…liegt Toyama, eine Stadt, in der fast alles neu ist. Im 2. Weltkrieg fast vollständig zerstört, wurde alles neu aufgebaut und Toyama dient inzwischen als Modellstadt für Städteentwicklung und Nachhaltigkeit. Ein durchaus interessanter Reisestopp und per Shinkansen nur knapp 1 h von Nagano entfernt, wo wir heute Morgen bei kühlen 16 Grad aufgebrochen waren. Die Fahrt führt überwiegend durch Tunnel, gegen Ende kann man aber etwas Panorama genießen: linkerhand die japanischen Alpen, rechts die Meeresbucht.


In Toyama wartete eine weitere Premiere auf uns: Mit JAL (Japan Airlines) sind wir zwar schon mehrfach geflogen, bei JAL übernachtet hatten wir dagegen noch nie. Das JAL Hotel in Toyama liegt direkt schräg gegenüber vom Bahnhof, sodass wir in nur wenigen Minuten samt Gepäck vom Bahngleis an der Hotel-Rezeption waren. Auf dem Weg dahin: mehrere kreative Gulli-Designs – wie so oft in Japan.



Ein erster Erkundungsspaziergang führte uns zum Park vorm Rathaus, wo heute dank starker Windböen die Wasserfontäne regelmäßig die weitere Umgebung abduschte…


Im Burgpark kurz dahinter begrüßten Schulkinder beim Mittagspicknick laut schallend mit „Konnichiwa!“. Der Schein der Burg (bzw. des Burgturms, denn mehr ist nicht mehr übrig) trügt, denn auch sie hat keine 100 Jahre auf dem Buckel, sondern wurde erst nach Kriegsende als Betonversion wiedererrichtet.



Die Gartenanlage gegenüber hat etwas von einem botanischen Garten: gepflegte Bonsais, Teiche mit Karpfen, kleine Holzbrücken… Das Café an der Ecke hatte leider geschlossen, da derzeit das verschlammte Flussbett davor ausgebaggert wird. Auch der nächste Versuch war nix: Die Cafeteria gegenüber beim D&Department Store war leider überfüllt und nach kurzer Zeit in der Warteschlange gaben wir auf und zogen weiter – nicht ohne einen Blick auf die schönen Produkte und die Katzenteppiche. 😉

Was in dieser Stadt auffällt: Das Tram-Angebot aus sehr alten und sehr modernen Straßenwagen. Und die Dreiteilung des Straßenrandes in Radfahrer, Rollstullfahrer und Fußgänger. Laut Medien alles so erfolgreich, dass es auch in anderen japanischen Städten ausgerollt wird. Auf dem Weg zurück ins Bahnhofsviertel sinnierten wir darüber, dass das ein Punkt ist, der für uns das Reisen ausmacht: die Perspektive wechseln, mit offenen Augen durch die Welt gehen, neues sehen und lernen, in Bezug zum Gewohnten setzen und reflektieren. Reisen als (Weiter-)Bildung und Toleranzschule.




Am Bahnhof zog es uns in die große Shoppingmall, wo wir das Angebot an Obst, Gemüse, Fisch und Meeresfrüchten bewunderten. Und eine Filiale der German Bakery, wo es kein einziges Gebäckteil gab, das mich an Deutschland erinnerte, aber nun gut. In der Heim-Abteilung durfte natürlich das Katzengeschirr nicht fehlen und in der Elektronikabteilung ging es wie immer laut und schrill zu. Lovot, den eiförmigen Tamagochi-Roboter zum Kuscheln für Zuhause, kannten wir schon von den letzten Japan-Besuchen. Der Preis der neuesten Version von über 3.000 EUR lässt einen leicht schwindelig werden, aber das Teil ist wie immer ein Anziehungspunkt für Kinder. Faszinierend die andere Variante eines Roboter-Freundes: RoBoHon tanzt, singt und lacht, liest Nachtgeschichten vor und kann dank KI Fragen beantworten. Und sorgt laut Flyer sogar dafür, dass die Hauskatzen sich nicht so einsam fühlen. Ein Spaß, der in der Basisversion mit unter 1.000 EUR deutlich günstiger zu haben ist als der gute Lovot. Im Rahmen der „Robodays“ schlugen vor uns zwei ältere Damen zu und konfigurierten sich ihren individuellen Roboterfreund. Unglaublich. Von so viel Technik der Zukunft musste ich mich erst mal im Foodcourt erholen – bei japanischer Version von Spaghetti Bolognese und giftgrüner Melonen-Fanta.






