Insel-Re(h)vival

Der Tag beginnt mit leichten Rückenschmerzen – Schlafen auf Futon-Betten bzw. Tatami-Matten ist doch etwas speziell. Genauso speziell ist das Frühstücksangebot: Bekommt man im Hotel meist noch etwas europäisches Frühstücksangebot, ist es im Ryokan die rein japanische Version. Schwierig für Personen wie mich, die gerne süß frühstücken. Ich halte mich an zwei kleine Brötchen, den Joghurt und nehme dankbar das Angebot einer Schüssel mit warmem Reis an. Den Salat und die Pastete schaffe ich so früh am Morgen leider nicht. Ebenso die Kartoffeln und Würstchen, die auf dem Stövchen vor mir in einer gusseisernen Schale vor sich hin brutzeln – daraus aber immerhin noch das Spiegelei und die Erbsen.

Gut gestärkt geht es mit dem nächsten Shuttlebus zum Fährterminal von Miyajima. Auf dem Weg Richtung Torii gönnen wir uns bei Starbucks erst mal einen Kaffee. Das fühlt sich endlich nach gewohntem Frühstück an! Es ist noch wenig los und die beiden Mädels am Tresen wollen wissen, woher wir kommen. Doitsu! (Deutschland) Ob wir Touris sind? Ja, sind wir und wir wollen heute auf den Mount Misen wandern. Ungläubige Blicke. Wandern, wirklich? Anscheinend hat der Reiseführer Recht: Man arbeitet hier so viel und hat so wenig Freizeit, dass man die nicht noch mit Wandern vergeudet.

Was anderes als Wandern bleibt uns auch eh nicht übrig, denn heute ist die Seilbahn (mit der wir 2020 auf den Berg hoch sind) wegen Wartung außer Betrieb. Super Timing! So früh am Morgen ist auf der Insel ohnehin noch wenig los, die meisten besuchen den Itsukushima Schrein und das große Torii, das im Wasser steht, aber nur wenige Meter weiter und es ist herrlich ruhig und kaum jemand unterwegs. Kaum jemand meint kaum Menschen, denn die (heiligen, da Götterboten) Rehe bevölkern auf Miyajima echt jede Ecke und lauern ständig auf Futter: Sehen sie Essen, Getränke oder Taschen, stürzen sie auf einen und werden ziemlich penetrant. Ok, nicht ganz so schlimm wie in Nara, als mir die Rehe quasi in die Stofftasche bissen…

Über den Momijidani Park geht es noch recht gemütlich bergan zur Momijidani Talstation, vor der wir endlich einen Mülleimer für unsre Starbucks-Becher finden. Ein Wunder, dass es hier überall immer so sauber ist, wo man im öffentlichen Raum oft vergeblich Mülleimer sucht… Wir biegen nach rechts ab auf den Momijidani Trail – die steilste Option, um auf den Gipfel zu kommen. Von hier aus sind es rund 2,5 km und ordentlich Höhenmeter bis zum Gipfel des Mount Misen, aber die Strecke lässt sich bis auf ein paar Teilstücke mit sehr schiefen Stufen viel besser gehen als erwartet. So sind wir auch viel früher als erwartet oben: Als Gehzeit sind 1,5 bis 2 h angegeben, wir sind nach gut unter 1 h auf dem Plateau unterhalb des Gipfels. Dort sind diverse buddhistische Hallen und Schreine, u. a. mit der spirituellen Flamme, aus der die Friedensflamme im Friedenspark in Hiroshima entzündet wurde. Darüber köchelt ein Trank, der in Sachen Liebe helfen soll, nebenan im Häuschen kann man zudem Amors Pfeile mit Sprüchen, Ema-Wunschtäfelchen mit Liebesmotiven usw. kaufen – und ganz unromantisch aus den hier in Japan weit verbreiteten Automaten Getränke und Snacks.

Nur noch ein kurzes Stück und wir haben nach insgesamt knapp 4 km und etwas mehr als 500 Höhenmetern den Gipfel des Mount Misen erreicht, wo wir auf der Aussichtsplattform den tollen Rundumblick Richtung Hiroshima und über das Seto-Binnenmeer genießen und erst mal picknicken. Inzwischen ist es richtig warm geworden und der Aufstieg hat uns ordentlich zum Schwitzen gebracht. Gut, dass der Abstieg erst mal wieder durch schattigen Wald führt! Nach dem Niomon entscheiden wir uns für den Rückweg über den Daishoin Trail. Dieser ist weniger steil als der Weg, den wir beim Aufstieg genommen haben, aber viel anstrengender zu gehen, da viel stufiger. Vor allem sind die Stufen schief, unterschiedlich hoch und teils locker. Gefühlt kommen wir sehr langsam voran und der Abstieg zieht sich wie Gummi.

