Sportfest in Japan

Am zweiten Montag im Oktober begeht Japan den „Tag des Sports“: ein Feiertag in Gedenken an die Olympischen Spiele 1964 und zur Förderung von sportlicher Bewegung. Das schrie förmlich nach passendem Programm und wir machten uns nach dem Frühstück auf zu einer langen Wanderung.

Gerade gestartet an der Nijo Station kamen wir nicht sonderlich weit, denn wir entdeckten den Shinsen-en Tempel, der eine außerordentlich schöne Anlage mit Teich hat. Außerdem kann man mal wieder hübsche Stempel sammeln und es gibt Fischfutter zu kaufen, mit dem man die Karpfen füttern kann, die dann ziemlich eskalieren…

Wir folgten der Straße immer geradeaus gen Osten. „Leider“ gab es ständig interessante Dinge zu sehen und wir legten Stopps ein: Bei Kon’s Cycle (wo es herrlich schräge Radhupen in Form von Katzen, Sumo-Ringern etc. gab), schräg gegenüber bei Sports Mitsuhashi, später beim Honno-ji Tempel, bevor es dann über den Fluss auf die östliche Uferseite ging.

Inzwischen war es im Gegensatz zu unserem Ankunftstag gestern aufgeklart, die Sonne brannte und es waren über 26 Grad. Wir legten eine kurze Kaffee- und Getränkepause bei .coffee ein, bewunderten in den umliegenden Shops allerhand Interessantes und konnten den schönen handbedruckten Stoffsachen bei Aogoromo nicht widerstehen.

Dann endlich begann der eigentliche Part der Wanderung, denn wir verließen das Stadtgebiet und bogen nach der Keage Station ab zur Schleuse, dahinter links bergauf und zwar ordentlich bergauf. Die eigentliche Herausforderung waren hier jedoch die zahlreichen Spinnennetze mit ihren riesigen Bewohnern, die ziemlich tief zwischen den Bäumen und Hecken runter auf den Weg hingen. 100 % Gruselfaktor. Ab hier waren wir auf einem Teilstück des Kyoto Trails unterwegs, einem Wander-Rundkurs rund um Kyoto von insgesamt etwas über 80 km Länge. Bevor wir links die Stufen hoch zum Himukai Dai-jingu Schrein nahmen, der idyllisch im Wald abseits von den sonst so gewohnten Touriströmen in Kyoto gelegen ist, machten Schilder darauf aufmerksam, dass man sich hier auf heiligem Grund befindet und diverse Dinge nicht erlaubt sind.

Links vom Haupttempel machte der Pfad eine kleine Schlaufe und ab hier waren wir dann weg von der Zivilisation und drin im Waldgebiet oberhalb der Stadt. Der Pfad wurde stellenweise sehr schmal und wurzelig, hin und wieder kamen Trailschilder (teils rein auf Japanisch) und pinkfarbene Bänder als Kennzeichnung. Abgesehen von gelegentlichen Gruselanfällen vor Spinnennetzen genossen wir die tolle Waldkulisse mit stellenweise dichten Farnfeldern. Nach einer Weile kamen wir an eine Stelle, wo vermutlich sonst ein Wasserfall gequert werden muss. Die schmale Brücke aus Baumstämmen lag kaputt seitlich am Ufer. Derzeit ist zwar alles trocken und die Rinne führt kein Wasser, dennoch war es aufgrund der Tiefe das Bachverlaufs nicht ganz so einfach und wir mussten etwas klettern.

Auf der Suche nach einem guten Ausstieg war ich gerade im Hang hoch zum Hauptweg, als mich von der Seite kommend eine Bewegung erschreckte. Gott sei Dank war es nur ein Wanderer mit seinem Bärenglöckchen, der vom Berg herunter kam, und wir mussten beide sehr lachen. Er sei kein Bär, meinte er zur Beruhigung zu mir. Puh, Glück gehabt! Wir folgten ihm den Singletrail, den nun eher flach verlief, und gelangten kurze Zeit später zum Koma-dochi Fall, einem heilige Wasserfall, der zur Tempelanlage des Nanzen-ji gehört. Dort gab es reichlich Warnschilder vor den Affen, jedoch heute keine Tiere in Sicht.

Von da aus ging es Stufen und Steinblöcke bergab am Saisho-in Tempel, einem Untertempel des Nanzen-ji, und dessen Friedhof vorbei zum alten Aquädukt von Kyoto. Ab hier waren wir quasi eine Weile zurück in der Zivilisation, was in dem Fall unglaubliche Tourimassen bedeutet. Am Aquädukt und am Nanzen-ji wurden überall Fotoshootings abgehalten – hier waren schon die letzten Male immer unglaublich viele Touris anzutreffen, die sich für „authentische“ Japan-Fotos extra in der Nähe beim Kimono-Verleih einkleiden lassen. Für mich hat das immer was von Verkleidung, zumal die meisten mit den Eigenheiten der Bekleidung nicht klarkommen und/oder nicht in den Schuhen laufen können, was dann leider unfreiwillig komisch wirkt. Also schnell weiter, die Shishigadani Dori entlang zum Beginn des Philosophenwegs.

