Als Hauptstadt Japans haben alle Tokyo auf dem Schirm. Doch dass in früheren Zeiten auch mal Kyoto und Nara Hauptstädte Japans waren, wissen weitaus weniger. Nach Nara zu reisen hat auch andere Gründe, aber dazu später mehr…
Auf dem Weg zum Bahnhof von Kyoto legen wir noch einen kurzen Stopp beim Higashi-Hongan-ji ein, einem beeindruckenden Tempelkomplex in unmittelbarer Nähe von Bahnhof und Kyoto Tower. Langsam macht sich übrigens bemerkbar, dass wir schon zehn Tage hier sind: Die Regeltreue geht uns langsam auf den Keks und wir haben schon zwei freie Straßen trotz roter Fußgängerampel überquert…



Mit dem nächsten Regionalzug fahren wir nach Nara, wo wir nach ca. 1 h aussteigen. (Es gibt noch einen Expresszug, der etwas schneller ist, aber wir sind im Urlaub und haben Zeit.) Vom Bahnhof aus landet man direkt in der Haupt-Shoppingstraße und folgt den Hinweisschildern Richtung Park. Es ist Mittag, schon wieder nahezu 30 Grad und die Sonne brennt erbarmungslos. Übrigens erkennt man hier schön, wer von wo kommt: Bei eher knapp Bekleideten (kurze Shorts/Röcke, Tops, ärmellose Oberteile, tiefe Ausschnitte etc.) handelt es sich um Touristen/Ausländer, denn Einheimische nutzen intensiven UV-Schutz in Form von langärmeligen Shirts, Armlingen, Schirmen, langen Hosen/Röcken, Strümpfen und teils sogar Handschuhen (z. B. beim Radfahren). Wir haben heute an Sonnencreme gedacht und ich auch an Socken in den Sneakers, aber letzteres eher aus dem Grund, dass man bei Tempel & Schreinen sowie in Restaurants bei Bereichen mit Tatami-Matten die Schuhe ausziehen muss.
Nach kurzem Fußweg, der uns schon ordentlich ins Schwitzen bringt, erreichen wir linkerhand den Kofuku-ji Temple, vor dem auch schon der erste der über 1.000 hier lebenden Sikahirsche liegt. Wir lösen eine Eintrittskarte für den Chu-kondo, die zentrale Goldene Halle, die vor sechs Jahren, bei unserem letzten Besuch, noch nicht fertig rekonstruiert war. Dafür sind jetzt die Pagode und andere Gebäude eingerüstet und werden renoviert. Die beeindruckende Anlage lässt ein bisschen erahnen, welche Pracht hier herrschte, als Nara von 710 bis 784 Hauptstadt war. Nicht umsonst ist hier vieles Teil des UNESCO-Weltkulturerbes.



Dahinter beginnt auch schon der Nara-Park, wo uns die erste große Meute Sikahirsche erwartet, denn ab hier gibt es regelmäßig Verkaufsstände mit speziellen Reiskeksen, die man an die Hirsche und Rehe verfüttern darf. Diese sind Nationalheiligtum und seit langer Zeit geschützt, haben so ohnehin schon viel Zutrauen entwickelt, außerdem sind sie total konditioniert, was die Kekse anbelangt. Einerseits ganz niedlich anzusehen (vor allem die ganz Kleinen), andererseits ganz schön aggressiv (deswegen werden im Herbst die Geweihe gestutzt). Sobald sie Kekse wittern, stürzen sie sich auf einen. Überall stehen Warntafeln mit Hinweisen, wie man sich zu verhalten hat. Und obwohl ich meine Gürteltasche und die kleine Tasche (mit den Keksen) fest im Griff habe, schlabbert und beißt mir eines der vierbeinigen Keksmonster beherzt in den Stoff. So viel zu unserer Hoffnung, dass die Viecher vom langen Wochenende bzw. dem Feiertag gestern ordentlich durchgefüttert und gesättigt sind…




Der Weg zum Todai-ji Temple gleicht einem Spießruten-Lauf: Ständig auf der Hut vor den Sikahirschen und bloß nicht in einen der vielen Kackhaufen reintreten!



Wir gehen bis zum Todai-ji Temple, sparen uns aber den Eintritt: Die Halle mit dem Daibutsu, einer der größten Buddha-Statuen der Welt, ist zwar sehr beeindruckend, wir haben sie jedoch vor sechs Jahren schon besucht und ein zweites Mal reizt uns nicht. Stattdessen schlendern wir weiter zum Kannon-do Temple und weiteren Tempeln und Schreinen auf dem Gelände, immer verfolgt von hungrigen bzw. dreisten Sikahirschen. Immerhin nehmen die Tourimassen ab, je weiter wir uns vom Todai-ji Temple entfernen.




Zum Abschluss besuchen wir noch den Kasuga-Taisha Shrine, wo ich natürlich wieder Ema-Täfelchen und Omikuji-Figürchen – in Hirschform, ist klar – für meine Sammlung erstehe. Müde und inzwischen auch ganz schön hungrig spazieren wir über den mit über 1.000 Laternen gesäumtem Weg zurück in die Stadt – immer wieder verfolgt und angebettelt von den zahlreichen Sikahirschen.




In der überdachten Einkaufsstraße freuen wir uns, dass es auch „unser“ Lunch-Restaurant noch gibt, trotz der langen Zeit und der Pandemie. Im Com Ngon, das etwas versteckt im 1. OG liegt, gibt es leckere vietnamesische Küche – und ein fünfgängiges Mittagsmenü für umgerechnet ca. 15 EUR.



Gestärkt und etwas abgekühlt gehen wir durch die Shoppingstraße wieder zurück zum Bahnhof, ignorieren den ganzen Kitsch, den man hier rund um die heiligen Hirsche verkaufen, nehmen den Sammelstempel von Nara mit und steigen in den nächsten Regionalzug nach Kyoto. Ab dem Halt bei Fushimi Inari-Taisha wird es voll im Zug. Und wir schwelgen beim Blick zu den roten Torii oben auf dem Berg in Erinnerungen an unseren Besuch hier im letzten Jahr.



Angekommen am Bahnhof von Kyoto sehen wir den Luxuszug Twilight Express Mizukaze abfahren – ganz hinten winken die Spitzenköche mit den weißen Hauben den Menschen am Gleis zu. Mit einem kurzen Zwischenstopp im Kyoto-Yodobbashi, einem riesigen Einkaufszentrum direkt am Bahnhof, laufen wir zurück in unser Hotel. Für heute komplett geschafft, reicht meine Energie gerade noch so für eine kurze Einheit auf dem Laufband und eine Runde Entspannung im Onsen – dessen 40 Grad warmes Wasser mir bzgl. Müdigkeit den Rest gibt. Morgen erwartet uns der nächste Städtetrip…


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