All you can travel

Ausgeruht und gut gelaunt starten wir in den Tag, auf der Suche nach Frühstück in Hakone-Yumoto. Pustekuchen. Zu kaufen gibt es überall nur Eiscreme und die japanischen Süßigkeiten aus Bohnenpaste. Kaffee und/oder Backwaren? Fehlanzeige. Auf den 1,5 km bis zum Bahnhof werden wir nicht fündig, auch nicht im Bahnhofsgebäude. Immerhin gibt es dort Verkaufsautomaten – mit Spielzeug und Getränken. Unser luxuriöses Frühstück: ein Saft aus dem Automaten und Butterkekse aus unserem Reisegepäck.

To Do Nummer 1 für heute: den Hakone Freepass erwerben, mit dem man hier die meisten Verkehrsmittel nutzen kann. Ich stelle mich an der Touri-Info an und warte. Vor mir nur eine Person, aber es dauert und dauert. Als ich an der Reihe bin, stellt sich raus, dass der einzige offene Schalter für chinesische Touris zuständig ist: Alle Materialien sind auf Chinesisch und die Dame am Schalter spricht nur Japanisch und Chinesisch. Sie deutet mir an zu warten und ruft eine Kollegin, die Englisch kann. Verstohlen schaue ich mich schon um, ob es nicht einen Verkaufsautomaten gibt, mit dem es schneller geht. Doch da kommt die Dame und es geht los.

Doch nix da mit einfach mal eben schnell zwei Tickets kaufen. Sie händigt mir einen Flyer zu den Verkehrsmitteln aus und will wissen, was unser Plan ist. Na, der typische: übern Vulkan zum See und per Schiff zum Schrein. Das dauere ca. 5-6 h merkt sie kritisch an, mit Blick auf die Uhr (es ist 9:40 Uhr). Man verbringe mindestens 1 h oben bei Owakudami und ab 15/16 Uhr sei es schwierig mit Verkehrsmitteln, es gebe dann nur noch vereinzelte Verbindungen. Ich sage ihr lieber nicht, dass ich den Flyer schon längst habe und am Vortag einen groben Zeitplan für unsre Tour gemacht habe. Stattdessen erwähne ich, dass wir in Erwägung ziehen, am Ashi-See zu wandern. Sie malt mir auf dem Plan ein, dass wir doch einfach in Ubako aus der Seilbahn aussteigen und unter ihr (!) ca. 30 Minuten bis Togendai zum Schiffsanleger gehen sollten. Nun ja, das entspricht nicht wirklich meiner Vorstellung von einer schönen Wanderung. Leider erwähne ich jetzt, dass wir in Erwägung ziehen, vom See aus über die alte Tokaido-Fernstraße nach Hakune-Yumoto zurückzuwandern. Sie sieht mich völlig entsetzt an. Das würde viel zu lange dauern, mindestens 4 bis 5 h! (Lonely Planet behauptet 3,5 h.) Nun gut, wir werden sehen. Ich beruhige sie und verspreche ihr, dass wir, wenn wir das andere Seeufer bzw. den Hakone Schrein erreicht haben, einen Blick auf die Uhr werfen, notfalls auf die Wanderung verzichten und den Bus zurück nehmen. Ich habe schon mindestens drei Mal Anlauf genommen mich zu bedanken und zu verabschieden, aber sie lässt nicht locker, bevor ich nicht auch noch ihre Übersichtsblätter mit den Abfahrtszeiten des Schiffs und des Busses abfotografiert habe.

Nun aber wirklich los, sonst verbringe ich den Tag weiter an der Touri-Info und das mit der Tour wird tatsächlich nichts. Die nächste Bahn fährt uns direkt vor der Nase weg und wir müssen bis kurz vor 10 Uhr warten, bis die nächste fährt. Als wir endlich in der Hakone-Tozan-Bergbahn sitzen, bin ich wieder entspannt. In gemütlichem Tempo geht es den Berg hinauf, über mehrere Spitzkehren, ein Gefühl wie in der Schweiz. Nicht von ungefähr, denn die Rhätische Bahn ist die Partner- bzw. Schwesterbahn. In Gora steigen wir aus und direkt um in die Standseilbahn hoch nach Sounzan, wo es weiter in die Luftseilbahn geht – das dritte Verkehrsmittel für heute und langsam wäre ne Pause gut, zumal wir ja immer noch nicht wirklich gefrühstückt haben.

