Kultur, Natur & Kulinarik

Die begrenzte Zeit auf Hokkaido will gut genutzt sein, von daher gibt es ausnahmsweise einen gestern geschmiedeten Plan für den Tag, um ausgewählte Highlights von Hakodate zu sehen. Dabei könnten wir eigentlich im Hotel bleiben, so verlockend und reichhaltig ist das Frühstücksangebot: von Pancakes, Müsli und Brot über Sashimi und Misosuppe bis hin zu Curry, Pasta und Würstchen. Außerdem feiert man „Spanische Woche“ und es gibt entsprechende Spezialitäten. Was mir besonders positiv auffällt: Butter, Milch, Joghurt, Tomaten-Marmelade, Melonen etc., vieles ist regional von der Insel. Was noch auffällt: Einige tragen tatsächlich die vom Hotel bereitgestellten Pyjamas und Hausanzüge, ganz als ob sie zuhause im eigenen Wohnzimmer wären.

Gestärkt geht es los zum Hakodate Morning Market, der hauptsächlich frischen Fisch, Meeresfrüchte, Melonen, Kastanien, aber auch vielerlei anderes im Angebot hat. Obwohl es noch weit vor Mittag ist, gibt es schon lange Warteschlangen am Essensbereich mit großen Aquarien voller Krabben, Austern, Tintenfischen etc.

Nächster Stopp ist das Kanamori Red Brick Warehouse, ein Komplex aus vier roten Backsteinhäusern direkt am Hafen. Es gibt einige sehr nette Shops, z. B. mit Keramikwaren, und eine Bierhalle. Kawaii/Niedlich, ertönt es unablässig.

Danach steigen die Straßen gen Süden ziemlich an und erinnern uns irgendwie leicht an San Francisco. Am Gokoku Shrine führt eine Treppe hoch zum roten Torii – gar nicht so leicht zu gehen, denn die Treppenstufen hängen durch bzw. sind auseinandergebrochen. Der Schrein selbst ist geschlossen, aber die Anlage mit ihren alten Bäumen hat etwas sehr friedliches. Natürlich muss ich auch wieder ein Omikuji für meine Sammlung erstehen: Der Papierstreifen mit der Wahrsagung ist bei diesem Schrein in kleinen Eulen versteckt.

Es ist inzwischen sehr warm geworden und die Sonne hat sich durch die Wolken gekämpft. Wir beschließen, den Aufstieg zum Mount Hakodate mit der Seilbahn zu bewältigen und nur den Weg nach unten zu wandern. Die Seilbahn-Station ist gleich gegenüber vom Schrein und das Ticket schnell gekauft. Geschickt, wenn nicht Touri-Nepp: Nur das Roundtrip-Ticket ist ins Englische übersetzt. Das One-way-Ticket suchen wir zunächst vergeblich, entdecken es aber mithilfe von Google Lens/Translator bei den japanischen Angaben. Innerhalb nur weniger Minuten schwebt die Gondel nach oben und schenkt einen grandiosen Blick auf Hakodate und den Süden Hokkaidos. Oben angekommen hat man vom Observatorium aus einen beeindruckenden Rundumblick: Im Norden die Berge Hokkaidos, im Süden das Meer und die Hauptinsel Honshu. Angeblich wird diese Aussicht in Japan als „million dollar view“ bezeichnet, in der Nachtversion wurde sie sogar zur schönsten Aussicht Japans gekürt.

Für den Abstieg suchen wir erst mal den richtigen Ausgang, denn wir wollen nicht über die asphaltierte Straße hinunterlaufen, sondern über einen der Trailwege. Das ist gar nicht so einfach. Wir finden aber sowohl den richtigen Ausgang im Observatorium (der im Süden, direkt da, wo die Gondel anlegt) als auch den richtigen Trail. Letzteres ist teils etwas knifflig, weil es einige Trails gibt, die zum einen unterschiedlich lang und steil sind und zum anderen zu einem weiteren Gipfel statt zurück in die Stadt führen. Gut, dass dann doch immer wieder Schilder und Karten auftauchen und man sich ganz gut orientieren kann.

Der Trail lässt sich insgesamt sehr gut gehen – kein Vergleich zum rutschigen Pflaster des alten Postweges in Hakone oder zum steilen Trail am Mount Misen, auf denen wir letztes Jahr gewandert sind. Ungefähr in der Hälfte gibt es einen Unterstand für eine Rast und – natürlich, wie hier überall – ein sauberes Toilettenhäuschen. Eine Gruppe älterer Japanerinnen grüßt uns freundlich – und wir wundern uns leicht über ihre Ausrüstung: weite Hüte mit Moskitonetzen darüber. Ich ziehe sonst ja gerne das große Los, konnte hier unterwegs aber überhaupt keine Stechmücken ausmachen.

