Nein, die Rede ist nicht von Frankreich, sondern von Kyoto. In der ehemaligen Hauptstadt Japans ist Französisch so allgegenwärtig, dass man meinen könnte, man wäre in Frankreich.
Und irgendwie hat der Kamogawa auch was von der Seine: Am Ufer entlang herrscht reges Treiben, ein bunter Mix aus Sporttreibenden, Musikanten, Fotoshootings und denen, die zum Picknicken oder Entspannen hier sind. Bereits morgens ist es rund um Sanjo sehr belebt: Die einen führen ihre Hunde aus, andere genießen wie wir den Morgen und die Kirschblüten-Hotspots am Ufer. Direkt an der Brücke ist praktischerweise ein Starbucks, das so frequentiert ist, dass die Getränke aus der aktuellen Sakura-Edition schon vor 10 Uhr ausverkauft sind. Nehmen wir halt Matcha Latte. Während wir sehr dankbar für die wärmende Frühlingssonne sind und lediglich zur Sonnenbrille greifen, bewaffnen sich die meisten hier schon mit (Sonnen-)Schirm und verstecken sich in dessen Schatten.

Wir schlendern am Ufer entlang Richtung Norden und biegen irgendwann links ab. Unser Ziel ist die Boulangerie MoriMori, deren leckere Backwaren uns schon 2020 so begeistert haben, dass wir unbedingt wieder hin müssen. Die Pandemie hat auch hier ihre Spuren hinterlassen, alles ist einzeln in Plastiktüten verpackt. Aber die Auswahl ist noch genauso wunderbar und es gibt unglaublich leckeres Gebäck von süß (mit Bohnenpaste, Obst etc.) bis salzig (Schinkenzopf, Brötchen mit Broccoli und Schinken, Käsesemmeln usw.). Leider nehmen sie nur Cash und wir müssen unser letztes Kleingeld zusammenkratzen. Genauso auch all unsere japanischen Sprachkenntnisse, denn der nette Mitarbeiter spricht nur wenige Brocken Englisch, will aber einiges von uns wissen. Für Arigato (Danke), Oishii (lecker) und Doitsu (Deutschland) reicht es gerade so und wir verabschieden uns dankend, dienernd und mit üppiger Verpflegung für den Tag im Gepäck.

Weiter geht es zum Kyoto Gyoen, dem Park mit dem Kaiserpalast. Hier ist einiges los, denn man kann die erste Pflaumen- und Kirschblüte bewundern, was ausgiebig zum Fotografieren, Zeichnen und Malen genutzt wird. Parallel sind Arbeiter emsig dabei, den Bäumen einen Rückschnitt zu verpassen und neu gepflanzte kleine Bäumchen zu nummerieren. Und – echt bemerkenswert – der Bach wird gefegt (bzw. die bemoosten Steine darin).






Wir verlassen den Park nordwestlich und kommen nach einer Weile an einem Schrein vorbei, dessen Innenhof zum Schlendern einlädt. Wir sind offensichtlich in einem Sport-Schrein gelandet, überall auf den Altären liegen verschiedene Bälle. Laut Infotafel hat hier im Shiramine-Jingu Shrine die Göttin des Ballsports das Sagen. Was es nicht alles gibt. A propos Sport: Radfahren ist hier definitiv angesagter als in Tokyo. Sehr verständlich bei all den engen, verstopften Straßen. Auf den größeren Straßen gibt es sogar seitliche Radweg-Markierungen (wobei die meisten auf dem Bürgersteig fahren) und alle paar Meter kommen wir an einem „Bicyclette Shop“ vorbei.


Ein gutes Stück weiter die Straße entlang und wir erreichen das Gelände des nächsten Schreins: Der Kitano-Tenmangu Shrine lohnt laut diverser Empfehlungen einen Besuch und er hält tatsächlich, was er verspricht. Das Gelände ist etwas größer, die Gebäude wunderschön und vor allem die vielen blühenden Pflaumen- und Kirschbäume sorgen jetzt im Frühling für eine besonders schöne Kulisse. Ein separater Gartenteil mit blühenden Bäumen kostet Eintritt, aber das kann man sich wirklich sparen, denn auch im offenen Hauptteil gibt es genug derartiges zu sehen und zu fotografieren. Abgesehen vom südlichen Teil, der eher einem Jahrmarkt ähnelt und in dem es ähnlich wie beim Fushimi Inari-Taisha allerhand Nippes, Süßigkeiten und Essen (u. a. die hier beliebten Tintenfischbällchen und Teigfische mit süßer Bohnenpaste) zu kaufen gibt, hat diese Tempelanlage echt Charme.






