Gründlich, gründlicher, Japan

Beim Verlassen des Hotels am Morgen fiel unser Blick auf die Angestellten beim Säubern des Frühstücksbereichs. Dabei wurden die Platzsets auf den Tischen dermaßen millimetergenau ausgerichtet, dass man am liebsten ein Lineal reichen möchte. So erstaunt es uns auch nicht, dass jemand in der Bahnhofshalle hingebungsvoll die Fugen absaugt. Typisch japanisch, hier nimmt man es genau.

Maroot, die Shoppingmall, war so früh am Morgen noch geschlossen und so entfiel unser Plan, die Teebar der dortigen Starbucks-Filiale zu testen. Mangels Alternative (Toyama ist wirklich keine Café-Stadt…) suchten wir die Starbucks-Filiale auf der anderen Bahnhofsseite auf, die schon deutlich im Halloween-Fieber ist (natürlich dürfen da Katzenmotive nicht fehlen…). Ich probierte den Kastanienkuchen, der sich als Rührkuchen mit einer ganzen Kastanie drin entpuppte – das hatte ich mir deutlich kreativer vorgestellt. Immerhin war das Personal sehr nett und versuchte trotz mangelnder Englischkenntnisse ein Gespräch.

Unser Plan für heute: ein Ausflug nach Takaoka. Am Bahnhof von Toyama war es zunächst gar nicht so einfach, den richtigen Ticketschalter zu finden, da es hier mehrere Zuggesellschaften gibt. Wir nutzten heute die Ainokaze-Toyama-Tetsudo-Line, sodass uns unser JR-Ticket hier nicht weiterhalf. Nach etwas Suchen fanden wir ums Eck den Ticketautomaten, wo wir gleich die Chance nutzten, fast all unser Münzgeld loszuwerden (inzwischen doch etwas Gewicht…).

Nur 17 Minuten Fahrt mit der (fahrerlosen) Regionalbahn später stiegen wir am Bahnhof von Takaoka aus, wo uns Werbung für den Toyama-Marathon in wenigen Wochen und ein riesiger Doraemon-Briefkasten begrüßten. Doraemon, die blaue Roboterkatze, ist hier ja bekannter als Mickey Mouse, und da das Zeichnerduo hier lebte, gilt Takaoka auch als die Geburts- und Heimatstadt Doraemons. So sollten uns unterwegs noch einige weitere Doraemon-Skulpturen begegnen.

Doch zunächst folgten wir dem Ausgang Richtung Zuiryu-ji. Nach kurzem Fußweg erreichten wir diesen buddhistischen Tempel, wo wir am Eingang ein Ticket kauften und einen Flyer mit Infos und Plan der Anlage erhielten. Einige Gebäude sind als „Wichtiges Kulturgut Japans“ eingestuft, das Haupttor, die Buddha-Halle und die Haupt- bzw. Gebetshalle sogar als Nationalschatz. Besonders auffällig und beeindruckend: Die Symmetrie der Anlage und die aufwändigen Holzschnitzereien der Gebäude. Und natürlich die Perfektion: Der Rasen wurde quasi mit der Nagelschere bearbeitet, das Kiesbett pedantisch gerecht. Damit bloß kein Stein falsch liegt.

Angenehmerweise war sehr wenig los, außer ein paar Einzelbesuchern waren nur einige wenige Kleingruppen geführt von Mönchen unterwegs. In der Haupthalle hieß es mal wieder Schuhe ausziehen und Fotoverbot, wobei wir in den Innenräumen aus Respekt generell vom Fotografieren absahen.

Was ich beim Blick in den Plan erst für einen Scherz bzw. Übersetzungsfehler gehalten hatte, erwies sich als wahr, als wir im Gebetsbereich der Haupthalle die hintere Ecke erreichten: Dort fanden wir sowohl die Sanitäranlagen als auch direkt daneben… die Statue der Gottheit der Toiletten!

Im Souvenirladen neben erstanden wir eine kleine Pferdefigur für unsere Souvenir-Sammlung. Als mich einer der Mönche dabei beobachtete, wie ich versuchte, mittels Google Lens die Schilder der Figuren zu übersetzen, sprach er etwas in sein kleines Übersetzungsgerät, das uns in mechanischer Stimme und klar verständlichem Deutsch darüber aufklärte, dass 2026 das Jahr des Pferdes sei. Ach so, arigato (danke)!

