Ein neuer Morgen in Kyoto und das Wetter ist zu verlockend, um den Tag nicht mit einem Lauf zu beginnen. Von Sanjo und dem Gedenkstein am Geburtsort des Ekiden, dem japanischen Langstrecken-Staffellauf, aus startend, laufe ich am Ostufer des Kamogawa gen Norden. Es herrscht reges Treiben: Viele sind mit dem Rad unterwegs, mit dem Kinderwagen und/oder ihren Hunden spazieren oder eben laufend wie ich. Ist sonst Danken und Dienern angesagt, ist es hier Lächeln und Winken. Kaum jemand von denen, die mir entgegenkommen, grüßt nicht, und sei es nur mit einem kurzen Nicken. Andere rufen sogar „hello“ und winken mir zu. Unglaublich, so viel Freundlichkeit, das ist man von Laufstrecken zuhause gar nicht unbedingt gewohnt!






An der Flußteilung drehe ich und laufe zurück nach Süden, wo ich bei der nächsten Möglichkeit den Fluss quere. Nicht über einen Treppenaufgang und dann über eine der Brücken, sondern über die Trittsteine direkt durch den Fluss, wie gestern schon ausgetestet. Heute nehme ich eine schönere Stelle, an der es Trittsteine in Schildkröten-Form gibt. Rüber zum linken Flussufer, wo parallel ein Wasserlauf plätschert und in dem sich Vögel, Enten und Reiher auf der Suche nach Frühstück tummeln. Nachdem ich auch auf dieser Seite nach Norden bis zur Flussteilung gelaufen bin, erwarten mich wieder zurück am Startpunkt direkt am Treppenaufgang der Brücke Zimtschnecke und Kaffee. Was ein schöner Start in den Tag!
Frisch gestärkt, frisch geduscht und mit gepackten Koffern geht es gegen Mittag per Uber-Taxi zur Kyoto Station, um den nächsten Shinkansen nach Hiroshima zu nehmen. Dieses Mal ohne Sitzplatzreservierungs-Desaster, sondern im Handumdrehen per Online-Reservierung über das Handy und dann – nach Einlesen des QR-Codes des Railpasses und nach Eingabe der Ausweisnummer – per Ausdruck der Sitzplatz-Tickets am Automaten.

Leider sind die nächsten Direktverbindungen ausgebucht, sodass wir zunächst einen Shinkansen nach Kobe nehmen, um dort nach nur 25 Minuten umzusteigen. Aber alles sehr entspannt, die japanische Bahn ist ja ein Musterbeispiel an Geduld und Zuverlässigkeit. Von Kobe aus bringt uns der Sakura Superexpress in knapp 1 h nach Hiroshima, wo wir in die JR-Regionalbahn nach Miyajimaguchi umsteigen. Dann passiert etwas unglaubliches: Der Zug hat 4 min. Verspätung (der davor sogar 15 min.). Verspätung?! Hier in Japan ein Fremdwort. Die Züge fahren äußerst pünktlich und es kommt eher vor, dass mal ein Zug eine Minute zu früh abfährt (und die Bahngesellschaft sich dann offiziell in den Nachrichten bei der Kundschaft dafür entschuldigt).
In Miyajimaguchi geht es dann auf die JR-Fähre nach Miyajima. Die Überfahrt ist kurz und man sieht schon vom Wasser aus das bekannte und beindruckend große rote Torii.
(Sowohl der Regionalzug von Hiroshima nach Miyajimaguchi als auch die Fähre sind übrigens im JR-Railpass enthalten. Letztes Mal haben wir die Schnellfähre direkt ab Hiroshima (ab Friedenspark) genommen, diese ist nicht mit dem JR-Railpass nutzbar.)
Eine kurze Fahrt mit dem Shuttlebus später und wir sind in unserer Unterkunft: einem traditionellen japanischen Ryokan mit Tatami-Matten auf dem Boden. „Schuhe gegen Schlüssel“ heißt es an der Rezeption und wir bekommen nach Abgabe der Straßenschuhe den Zimmerschlüssel und Hausschlappen ausgehändigt, die dem empfindlichen Tatami-Boden nicht zusetzen. Für den Toilettenbereich gibt’s im Zimmer nochmal extra Schlappen zum Wechseln. Bloß immer alle Regeln befolgen und so lassen wir die Einführung in die Regeln des Badehauses auch noch über uns ergehen (Notiz am Rande: In diesem Ryokan gibt man sich super großzügig und gestattet die Benutzung des Badebereichs auch mit Tattoos – sonst in Japan eigentlich fast immer explizit verboten). Nur um Missverständnisse zu vermeiden gibt’s auch alles nochmal schriftlich. Noch ein kurzer Hinweis, wo der Karaoke-Raum zu finden ist und wir dürfen endlich unser Zimmer beziehen.
Vom Balkon aus beobachte ich unten im Vorgarten die Rehe, die die Insel bevölkern und den Touris jeden Keks und jedes Fitzelchen Papier aus der Tasche ziehen. Doch da kommt auch schon das Abendessen, das uns in der Unterkunft serviert wird: ein Menü im Kaiseki-Stil, d. h. viele kleine Gerichte bzw. Gänge (Suppe, Sashimi, Reis usw. und auf kleinen Stövchen erhitzte (!) Austern, die hier auf Miyajima zur lokalen Küche gehören), die kunstvoll serviert und verziert sind. Ich überfliege schnell den Menü-Zettel und bin erleichtert, nicht wie beim letzten Kaiseki-Erlebnis Fugu (Kugelfisch) vorzufinden – die Wirkung und die Gefährlichkeit haben mich da doch sehr nervös gemacht. (Wer mehr wissen will, googelt mal…)
Zum Essen sitzt man im Schneidersitz auf dem Boden und an einem niedrigen Tisch, der danach abgeräumt und zur Seite geschoben wird, um den Raum in nur wenigen Minuten mit Futon-Matratzen und Bettwäsche in ein Schlafzimmer zu verwandeln -ausgeführt als perfekte Choreografie vom Ryokan-Personal.
Wir danken und dienern – und wünschen Gute Nacht!




