einer Aussichtsplattform das Panorama des Biwa-Sees auf sich wirken lassen kann.

Bei praller Sonne und 29 Grad waren wir auch heute wieder froh, dass es im Wald minimal kühler war. Der kurze Spazierweg bergauf zur Anlage des Enryaku-ji war so etwas erträglicher. Dieses Kloster auf dem Berg Hiei ist einer der berühmtesten buddhistischen Tempel in Japan, seit 1994 UNESCO Weltkulturerbe und zählt mehr als 100 Gebäude auf dem Gelände – mehr als wir uns heute anschauen konnten und wollten.

Mit Eintrittskarte und Lageplan ausgestattet entschieden wir uns für einen kurzen Rundgang an der Haupthalle (die derzeit und die nächsten Jahre eingerüstet ist) vorbei hoch zum Glockenturm und Dai Ko-do Tempel, den wir uns auch von innen anschauten: u. a. prunkvolle Schnitzereien, beeindruckende Buddha-Statuen und ein Lehrbereich mit Schreib-/Zeichenschule.

Eine Treppe weiter nach oben ging es zum Kaidan-in, wo wir einen Waldweg nahmen, der in einer Schlaufe von hinten kommend zum Turm des To-Do und zur Amida-Halle führt.

Von dort gingen wir große Treppe runter und wieder am Glockenturm vorbei zurück zur Bergstation der Seilbahn, um die nächste Talfahrt zu nehmen und am JR Bahnhof im Ort den nächsten Zug nach Kyoto zurück zu erwischen. Am Bahnhof verloren wir einiges ein Zeit im Isetan-Kaufhaus und bei Yodobashi. Was als „kurz was gucken“ (bzw. shoppen) geplant war, dauert manchmal ungewollt lange, wenn man sich im Labyrinth der Shops verliert.

Inzwischen machten sich Durst und leichter Hunger breit. Wir nahmen am Bahnhof die nächste U-Bahn Richtung Norden bzw. Kaiserpalast und stiegen an der Station Imadegawa aus, um zum Toraya Café zu gehen. „Unser Teehaus“, wie wir es inzwischen nennen, hatten wir 2023 entdeckt und waren so fasziniert von dieser kleinen Ruheoase mitten in der Stadt, dass wir es letztes Jahr wieder besuchten und auch dieses Jahr unbedingt wieder hinwollten. Dort werden grüner Tee und Wagashi Süßigkeiten serviert, also traditionelle japanische Waren, die aus Reismehl oder Bohnen bestehen, künstlerisch gestaltet sind und sich an den Jahreszeiten orientieren (aktuell herbstlich mit Kastanien). Dazu eine kleine Gartenoase mit Wasserlauf und eine überwiegend ruhige Atmosphäre, plus heute ein Schwarm kleiner Vögel, die zwischen Bäumen und Rasen flatterten. Herrlich beruhigend.

Ansonsten passierte hier wieder etwas, das so nur in Japan passiert: André drehte aus Versehen eines der Schälchen, sodass der Inhalt durcheinanderpurzelte. Das darf natürlich nicht sein. Sofort eilte jemand herbei, nahm das Schälchen mit und die Süßigkeiten darin wurden nochmal neu angerichtet und dekoriert. Wir entschuldigten uns für dieses Versehen – was natürlich nicht akzeptiert wurde, denn in dieser Kultur macht der Gast nie den Fehler. Ende vom Lied: Dienern und Entschuldigen auf beiden Seiten. So viel Höflichkeit und Freundlichkeit ist man von zuhause einfach nicht gewohnt.

Nach einer kurzen Pause im Hotel machen wir uns zu Fuß auf den Weg zur nächsten U-Bahnstation, um zur Shijo-Dori zu fahren, der Hauptshoppingstraße von Kyoto. Kaum ist man dort aus der Bahnstation raus auf der Straße, erdrückt einen das Menschengewimmel. Da ist er wieder, der Übertourismus. Laut, chaotisch, vermüllt, einfach viel zu viel. Das kollidiert mit der japanischen Kultur: ruhig, organisiert, höflich und extrem bedacht auf Etikette. Nach kurzer Zeit hatten wir auch schon genug von den Menschenmassen und bogen nach Süden ab in die Higashino-Toin-Dori, eine sehr viel ruhigere Seitenstraße. Dort in einem Hotel hatten wir 2018 übernachtet, als wir zum ersten Mal in Japan bzw. Kyoto waren und die Silvesternacht leider mit heftigem Fieber im Bett verbringen mussten – absolut verzichtbar, dafür aber bis heute unvergesslich.

Doch zurück zu den positiven Erinnerungen: Wir waren hier letztes Jahr zufällig in einem kleinen, genialen Restaurant gelandet. Dort wollten wir heute zum Abendessen wieder hin. Von der Higashino-Toin-Dori ging’s nach links in die Bukkoji-Dori und da war es auch schon: Gyoza Kazu Kyoto (Achtung, in der Accountinfo ist eine andere Adresse, nämlich die des Hauptladens, angegeben.). Nachdem wir zunächst mit Craft Beer und einem leichten Yuzu Beer vom Fass (Empfehlung!) auf der Sitzbank im „Schaufenster“ saßen, zogen wir zum Essen um an die Bar, mit direktem Blick auf die Küche.

Die Karte immer noch so, wie wir sie am liebsten mögen: Eine Seite, extrem übersichtlich. Tapasartige Gerichte zum Teilen. Wir bestellten GyozaPickled CucumberLemon Fried Rice, Fried Noodles und Curry Rice. Simpel, aber genial. Bestes Soulfood und ein wunderbarer letzter Abend in Kyoto, bevor es morgen per Shinkansen weitergeht in die nächste Großstadt.

Ein Gedanke zu “Flexible Wiederholungstäter

Kommentar verfassen