Auf dem Weg zum Fugan Canal Kansui Park machten wir einen Stopp bei Kitton Coffee – lange kommt man hier ohne Katzen-Marketing ja eh nicht durch. 😉 Wir hatten die Location via Online-Suche nach Cafés mit guten Bewertungen gefunden. Der Besuch durchaus ein kurioses Erlebnis: Abseits von Shops im EG eines großen Wohngebäudes gelegen, begrüßte uns beim Betreten abgesehen von leiser klassischer Musik eine beinahe gespenstische Stille. Von den wenigen anwesenden Gästen starrte uns die eine Hälfte wie Aliens an, die andere Hälfte schlief. Wir bestellten, setzten uns und warteten. Nach einer Weile holte ich mein Buch raus und fing an zu lesen, doch irgendwie lullte auch mich die Musik langsam ein. Als nach einer halben Ewigkeit die nächsten Getränke fertig waren, erwachten plötzlich zwei Personen aus dem Schlaf. Weiteres Warten. Als wir endlich dankend und dienernd mit einem Café au Lait in der Hand das Café verließen, hatte ich das Gefühl, in einem Paralleluniversum gewesen zu sein.

Im Fugan Canal Kansui Park drehten wir nur eine verkürzte Spazierrunde, da die Windböen inzwischen doch recht stark geworden waren. Die Idee einer Tour auf einem der Solarboote verwarfen wir und machten uns wieder auf Richtung Bahnhof bzw. Hotel.





Beim Abendessen lief auch mal wieder alles anders als geplant: Fisch und Meeresfrüchte der Bucht hier sollen dank des Schneewassers aus den Bergen eine bemerkenswerte Qualität haben. Daher hatten wir zwei Sushi-Restaurants recherchiert. Das eine war klein wie eine Schuhschachtel und hatte keine freien Plätze mehr. Das andere hatte leider geschlossen. Die heitere Stimmung aus der Location gegenüber lockte uns und man winkte uns dort freundlich zum vorletzten freien Tisch. Das ganze erwies sich zwar nur als Kneipe mit – typisch für eine Izakaya – einem Angebot, das sich fast rein auf Alkoholisches und kleine Gerichte beschränkt, aber wir sollten schon satt werden. Wie schon bei dem super Izakaya-Erlebnis vor wenigen Tagen in Nagano bestellten wir einfach mehrere der tapasartigen Gerichte. Die Verständigung mangels Englisch eher schwierig, auch hier waren wir die einzigen nichtjapanischen Gäste. Aber auch hier half die Kombi aus Fotos von den Gerichten, einem Blick auf die Nachbartische und der japanischen Gastfreundlichkeit. Zu Bier und Lemon Chu-Hi, der japanischen, auf Shochu basierenden Variante von Lemon Sour, bestellten wir u. a. einen Salat mit Tunfisch-Kürbis-Mousse, frittierten Tintenfisch, Pilzsalat, Reis, Misosuppe und Sesam-Tofu. Vorweg gab es gratis noch zwei kleine Schälchen mit Okra-Schoten-Salat und warmem Pilz-Mix. Simples, ehrliches Essen. Das ganze fast schon geschenkt, wie wir beim Rauszählen des Bargelds bemerkten: Die Rechnung belief sich umgerechnet auf gerade mal 18 EUR für uns beide. Ein „Arigato“ (Danke) und ein „Oishii“ (lecker) von uns, und das Küchen- und Thekenpersonal kriegte sich vor lächeln, dienern und danken nicht mehr ein. Alle glücklich, Zeit für Feierabend! 🙂





Morgen im Programm: Takaoka (und noch ein bisschen mehr Toyama).
Ein Gedanke zu “Zwischen Bergen und Meer”