Nach dem Queren des Flusslaufs erreichen wir den Daishoin Tempel, der uns vom letzten Mal noch in schöner Erinnerung geblieben ist: Hier steigt man vom Eingang aus zunächst wieder einige Stufen hoch, bis man die Tempelgebäude erreicht hat. Und hier steht auch die Glocke, deren Gong wir auf dem Rückweg öfters gehört haben. An einem der Verkaufstischchen erstehen wir ein Ema-Wunschtäfelchen mit Katzenmotiv für unsre Sammlung. Alternativ gibt es auch hier wieder Ema-Motive rund um das Thema Liebe sowie Ema in Form eines Autos – offenbar ein Thema mit viel Gebetsbedarf.

Vom Daishoin aus sind es nur noch wenige Meter zurück in den Ort. Langsam aber sicher freuen wir uns auf eine Stärkung, haben aber eher keinen Appetit auf die beiden Spezialitäten der Insel: gegrillte Austern (ich bin dann doch eher Fan der kalten Version) und Momiji Manju (kleine Waffeln in Form eines Ahorn-Blatts, gefüllt mit süßer Bohnenpaste). In einer kleinen Gasse hinter der großen roten Pagode finden wir Sarasvati, einen kleinen Laden, in dem wir 2020 verdammt guten Espresso getrunken haben. Spaghetti mit Ragout (und Austern on top) und Lemon Soda stehen auch 2023 noch auf der Karte und stimmen uns auch dieses Mal sehr zufrieden. Oishii! (Lecker!) Zum Nachtisch noch Espresso und alles ist perfekt.

Fast. Wäre da nicht wieder die Verständigung. Beim Bezahlen folgt eine Ausführung auf Japanisch, die wir nicht verstehen. Wir folgern, es kostet mehr und unser Bargeld reicht nicht. Netterweise hilft ein junger Mann am Nebentisch und übersetzt: Wir erhalten einen „discount price“. Ah ja, gerne, warum auch immer. Brockenweise führen wir eine Unterhaltung auf Japanisch und Englisch. Die Dame am Tresen berichtet, dass sie anfange Englisch zu lernen. Woher wir denn seien? Doitsu! Wir erzählen, dass wir 2020 schon mal hier waren, sogar von ihren Kaffeebohnen gekauft und mit nach Hause genommen haben und sehr froh sind, dass es diesen schönen bzw. leckeren Ort auch nach der Pandemie immer noch gibt. Denn vieles hier auf der Insel hat (noch) geschlossen, der Tourismus ist noch nicht ganz zurück. Ich zeige Handyfotos von unserem Aufenthalt bzw. Essen hier im März 2020, die beiden Damen am Tresen sind außer sich vor Freude. Der junge Mann am Nachbartisch, der aus Hiroshima ist, möchte dagegen lieber über die Fußball-WM und die Bundesliga sprechen. Klar, Fußball ist das internationalste Thema von allen, das geht immer. Da hab ich zwar keine Ahnung von, aber ich erinnere mich vom letzten Japan-Trip noch an ein ähnliches Gespräch, als uns beim Bezahlen in der Sushi-Bar die deutsche Nationalhymne (mit japanischem Text!) vorgesungen wurde. Shinji Kagawa und seine Station beim BVB, Bundesliga olé. Ich frage den Tischnachbarn, ob er denn mal in Deutschland gewesen sei. Nein, nein, „too far away“! Als wir uns verabschieden, heißt es „see you in three years“! Ok, mal sehen.

Uns ist erst mal nach Dusche und Siesta zumute, bevor es mit dem nächsten Highlight weitergeht: Wir wollen zum großen Torii, das 2020 leider eingerüstet und nicht zu sehen war. Jetzt ist es frisch restauriert und strahlt wieder in frischem Rot. Gegen 17:30 Uhr ist Ebbe und es ist über den Strand erreichbar, was wir uns nicht entgehen lassen – die Rehe auch nicht und folgen munter, im Visier alles, was Futter verspricht, vor allem Taschen.

Nach einer Runde über den Strand schlendern wir zum Daiganji Tempel, den wir noch nicht kennen, und wieder zurück Richtung Pier. Die meisten Läden schließen schon und wir schaffen es noch schnell, bei Miyajima Coffee einen Becher Softeis mit Matcha und Cornflakes zu ergattern, mit dem wir es uns am Strand gemütlich machen, um den Sonnenuntergang zu genießen.

Die meisten kommen – so wie wir letztes Mal auch – nur als Tagestouris von Hiroshima aus her und so leert es sich zunehmend und wir haben die Insel für uns. Letzteres denken sich auch die Rehe und hüpfen munter auf der (fast) leeren Straße Richtung Tsutsumigaura Park herum. Gut, dass wir zu Fuß zum Ryokan zurückschlendern, auch wenn das Personal dort nicht sehr erfreut war, als wir a) das Shuttle-Angebot und b) das inkludierte Abendessen für heute dankend abgelehnt haben. Kommt einfach nicht gut in Japan, wenn man die Pläne durchkreuzt und nicht ganz nach den Regeln spielt. Gomen-nasai! (Entschuldigung!)

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