Auch hier waren die Tourimassen nicht zu übersehen. Kurz überlegten wir, bei der Crêperie Breizh Café eine Pause einzulegen, aber es war einfach zu voll. Vorbei an einem Souvenir-Shop mit Katzenmotiven zogen wir weiter zum Café Andbull, wo wir eine kalte Limo tranken. Inzwischen waren es 29 Grad. Da lagen selbst die Katzen faul im Schatten.

Dass der Übertourismus erste Konsequenzen hat, davon hatte ich schon in den Medien gelesen. So wurde kürzlich genehmigt, dass Kyoto seine Übernachtungssteuer massiv erhöht. Hier am Philosophenweg fiel mir neben den Menschenmassen etwas anderes direkt auf: Öffentliche Mülleimer. Zahlreiche Mülleimer. In Japan sonst Mangelware, habe ich heute auf dem Weg zum Ginkaku-ji mehr gesehen, als ich sonst während meinen Japan-Reisen insgesamt gesehen habe. Vermutlich waren die Touris, die ihren Müll nicht auf japanische Art mit sich nehmen und zuhause oder am Supermarkt entsorgen können, ein zu großes Ärgernis.

Am Ende des Philosophenwegs angelangt, kauften wir noch eine Flasche Wasser, bevor wir vor dem Eingang zum Ginkaku-ji links abbogen und die Tourimassen hinter uns ließen. Erst mal aufatmen. Eine Biegung nach rechts und am Parkplatz vorbei, und es herrschte herrliche Ruhe. Ein kurzer Blick auf die Holztafel mit der Wanderroute (die ich mir zur Sicherheit auch in Komoot als Streckenplanung angelegt hatte) und wir begannen mit dem Aufstieg zum Mt. Daimonji.

Auf 1,3 km geht es knapp 225 Höhenmeter nach oben, also eine Steigung von etwas mehr als 17 %. Der Weg ist zunächst eher breit angelegt, wird dann schmaler und stufig bzw. wurzelig, und vor allem zunehmend steiler. Am Nachmittag war hier angenehm wenig los. Trotz Feiertag. Vielleicht war es aber auch vielen einfach zu heiß, ich weiß es nicht. Jedenfalls trafen wir hier fast nur Einheimische, kaum Touris. Insgesamt war angenehm wenig los. Beeindruckend: Fast alle grüßten beim Entgegenkommen mit einem freundlichen Konnichiwa oder Hi. Nach einer letzten steilen Treppe verließen wir keine halbe Stunde später leider den kühlen, schattigen Wald und erreichten den Aussichtspunkt mit den Brennplätzen für die Bergfeuer Mitte August, die überall deutlich zu erkennen waren. Die Aussicht hier war atemberaubend. Kyoto unten wie ein riesiger Teppich, linkerhand klare Sicht bis Osaka.

Hier genossen wir wie einige andere in Ruhe den tollen Blick und ein Picknick, bevor es uns in der Sonne doch etwas zu warm wurde. Den weiteren, wenn auch kurzen Aufstieg zum eigentlichen Gipfel des Mt. Daimonji sparten wir uns mit Blick auf die Hitze, zumal die Aussicht nicht noch besser werden konnte. Da der Trail Richtung Süden gesperrt war, nahmen wir für den Abstieg alternativ die Stufen, die steil nach unten führten, um dann nach einer kurzen Schlaufe wieder auf unseren Trail vom Hinweg zu stoßen. Via Ginkaku-ji und Philosophenpfad ging es zurück gen Süden, bevor wir via Okazaki Schrein abbogen ins Stadtzentrum. Diesen Schrein hatten wir zwar schon mal besucht, mit Blick auf die niedlichen Hasenfiguren konnte ich mir aber einen erneuten kurzen Stopp nicht verkneifen.

Beim Supermarkt nebenan deckten wir uns nochmal mit Wasser ein (und kauften kein Tamagochi), bevor es schnurstracks geradeaus, am Kaiserpalast vorbei, gen Westen ging.

Unsre letzte Station auf unserer Wanderung: Nijo Castle, eine beeindruckende Schlossanlage mitten im Wohngebiet von Nijo. Inzwischen war später Nachmittag und im letzten Tageslicht war die Kulisse besonders schön.

Nach fast 20 km und über 400 hm waren wir wieder an der Nijo Station. Mit schweren Beinen, müde, durchgeschwitzt, aber sehr glücklich mit all den Erlebnissen! Und natürlich ordentlich hungrig: Nach einem Duschstopp in unserer Unterkunft zogen wir direkt los zum Abendessen und wurden im Viertel südwestlich der Nijo Station bei einem Italiener fündig, wo wir noch zwei freie Plätze direkt am Küchentresen ergatterten. Die Speisen definitiv italienisch, aber mit japanischem Einschlag und an den Produkten der Jahreszeit orientiert. So hatten wir als Hauptspeise hausgemachte Pasta mit Pilzen bzw. ein Pilzsteak – auch wenn es wie ein Steak aussehen mag, das war 0 % Fleisch und 100 % (Riesen-)Pilz. Das Dessert dominierten Kastanien in Form von Creme, Kuchen und Sorbet. Grazie mille und gute Nacht, over and out, bis morgen!

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