Doch erst mal tuckern wir weiter den Berg hinauf und genießen den Blick aus der Gondel. Als wir die letzte Kuppe vor der Bergstation nehmen, entfährt allen ein bewunderndes Wow: Vor uns öffnet sich das vulkanische Tal, Owakudani. Der Schwefelgeruch ist trotz Mund-Nasen-Schutz ziemlich stark, der Krater unter uns ist an vielen Stellen leuchtend gelb gefärbt und überall steigen dampfende Gaswolken empor. Die Kulisse ist wirklich beeindruckend, einfach unglaublich. Da gerät der Fuji, den man im Hintergrund sieht (auch wenn er sich heute mal wieder größtenteils hinter Wolkenschwaden versteckt) trotz seiner Größe mal kurz in Vergessenheit.

An der Bergstation Owakudani steigen wir aus. Auf gut über 1.000 m Höhe ist es trotz Sonne recht ungemütlich: Der Wind bläst stark und eisig kalt, und der Schwefelgeruch ist jetzt auch nicht so toll, dass man hier wie von der Touri-Info angemerkt längere Zeit verbringen würde. Es gibt zwar Shopping-Möglichkeiten und Restaurants, aber alles sehr touristisch und überfüllt. Die meisten hier kaufen mindestens eins der schwarzen Eier (Kuro-Tamago), die in den heißen Quellen gekocht werden und bei Verzehr angeblich sieben Jahre Leben mehr schenken.

Wir machen ein paar Fotos und gehen dann wieder zur Seilbahn zurück, um den Rest der Strecke runter zum Ashi-See zu fahren, wo wir in Togendai aussteigen. Hier geht’s aufs vierte Verkehrsmittel für heute: ein (Piraten-)Schiff. Schon 40 min. vor Abfahrt ist die Warteschlange vor uns ziemlich lang, was an mehreren Touri-Busladungen aus China liegt. Ich beginne um den Zeitplan zu bangen, denn bislang läuft alles wie geplant, aber wenn wir es nicht auf das Schiff um 12:20 Uhr schaffen, geht uns bis zum nächsten eine ganze Stunde verloren. Während wir noch anstehen, entdecken wir das Hinweisschild, dass man ein Zusatzticket kaufen kann, um in die First Class zu wechseln, deren Bereich im Vorderteil des Schiffes angeblich eine bessere Aussicht bietet. Viel interessanter aus unserer Sicht: Die Warteschlange der First Class ist sehr kurz. Also kaufen wir kurzerhand das Zusatzticket. Wann bitte hat man auch sonst die Chance, für nur rund 3,50 EUR in die First Class zu wechseln. 😉

Während der halbstündigen Überfahrt kommen wir endlich in den Genuss von Kaffee und Keksen. Aber es kommt noch besser: In Moto-Hakone angekommen legen wir eine kurze Pause bei Bakery & Table ein, wo wir erst im Café im 1. OG bei Matcha Latte, Schoko- und Apfelkuchen die Aussicht über den See genießen, und uns dann im Shop im EG noch mit Proviant für den restlichen Tag eindecken (Salz-Butterbrötchen, Feigen-Walnuss-Brot, Früchtebrot, Spinat-Krabben-Gebäck usw.). Die Außensitzplätze am/mit Fußbad sind sehr interessant, aber leider ist es heute etwas zu kalt dafür und wir kennen das Prinzip auch schon aus Kagoshima von den heißen Quellen des Sakura-jima.

Am Ufer entlang geht es den kurzen Fußweg zum Hakone Schrein, der wunderschön, umgehen von riesigen Zedern liegt. Vor einigen Tagen haben wir beim Bezahlen (nach dem sehr irritierten Blick der Kassiererin) festgestellt, dass sich unter unsere japanischen Münzvorräte von zuhause irgendwie auch etwas chinesisches Münzgeld geschlichen hat. Angesichts der Tourimassen aus China, die hier unterwegs sind, die perfekte Gelegenheit, die Münzen bei den Spendenkassen am Schrein loszuwerden. Wir kaufen zudem wieder mal ein Ema-Täfelchen für unsre Sammlung und Torii-Aufkleber (die echt cool gestaltet und als Autoaufkleber bzw. Segen im Verkehr gedacht sind). Auf dem Steg am Wasser steht eine Riesenschlange an und wir verzichten daher dankend auf ein Foto von uns vor dem Torii, sondern fotografieren es nur eben schnell seitlich durch die Bäume hindurch.

Ein Blick auf die Uhr, es ist gegen 14 Uhr. Zu früh also, um einfach mit dem Bus zum Hotel zurückzufahren. Noch genug Zeit bis zum Sonnenuntergang. Die Wanderung reizt mich und ich möchte mir zu gern beweisen, dass die Dame von der Touri-Info falsch liegt. Schon auf Miyajima am Mount Misen haben wir gesehen, dass die Gehzeiten hier sehr großzügig berechnet sind. Ok, zumindest für jemanden wie mich, der Wandern und (Trail) Laufen gewohnt ist. Google Maps sagt mir, dass der Weg etwas mehr als 2 h dauert – das kommt mit Puffer und Pausen gerechnet meiner eigenen Schätzung von knapp 2,5 h ziemlich nah. Als Back up hätten wir (zumindest bis ca. 16 Uhr) zudem immer noch den Bus, den wir an mindestens zwei Stationen unterwegs nehmen könnten, falls es zu Fuß doch zu lange dauert.

