Wanderfalke

Heute ist quasi Wandertag: Für uns geht es auf nach Hokkaido, die Nordinsel. Das Transportmittel dahin ist der Hayabusa (= Wanderfalke) Shinkansen, der mit 320 km/h von Tokyo aus gen Norden rauscht – mit prächtigem Landschaftskino.

Nach der Hitze gestern hat es in der Nacht angefangen zu regnen, bei immer noch 28 Grad, und so kämpfen wir uns morgens samt Gepäck bei sehr schwül-warmen Bedingungen die 500 m zum Bahnhof Ueno Station durch. Dort erstehen wir nicht nur Gebäckteilchen zum Frühstück in einer französischen Boulangerie, sondern auch die fast schon obligatorischen Ekiben (Bento-Boxen), die man während der Shinkansen-Fahrt verspeist – natürlich in der Herbst-Version mit Kastanien.

Die Tickets der Sitzplatzreservierung sind einigermaßen schnell ausgedruckt – ja, das ganze ist trotz Online-Reservierung mit Mail-Benachrichtigung immer noch so unlogisch teildigitalisiert und man muss am Automaten erst die Nummer vom Rail Pass und dann die vom Reisepass eingeben, um Papiertickets mit der Sitzplatzinfo auszudrucken… Irgendwie unnötig und nicht ganz 2024. Danach machen wir uns zügig auf zur Shinkansen-Plattform, schon mal Züge gucken bis unsrer kommt. Die Shinkansen-Züge sind nämlich je nach Strecke sehr unterschiedlich gestaltet: Die Hayabusa-Züge mit einem satten Grün und Lila. Außerdem ist es immer faszinierend zu beobachten, wie die Putzkolonnen aus einer versteckten Ebene unterhalb der Plattformen fast unbemerkt in die Züge huschen.

Kaum ist unser Zug da, geht es natürlich wie immer hier pünktlich los. Und kaum sind die Türen verschlossen, mampfen auch schon alle ihre Ekiben, als ob das ein ungeschriebenes Gesetz wäre. Zunächst geht es durch den Speckgürtel von Tokyo, dann wird es ländlicher und wir durchqueren Fukushima, das immer noch mit den Folgen des schweren Erdbebens zu kämpfen hat. Es folgt ein eher hügeliger Streckenabschnitt, bevor es in eine flache Ebene und Richtung Meer geht. Nach dem letzten Halt auf der Hauptinsel Honshu geht es in den Seikan Tunnel, der auf knapp 54 km-Länge und 100 m unter dem Meeresboden zur Nordinsel Hokkaido führt. Je nachdem ob nach Gesamt- oder Unterwasserlänge gemessen, streitet er sich mit dem Eurotunnel um den Titel „Längster Unterwassertunnel der Welt“.

Nach insgesamt 4 h 10 für über 800 km sind wir am Bahnhof Shin-Hakodate-Hokuto angekommen. So pünktlich, entspannt und ja, auch mit sehr sauberen (Dusch-)WCs, wie es bei der Deutschen Bahn undenkbar ist. Ein kurzer Gleiswechsel und wir sitzen im Regionalzug, der uns in 20 min. nach Hakodate in die Stadt bringt. Der erste Eindruck von Hokkaido (übrigens mit „ei“ und langem „o“, nicht mit „a-i“ gesprochen, wie man es in Deutschland üblicherweise hört): Es ist wunderbar grün und vor allem im Vergleich zum überhitzten Tokyo angenehm kühl (22° C).

Keine 600 m zu Fuß und wir checken im Hotel ein – wo wir gleich den Unterschied zur Großstadt merken: Sobald es ländlicher wird, ist das Englisch schlecht bis nicht vorhanden. Wenn die Japaner:innen dann auch noch leise und durch den Mund-Nase-Schutz gedämpft sprechen, bin ich verloren. Bei den Formularen und der Verständigung an der Hotelrezeption hilft nur Google Translator. Wir erhalten vier Seiten Informationen und Regelwerk. Ein kleiner Auszug: Es gibt unterschiedliche Zimmer-/Zugangskarten für Männer und Frauen, um den separaten Zugang zum hoteleigenen Hotspring Pool zu regeln. Die (wie in Japan üblich) vom Hotel gestellten Kimonos und Pyjamas dürfen überall im Hotel getragen werden.

Die Suche nach dem Abendessen gestaltet sich schwieriger als gedacht. Wir hatten mit einem Sushi-Restaurant geliebäugelt, aber heute ist Keiro no Hi / Respect for the Aged Day, ein nationaler Feiertag, und es sind sehr viele Restaurants geschlossen. Unsre Rettung ist ein kreischend bunter Burgerladen namens Lucky Pierrot, der online sehr gute Bewertungen aufweisen kann. Doch nach ein paar Minuten in der Warteschlange sehen wir das „No Credit Card“-Schild an der Kasse und drehen erst mal um, um am Bahnhof einen Geldautomaten zu suchen. Es ist nicht anders als in Deutschland so oft der Fall: Je ländlicher es wird, desto rarer das Englisch und desto eher „Cash is King“. Der erste Automat am Bahnhof akzeptiert dann auch prompt nur japanische Kreditkarten. Bingo. Immerhin gibt es ums Eck einen 7-Eleven-Shop und ich erinnere mich, dass es dort fast immer einen ATM gibt, der Bargeld ausspuckt. Unsre Rettung.

Ausgestattet mit Bargeld geht es vorbei an einigen Restaurants mit tierischer Auslage zurück in die Burger-Warteschlange, wo wir wieder mal mithilfe der Kamerafunktion von Google Translator das Angebot entziffern. Das Ergebnis mag sprachlich manchmal spaßig sein, bewahrt aber vor unangenehmen Überraschungen auf dem Speiseteller. Wir entscheiden uns für Burger und Bier, genauer gesagt den „Happy Cheese“- und den „Chinese Chicken“-Burger – und werden nicht enttäuscht.

Der Abendspaziergang fällt überraschend ruhig aus: Hier in Hakodate herrscht tote Hose, es ist kaum was los auf den Straßen. Ein krasser Gegensatz zum quirligen Trubel Tokyos heute Morgen! Wir freuen uns schon sehr, morgen die Umgebung zu entdecken.

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