Nachdem wir den Gebetsbereich verlassen und unsere Schuhe wieder an den Füßen hatten, folgten wir dem schmalen Gang in den äußeren Garten zum Stein-Mausoleum. Manche Opfergaben hier verstören mich hin und wieder doch noch, zum Beispiel wenn Getränkedosen oder -flaschen auf den Gräbern stehen, das sieht irgendwie etwas vermüllt aus, gerade bei schönen Gräbern. Weiteres Schlendern im Garten unterließen wir lieber, nachdem ich fast ins erste Spinnennetz lief und feststellen musste, dass die Bereiche zwischen den Bäumen voll davon waren und die Spinnen darin nicht gerade klein. Brrr. Zurück an der Tür zum Tempel hörten wir hinter uns die nächsten gegruselt aufschrecken…

Zurück am Bahnhof mussten wir nochmal komplett durchs Gebäude, um auf die andere Seite der Gleise zu gelangen, um dort unseren Weg zu den nächsten Sehenswürdigkeiten fortzusetzen. Auf dem Weg dahin mussten wir uns eingestehen, dass Takoaka keine wirklich schöne Stadt ist. Manche Straßenzüge muteten so verlassen und heruntergekommen an, dass sie an Kulissen von Squid Game oder Alice in Borderland erinnerten. Der Daibutsu von Takaoka, die drittgrößte Buddha-Statue Japans, befindet sich überraschenderweise mitten in ein Wohngebiet gequetscht. Auch dort war wenig los und es war sehr angenehm, die kleine Halle darunter zu betreten und die Objekte dort anzuschauen.

Direkt schräg gegenüber bei Amida Coffee legten wir eine kurze Kaffeepause ein, inklusive grünem Buddha-Kuchen in Kugelform und Blick auf den großen Buddha draußen. Außerdem gab es hier kleine Ema-Täfelchen als Glücksbringer und Infomaterial zum Buddha. Wie so oft scheiterten wir hier mit kontaktloser Kartenzahlung per Handy (Ansage hier immer: „Touchy!“, wenn auch verstörte Blicke, Handyzahlung scheint hier (noch?) nicht so üblich…). Meist stehen hier sogar Schilder mit dem Hinweis „no touch“ und „insert card“, und das Kartenlesegerät akzeptiert tatsächlich nur physische Karten, die eingesteckt werden müssen. Aber immerhin, kein „cash only“!

Weiter die Straße runter betraten wir über den breiten Burggraben den Burgpark. Von der Burg ist schon lange nix mehr zu sehen, aber die Parkanlage ist wirklich sehr schön, mit all den Pflanzen und Vögeln.

Am Imizu-Schrein wurden wir spontan Zeugen einer Segnungszeremonie: Die beiden Eltern saßen mit dem Baby, das in ein traditionelles Gewand gehüllt war, ganz alleine vorne in der Haupthalle, die Luft war schwer von Räucherstäbchen und der Singsang des Priesters erfüllte den Raum. Dann kam eine festlich gekleidete Miko, die zu Trommeln und einem Flötenspiel des Priesters einen Tanz aufführte. Total faszinierend! Die Szene, wie die beiden da mit ihrem Baby auf dem Schoß ganz allein vorne im Schrein saßen und am Werktag mitten im Alltag diese feierliche Segnung empfingen, hatte etwas magisches und berührte mich in dem Moment sehr. Auch wenn Halle und Zeremonie offen waren, so hatte ich irgendwie das Gefühl, hier einem intimen Moment einer Familie beizuwohnen. Als sich Priester und Miko nach Überreichung der Glücksbringer verabschiedeten, drehte sich die Mutter mit dem Kind um zu uns, lächelte und winkte uns mit ihm zu – wir lächelten, winkten und dienerten auf japanische Art zurück.