Gegenüber der Schiffsanlegestelle geht es los, zunächst an der Straße entlang den Berg hoch. Nicht gerade schön und wir haben ein erstes Fragezeichen. Nach einem kurzen steilen Zwischenstück kommt endlich eine Abbiegung und da ist sie: die „alte Straße von Hakone“, ehemals ein Teil der Tokaido-Fernstraße, eine der wichtigsten Post- und Handelsstraßen aus der Edo-Zeit (1603–1867) und mit Hakone als wichtigstem Kontrollpunkt zwischen Kanto (Osten, Tokyo/Edo) und Kansai (Westen, Kyoto). Hier liegt über ein längeres Stück auch noch das Kopfsteinpflaster aus der Edo-Zeit. Nicht mit unserem heutigen Kopfsteinpflaster vergleichbar, es ist wie ein Meer aus ungleichen Steinblöcken. An vielen Stellen zudem sehr rutschig, obwohl es aktuell trocken ist (bei Nässe ist der Weg absolut nicht gehbar). Ziemlich unbequem und langsam zu gehen, mir schwant kurz, dass es vielleicht doch über 4 h dauern könnte…

Aber es bleibt glücklicherweise nicht dauerhaft so. Nach der Passage mit dem historischen Kopfsteinpflaster durch wunderschönen Zedern-Wald folgt ein Abschnitt normaler Waldweg mit Bambus-Saum. Nach rund einer halben Stunde erreichen wir das Teehaus bzw. die ehemalige Pilgerherberge Amazake-chaya, wo man in den Bus switchen kann. Aber es läuft zu gut, um das zu tun. Ein Schluck Wasser und eine kurze Pause (Notiz am Rande: In Japan findet man ständig überall, auch im tiefsten Wald, Toilettenhäuschen, noch dazu super sauber, dafür fast nie Mülleimer. Verkehrte Welt, in Deutschland genau umgekehrt.), ein Blick auf die Infotafel (Achtung Bären, man soll nicht rennen oder schreien…) und weiter geht’s. Vereinzelt kommen uns Menschen entgegen – die vermutlich weitaus länger unterwegs sein werden als wir, denn in Richtung See sind über 500 Höhenmeter zu überwinden und auch wenn es bergab für uns nicht unbedingt ein Spaziergang ist, tauschen möchte ich nicht.

Kurze Zeit später wird die Strecke leider nicht mehr ganz so schön: Es geht eine Weile serpentinenartig an der Straße entlang den Berg hinunter. Zwar ist sehr wenig Verkehr, aber auf dem schmalen, geteerten Bürgersteig lässt es sich trotzdem nicht so angenehm laufen. Schließlich erreichen wir das Dörfchen Hatajuku, das bis auf einen kleinen Laden mit Kunsthandwerk sehr ausgestorben ist. Hier wäre die zweite Gelegenheit, in den Bus zu wechseln, aber hey, für die restlichen Kilometer lohnt sich das auch nicht mehr. Dann wird’s nochmal interessant, denn unterhalb eines Tempels endet der Weg plötzlich am Fluss. Es geht über zwei recht wackelige Holzplanken und mit etwas Fels-Gekraxel ans andere Ufer, wo recht viele Warntafeln bzgl. Steinschlag stehen. Bei/nach Regenmassen ist diese Passage hier hochgefährlich, die Spuren sind eindeutig.

Kurze Zeit später endet auch schon der abenteuerliche Part des Wanderwegs und führt aus dem Wald heraus wieder an der Straße entlang. Die letzten 1,5 km sind nicht mehr ganz so schön zu gehen und man muss ziemlich auf die Autos achten, auch wenn nur wenige vorbeikommen (aber die wenigsten fahren die erlaubten 30 km/h…). Blöderweise verpassen wir am Ende auch noch eine Abbiegung und müssen nochmal ein gutes Stück zurücklaufen, um über die Brücke Richtung Onsen-Resorts zu gelangen. Dann haben wir es geschafft: nach 2–2,5 h (reine Gehzeit bzw. mit Pausen) sind wir zu Fuß vom Ashi-See wieder zurück in Hakone-Yumoto. Mit ausreichend Puffer vorm Sonnenuntergang und ohne den Bus genommen zu haben. Ziemlich müde. Ziemlich zufrieden. 🙂

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