Ich würde gern als Souvenir und für unsere Sammlung eines der Ema-Wunschtäfelchen kaufen (kleine, kunstvoll dekorierte Holzschilder, auf die man seine Wünsche/Gebete schreibt und die man dann am Tempel/Schrein aufhängt), aber hier gilt „Cash only“ und wir haben unser letztes Bargeld in der Bäckerei draufgehauen. Also geht’s weiter, direkt nebenan zum Hirano-Jinja Shrine, der zwar auch sehenswert ist, aber in einem etwas renovierungsbedürftigen Zustand. Weshalb gleich am Eingang eine Fotodokumentation der u. a. Dachschäden sowie Spendenboxen aufgestellt sind.
Doch unser Hauptziel heute (nach Besuch des Ginkaku-ji gestern) heißt Kinkaku-ji. Denn beim ersten Besuch hier haben wir diesen Tempel nicht mehr geschafft, beim zweiten Mal mussten wir unseren Weg dorthin wegen heftigem Regen abbrechen und heute ist einfach das perfekte Wetter (sonnig, 20 Grad). Und alle anderen größeren Tempel und Schreine hier in Kyoto sowie den beeindruckenden Arashiyama Bambuswald haben wir bei den letzten Besuchen 2017/18 und 2020 schon angeschaut. So sehr man hier sonst mit Kartenzahlung überlebt, bei den Tempeln bzw. Schreinen gilt: „Cash only“. Also machen wir vor dem Eingang einen Schlenker zum ATM, um Bargeld abzuheben. Der Kinkaku bzw. Goldene Pavillon strahlt heute besonders beeindruckend, das Blattgold funkelt im Sonnenlicht. Ausgestattet mit Bargeld kann ich hier auch endlich ein Ema-Täfelchen kaufen.




Wir haben inzwischen schon einige Kilometer in den Beinen und suchen uns vor dem Tempelgelände erst mal ein Picknickplätzchen, bevor wir uns auf den Rückweg machen. Dieses Mal gehen wir nicht an der Hauptstraße entlang, sondern schlendern parallel durch kleine, teilweise sehr enge Wohngassen, bis wir wieder den Eingang zum Kitano-Tenmangu erreichen – wo ich jetzt Dank Bargeld auch endlich eins der dortigen Ema-Täfelchen und eine kleine Holzfigur in Form eines Hasen (2023 ist das Jahr des Hasen) erstehen kann.
Nach insgesamt rund 15 Kilometern in den Beinen kommen wir wieder zum Kyoto Gyoen, wo wir westlich in einer der Nebenstraßen auf ein wunderbares Teehaus stoßen: Im Toraya Karyo sitzt man innen schön kuschlig zwischen Bücherregalen (mit dem expliziten Hinweis, sich doch bitte an den Büchern zu bedienen), außen schön schattig auf der Terrasse. Wir entscheiden uns an diesem herrlich sonnigen Tag für die Terrasse und genießen den Blick über einen Wasserspiegel auf den Innengarten mit blühenden Bäumen, Bambus, roten Torii und Schrein. Man reicht uns vorab Genmaicha-Tee und das obligatorische Tuch zur Reinigung der Hände. Wir bestellen ein Set aus Tee und Wagashi, japanischen Süßigkeiten aus Bohnenpaste. Der etwas herbe Matcha-Tee und die Süße der Paste sind eine ideale Kombi und wir genießen eine Weile diese besondere kleine Ruhe-Oase mitten in der Stadt, bevor wir uns auf den restlichen Heimweg machen.

Quer durch den Kyoto Gyoen, wo die Baumarbeiter immer noch fleißig zugange sind und langsam das Feierabend-Publikum mit sportlicher Betätigung Einzug hält, laufen wir zum Kamogawa. An dessen Ufer genießt das Publikum jetzt die Abendsonne: picknickend, schlafend, Drachen steigend, musizierend, sporttreibend oder auch Boule spielend. Wir entscheiden uns für eine kleine sportliche Einheit und überqueren den Kamogawa mit großen Schritten über die Trittsteine im Flusslauf.



Nach über 17 Kilometern, 1.001 Tempeln und Schreinen sowie Millionen Pflaumen- und Kirschblüten sind wir zurück an unserem morgendlichen Startpunkt: dem Gedenkstein am Geburtsort des Ekiden, dem japanischen Langstrecken-Staffellauf.
Wir beenden den Tag mit einem dieser Reisemomente, die man nicht so schnell vergisst: Bei Hatsunezushi, einem kleinen Laden, den wir erst auf den zweiten Blick finden, sitzen wir am winzigen Tresen und genießen kühles Asahi-Bier und unglaublich leckeres Sushi – zubereitet vom freundlichen 70-jährigen Küchenchef und bedient von seiner netten Frau. Die Kommunikation läuft wie so oft hier in Japan und wie auch heute Morgen in der Bäckerei Dank einem Mix aus Menükarten mit Fotos, Google Translator mit Kamerafunktion (wobei hier auch immer sehr viel Erheiterung rauskommt, bei den teils etwas verrückten Übersetzungen…), gesammelten Englisch-Brocken auf der japanischen Seite und gesammelten Japanisch-Brocken auf unserer Seite. Hauptsache geduldig lächeln, danken und dienern, und schon sind alle glücklich.


Wunderbarer stimmungsvoller Bericht! War 2019 im März in Japan, war wunderschön aber auch noch sehr kalt, aber am Ende habe ich die Kirschblüte doch noch erwischt. Bin wie so oft alleine gereist und fand es zum Teil schwierig … Träume von einer Rückkehr im Herbst, um die bunte Laubfärbung zu erleben.
Danke! 2020 im März hatten wir auch noch kälter als dieses Mal, eine Woche später macht dann manchmal doch einiges aus… der Herbst fehlt mir hier auch noch als Jahreszeit, bestimmt auch wunderschön zu sehen!