„Menschen, die auf Handys starren“, so der Titel, der mir beim Anblick des morgendlichen Treibens an der Bahnstation Uguisudani in den Sinn kam. Montagmorgen und die Straßen Tokyos sind mit Verkehr verstopft, dazwischen versuchen sich die Radfahrer durchzuschlängeln und auf dem Gehsteig tummeln sich die Fußgänger – fast alle auf das Handy in ihrer Hand starrend. Dazwischen wir, die mit unserem Gepäck versuchten, ohne großartige Kollisionen vom Hotel zum Bahnsteig zu kommen. Schon um 9 Uhr erreichte das Thermometer trotz Oktober 26 Grad und ich war froh, als wir endlich in der Bahn der Yamanote Line waren und die Klimaanlage genießen konnten. Selbst gestern am späten Abend kühlte es nicht unter 20 Grad ab. Viele hier nutzen Nackenventilatoren oder Sonnenschirme, die Radfahrer haben Armlinge etc. als/mit UV-Schutz an. Es war viel los, aber wie immer hier lief alles brav konzertiert, die ordentliche Steh-Reihung (von Menschen, die auf Handys starren…) in der Bahn erinnerte mich irgendwie an eine Legebatterie.
Bei der Tokyo Station angekommen stiegen wir aus. Wir hatten noch zeitlichen Puffer und nutzten das für die Frühstückssuche. Es war so viel los, dass wir schnell zu dem Entschluss kamen, dass ich mit unseren Koffern an einem Punkt warte und André durch die Schranken raus in den Shop-Bereich geht, alleine den Einkauf erledigen. Das Ergebnis war dieses Mal eher Pragmatismus geschuldet: Die Starbucks-Produkte schmecken ok, aber versetzen einen den reinsten Zuckerschock. Einen O-Saft, Matcha Cheesecake und Coffee Mocha später war ich satt und definitiv überzuckert. Mangels Entsorgungsmöglichkeit (jep, das ist hier das Gegenteil von Deutschland: saubere Toiletten gibt es hier an jeder Ecke, Mülleimer dagegen kaum – wenn in Supermärkten oder an Automaten –, man schleppt immer alles mit bzw. nach Hause…) nahmen wir unseren Verpackungsmüll mit hoch zum Gleis und in den Zug, wo es glücklicherweise einen Mülleimer gibt.




Unser Zug: Der Hakutaka („weißer Falke“) auf der Hokuriku Shinkansen Linie, der bereits am Gleis bereitstand, aber noch gründlich gereinigt wurde und in dem noch die Sitzreihen gedreht wurden. Alles durchgetaktet, denn hier ist pünktlich Abfahrt. Da fiel mir ein, dass bei unserem Japan-Trip im letzten Herbst in den Medien zu lesen war, dass das Management der Deutschen Bahn zum Austausch mit JR herkam – offensichtlich ohne bislang spürbaren Lerneffekt dieses Praktikums für den deutschen Bahnverkehr.
Im Green Car des Zuges erwarteten uns gemütliche blaue Samtsitze, die fast schon was von Ohrensesseln hatten, eine Beinfreiheit größer als in der Premium Economy und vor jedem Stopp die Melodie von Shinji Tanimura, die ich wirklich gerne mag. Nach rund einer Stunde erreichten wir Nagano, wo uns – neben Spuren von Olympia 1998 – Mülleimer auf dem Bahnsteig und in der Bahnhalle begrüßten (in Japan kaum zu glauben!).



Natürlich war es zu früh, um im Hotel einzuchecken. Praktischerweise gibt es in diesem Fall in der Lobby gratis Spinde, in denen man sein Gepäck lassen kann. Nachdem wir alles verstaut hatten, fielen wir nur eine Tür weiter ins Sushi-Restaurant. Japan Tag 3 – höchste Zeit für Sushi! Die Fisch- und Reis-Qualität hier ist einfach unglaublich. Wir bekamen einen Platz direkt an der Theke und der Sushi-Meister war äußerst kommunikativ, soweit es die Sprachkenntnisse zuließen. In einem Mix aus Japanisch und wenig Englisch stellte er uns Fragen, die wir mit unseren wenigen Japanisch-Brocken zu beantworten versuchten: Ja, wir sind aus Doitsu (Deutschland) und ja, hier ist alles oishii (lecker). Grundsätzlich sind hier (fast) alle extrem hilfsbereit, nett und gastfreundlich.