Zurück am Bahnhof rauschten wir anscheinend in den Schulschluss und reihten uns brav in die ordentliche Warteschlange der Schuluniformen auf dem Bahngleis ein. Kein Chaos und Drängeln wie in Deutschland…

Pünktliche 17 Minuten später waren wir wieder in Toyama, wo das Bahnpersonal am Ausgang eifrig mit Körbchen die papiernen Fahrscheine einsammelte, und wir die Food Mall ansteuerten. Eigentlich war es Zeit für Kaffee und Kuchen, doch wir hatten genug von Süßem und fanden glücklicherweise noch ein paar Sushi- und Salat-Boxen aus dem Mittagsangebot, die wir dort auf den Picknickbänken verzehrten. (Eine Spezialität hier übrigens Masazushi: Reis und Forellen kuchenartig in Bambusblätter gewickelt.) Danach wollten wir die Verpackungen vorbildlich an der Recycling-Station entsorgen, doch wie schon morgens bei Starbucks erledigten wir das nicht zur vollsten Zufriedenheit und das Personal konnte es wohl nicht mit ansehen, sondern nahm uns nicht nur die Tabletts ab, sondern sortierte auch noch die Hälfte aus dem Müll wieder raus und um. Wie gesagt, hier nimmt man es genau. Eine rote Fußgänger-Ampel ist eine rote Fußgänger-Ampel, Straße queren ist nicht drin. Interkulturelle Fettnäpfchen lassen grüßen.

Danach starteten wir unsren inzwischen dritten Versuch, im Bahnhof am Ticketautomaten die Shinkansen-Sitzplatzreservierungen für den Ausflug am nächsten Tag auszudrucken. Ewige Schlangen an allen Automaten und im Servicecenter. Später am Abend, als wir endlich erfolgreich waren, fiel mir auch wieder der Grund dafür ein: Am Montag ist in Japan ein Feiertag, sodass viele das lange Wochenende nutzen…

Ebenfalls einen weiteren Versuch starteten wir beim Abendessen bzgl. Sushi: Doch genau wie gestern hatten wir beim kleinen „Schuhschachtel-Restaurant“ ums Eck kein Glück. Alles voll. Das gleiche die Straße runter bei zig weiteren Restaurants und Izakayas. Ok, Freitagabend. An der Straße parallel zur Tram wurden wir dann doch noch fündig: Bei Chabu-yu, einer Sake-Bar, die überwiegend aus einzelnen abgetrennten Speiseräumen bestand, ergatterten wir die letzten beiden von nur sechs Plätzen an Bar und Küchenbereich. Die Karte war wie so vieles hier rein auf Japanisch, aber wir hatten ja Google Lens als Übersetzungsfachkraft und der nette Typ vom Restaurant tat sein Bestes, uns mit ein paar Englisch-Brocken seine Favoriten vorzustellen. Zu den Getränken gab es vorab schwarzen Sesam-Tofu, danach folgten die tapasartigen Gerichte, für die wir uns entschieden hatten. (Die Hauptspezialität des Restaurants war Fisch bzw. Schwein in einer Salzkruste mit Fisch-Design, sah super aus und wanderte vor unseren Augen zigfach frisch aus dem Ofen über den Tresen, aber nicht ganz unser Ding…) Wir starteten mit Edamame, kleinen frittierte Garnelen und „Sashimi for 2“ in hervorragender Fischqualität. Ein Zwischengang aus Gurken mit Pflaumendip sollte laut Karte zur Gaumenreinigung dienen.

Zwischenzeitlich ging neben uns immer mal wieder eine der Schiebetüren zu den Räumen auf, wo Kleingruppen auf Tatami-Matten saßen und dem Essen zusprachen – und definitiv auch dem Alkohol. Zwei Mal kam auf dem Weg zur Toilette ein Mann an uns vorbei und quatschte uns deutlich angeheitert, aber sehr nett an. Nachdem er erst Lobeshymnen auf das Restaurant gesungen hatte, drehte das Gespräch auf die typische Frage, wo wir denn herkämen. Wir prosteten ihm mit „Doitsu“ (Deutschland) und „Kanpai“ (Prost) zu und amüsierten uns über dieses für Japaner völlig untypische Verhalten: Hilfsbereitschaft ja, aber einfach so ausgelassenen Small Talk mit Fremden, eher selten.

Sozusagen als Hauptgang folgten frittierte Bällchen mit Lotus-Pilz-Füllung, die sagenhaft lecker schmeckten, und ein kleines Töpfchen mit einer Pastete und einer Füllung aus Meeresfrüchten in einer Art Hummersuppe. Letztere beides Empfehlungen vom Küchenpersonal. Gut, dass unser Mut, teils blind zu bestellen, mal wieder belohnt wurde. 🙂

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