Nachdem der Trail endet, führt uns der Weg zurück in die Stadt durch Motomachi. In diesem Viertel gibt es viele Gotteshäuser verschiedener Religionen, gut erhaltene Villen und die alte Stadthalle.

Langsam trübt es sich ein. Die Wolken hängen schon so tief, dass sie die Berge im Norden verschlucken. Zurück im Hotel wechsele ich zügig in die Laufklamotten, denn Tageslicht bleibt mir auch nicht mehr so lange: Hier geht derzeit schon um 17:45 Uhr die Sonne unter. Ich entscheide mich für eine Strecke am Hafenufer entlang und biege dann über eine Brücke ab auf eine künstliche Insel: Midori-no-Shima. Grundsätzlich ist es hier in Japan kein Problem, als Fremde bzw. Frau alleine laufen zu gehen – auch wenn ich als Europäerin und mit gut 1,70 m Körpergröße durchaus auffalle. Ich fühle mich hier meistens sehr sicher und die Japaner:innen sporteln/laufen sehr viel, ich bin also kein Einzelfall. Unterwegs wird man meist freundlich gegrüßt, oft wird auch gedienert – wie es mir heute passiert, als eine japanische Schulklasse stehenbleibt und sich verneigt, als ich vorbeilaufe. Was ich hier allerdings eher nicht mache, ist spontan loslaufen. Kulturell habe ich dann doch meine Bedenken wegen Fettnäpfchen, denn in einigen Parks ist Laufen nicht gestattet und auf heiligem Boden rund um Tempel, Schreine usw. auch nicht. Meistens sichere ich mich daher über Strava ab und schaue vorher dort nach, wo Segmente bzw. frequentierte Laufrouten liegen. Deswegen lande ich heute auf dieser kleinen Insel mit Blick auf den Hafen und den Mount Hakodate, wo ich entspannt ein paar Runden drehe und lediglich ein paar Läufern und Anglern begegne. 7 km später bin ich fast wieder am Hotel zurück, als es anfängt zu regnen. Perfektes Timing.

Für das Abendessen wagen wir einen zweiten Anlauf bei den beiden Sushi-Adressen, die gestern am Feiertag geschlossen hatten. Bei Nemuro Hanamaru geben wir gleich beim ersten Anblick auf: Die Warteschlange ist endlos, einige campieren im Treppenhaus schon so lange, dass sie die Zeit für ein Nickerchen nutzen. Die andere Adresse finden wir erst nach etwas Suchen, denn sie liegt etwas versteckt in einer Seitenstraße: Sushikin. Auf den ersten Blick wirkt der Laden klein und voll, im EG ist ein langer Tresen vollbesetzt. Aber man winkt uns freundlich rein und einer der Köche gestikuliert Richtung Treppe und nach oben. Das OG besteht aus vielen kleinen Wohnzimmer-artigen Räumen, wovon man uns einen zuweist. Der Boden ist mit Tatami-Matten belegt und man zieht davor die Schuhe aus – übrigens einer der Gründe, warum es in Japan ratsam ist, immer Socken zu tragen. Die Bedienung spricht kaum Englisch, die Menükarten sind überwiegend auf Japanisch, aber wir haben ja Google Translator/Lens. Die freundliche Dame gibt uns zu verstehen, dass wir uns Zeit lassen sollen und bei Bedarf einfach die mobile Klingel betätigen sollen, die sie uns auf dem Tisch hinterlegt.

Wir bestellen Bier, u. a. ein lokales aus Sapporo, Sashimi, Miso-Suppe und Sushi. Alles kommt innerhalb weniger Minuten und ist unglaublich lecker. Bei einigen Sushi-Teilchen steigen uns die Tränen in die Augen – weniger vor Rührung, sondern wegen einer bestimmten Zutat: Ich erinnere mich, dass die Bedienung beim Notieren der Bestellung beiläufig „Wasabi ok?!“ fallen ließ, und muss lachen. Insgesamt ist es eins der leckersten (Oishii!) Sushi-Erlebnisse, die wir hier in Japan bisher hatten, und eins der authentischsten ohnehin.

Der Heimweg führt uns durch Streetfood-Gassen, oben am Himmel strahlt der Vollmond, und wir bewundern auf dem Weg ins Hotel die hier übliche „Gullideckelkunst“. Ein kleines Fazit zu Hakodate bzw. Hokkaido: Im Vergleich zu anderen Großstädten hier mag es ruhiger und durchaus langweiliger erscheinen. Aber es ist authentischer, hat seinen Charme und offenbart das wahre Japan – das man definitiv nicht erlebt, wenn man nur Städte wie Tokyo, Kyoto oder Osaka besucht.

Leider heißt es morgen schon Abschied nehmen und auf zur nächsten Station unserer Reise…

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