In Nagano, Dach Japans genannt, und den japanischen Alpen ist es zwar nicht ganz so heiß wie in Tokyo, aber immer noch deutlich über 20 Grad und sonnig, und so machten wir uns auf, zu Fuß die Stadt zu erkunden. Unterwegs passierten wir mehrere Gastro-Locations und legten schließlich bei Foret Coffee einen Kaffee- und Kuchenstopp ein (wobei die Auslagen der Arteria Bakery wenige Häuser vorher auch verführerisch aussahen!). Wir hatten die Location in einem youtube-Video über japanische Kaffeespots gesehen und was ein glücklicher Zufall, dass wir dort vorbeikamen!


Nach insgesamt rund 2 km führte uns unser Spaziergang zum Zenko-ji, einem sehr bekannten buddhistischen Tempel. Die Anlage umfasst mehrere Tempelgebäude und ist sehr beeindruckend. Natürlich kam ich nicht am Souvenirshop vorbei und musste ein Ema-Gebetstäfelchen für unsere Sammlung zuhause kaufen. 🙂








Nach einer Tour übers Gelände schlenderten wir wieder zurück Richtung Bahnhof, um endlich im Hotel einzuchecken und kurz die Beine hochzulegen. Wir bleiben hier für insgesamt drei Nächte und haben den Aufenthalt noch nicht komplett durchgeplant, sodass ich die Zeit bis zum Abendessen nutzte, um online weitere Sitzplatzreservierungen für die nächsten Züge vorzunehmen und ein paar Dinge zu recherchieren. Von Nagano aus gibt es mehrere Möglichkeiten für Tagestrips und Wanderungen, aber entschieden hatten wir uns bislang noch nicht. Oft kommt es eh anders als geplant. So auch, als wir ein Pizza- und Pasta-Restaurant fürs Abendessen recherchiert hatten, dort aber abgewiesen wurden (geschlossene Gesellschaft? nur mit Reservierung? keine Ahnung…). Andererseits passieren die besten Dinge oft spontan, und so landeten wir schräg gegenüber in einer Izakaya, in der ausgelassene Stimmung herrschte. Lebhafte Kneipen-Atmosphäre, in dem Fall leider mit dem Abstrich, dass Rauchen erlaubt ist. Die Kommunikation lief rein auf japanisch, aber man zeigte uns ein Schild mit QR-Code und stellte uns im Handy-Browser die Übersetzungsfunktion auf Englisch, und schwupp, verstanden wir was und konnten digital ordern.





Wir saßen wieder mal in der allerersten Reihe und hatten vom Tresen aus einen famosen Blick in die Küche, in der zwei junge Köche zwischen Reiskocher und Frittierkörben rumwuselten. Das Essen war – typisch Izakaya – als Häppchen zum Alkohol gedacht und wir orderten mehrere kleine Gerichte: Gurke in Sesam-Pflaumensoße, sagenhaft zartes Gelbschwanzmakrelen-Sashimi, Kartoffelspalten, Herbstgemüse in Tempura und Reis mit Lachs in Sesamsoße. Super lecker!
Danach ging es mit einem kurzen Zwischenstopp im 7-Eleven wieder zurück ins Hotel, denn wir hatten uns immerhin bzgl. Wanderung entschieden und reservierten online für den übernächsten Tag die Bustickets für Start und Ziel. Für morgen steht es immer noch unentschieden zwischen Trips nach Obuse und Matsumoto (also künstlerisch gesehen zwischen Hokusai und Yayoi Kusama…), und die Entscheidung wird wohl erst beim Frühstück fallen…


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