Bärenglocken & Bärenhunger

Bei sonnigem Wetter und bereits über 20 Grad am Morgen machten wir uns auf dem Weg zum Vorplatz der Nagano Station, um an Bushaltestelle Nr. 7 den Bus in die Berge zum Togakushi zu nehmen – pünktlich, wie uns die Reservierungsmails aufgefordert hatten. Mit Blick auf den Wetterbericht (und die Tatsache, dass einige der Restaurants, die für die Mittagspause in Frage kamen, Dienstag Ruhetag hatten) hatten wir vorgestern online auf highwaybus.com Bustickets mit garantierten Sitzplätzen für heute gekauft. Die Hinfahrt dauerte rund 1 h und ging im mittleren Teil serpentinen- und schlaufenartig über geschwungene Brücken den Berg hinauf – mit grandioser Aussicht auf Nagano unten im Tal und zahlreiche Gemüse- und Obstfelder am Berg. An der Haltestelle „Togakushi Hokosha“ waren wir einige der wenigen, die ausstiegen, alle anderen fuhren mit dem Bus weiter bis ganz nach oben zum Hauptschrein. Von der Haltestelle ging es ein kurzes Stück über den Parkplatz zum ersten Torii am Fuß einer langen, steilen Treppe – dem Startpunkt unserer Wanderung.

Nach vielen Stufen erreichten wir den Hokosha, den sog. unteren Schrein des Togakushi, dessen Gottheit u. a. für Geburt, Frauen und Kinder zuständig ist. Rechts davon führte ein geschwungener Waldweg ein Stück den Berg hinauf, bevor er breiter und ebener wurde. Hier sahen wir auch die erste von mehreren großen „Bear Bells“, also Glocken, die man zur Abwehr von Bären läuten sollte. Praktischerweise waren kurze Zeit später Waldarbeiter zugange, die mit ihren Sägen noch viel mehr Lärm verursachten.

Wir hatten einen Papierplan vom Infocenter und der Weg war mit pinkfarbenen Schleifen an den Bäumen markiert, allerdings mit einigen Lücken und Tücken. Die Beschilderung war meist rein Japanisch oder die englische Schrift war kaum noch lesbar. Fast hätten wir die Abzweigung zum eher unscheinbaren Hinomikosha verpasst, einem Schrein, dessen Gottheit u. a. für Verkupplung und Tanz zuständig ist. Übrigens: Sind in Japan öffentliche Mülleimer Mangelware, öffentliche Toiletten sind es dagegen nicht. Selbst hier im Wald standen regelmäßig Toilettenhäuschen. Die restliche Beschilderung am Schrein war eher unübersichtlich und nachdem wir uns mit Google Lens bzw. der Kamera in der Übersetzer-App weitergeholfen hatten, folgten wir erst mal dem Weg am Bach entlang. Kurz darauf stellten wir allerdings leider fest, dass es ab hier rein an der Straße und ohne Fußgängerweg weiterging, und drehten wieder um. Zurück am Schrein fanden wir links davon neben den geschmückten Bäumen die Fortsetzung des Wanderwegs.

Ab hier ging es wieder ordentlich aufwärts und nach einem flachen Zwischenpart an einem Friedhof vorbei durch eine Wohnsiedlung mit ziemlich steilen Straßen, bis wir das Togakushi Tourist Information Center erreichten. Spätestens jetzt war uns ordentlich warm und wir legten die erste Trinkpause ein. Auf der anderen Straßenseite begrüßte uns das große Torii des mittleren Togakushi-Schreins, dahinter ging es wieder zahlreiche Stufen steil den Berg hinauf zum Chucha, dessen Gottheit für Weisheit und beruflichen Erfolg zuständig ist. Rechts vom Schrein rauscht ein kleiner Wasserfall und die Luft davor verschaffte etwas Abkühlung.

Der Wanderweg führte von hier aus linkerhand weiter durch ein großes Torii und über einen Parkplatz, bevor es rechts auf einen ruhigen Waldweg mit teils Steinstufen abging, der ruhig durch den Wald führte. Kurze Zeit später mussten wir die Straße zum Skigebiet queren. Danach war der Weg eine Weile asphaltiert –die Gullideckel hier übrigens mit Vogelmotiv verziert – und führte an Wohngebäuden vorbei, bevor er endlich wieder zu einem angenehmen Waldweg wurde und nach links trotz Nebel und inzwischen tieferhängenden Wolken eine wunderbare Aussicht auf das Herbstlaub am Mt. Togakushi bot.

Etwas verwundert erreichten wir danach schon wieder die Straße und damit das Gebiet des oberen Schreins. Verwundert, da wir mit viel mehr Gehzeit gerechnet hatten. Diese war selbst mit Blick auf die vielen Höhenmeter auf wenigen Kilometern wirklich großzügig kalkuliert – auf Basis von Touris mit weniger Ausdauer oder dem andächtigeren Tempo japanischer Pilgerwanderungen, ich weiß es nicht… Nach dem Torii folgten wir der breiten Allee durch das Herbstlaub. Hier war deutlich mehr los: Nachdem wir auf unserer Wanderung nur wenige Leute getroffen hatten, waren hier größere Besuchermassen unterwegs, die sich entweder nur auf diesen Schrein fokussierten oder aber Busshuttles bevorzugten. Interessant wurde es wieder ab dem wildbewachsenen Zuishinmon Tor: Ab hier wurde der Weg deutlich anspruchsvoller, da steiler und felsiger. Die riesigen, jahrhundertealten Zedern auf beiden Seiten bildeten eine eindrucksvolle Kulisse, rechts dahinter begleitete uns Bachrauschen. Außerdem begleitete uns penetrantes Gebimmel, denn viele hatten kleine Glöckchen am Rucksack oder Wanderstock. Was zur Abwehr von Bären durchaus Sinn macht, ist nach einer Weile akustisch doch etwas nervig.

Der letzte Part des Weges, der zum Okusha führt, besteht aus steilen, unebenen Stufen und Felsblöcken, die gar nicht so einfach zu gehen waren. Oben angelangt, ruhten wir uns erst mal kurz auf einer der Bänke aus. Die Gottheit des oberen Schreins sorgt übrigens für Glück und erfüllte Wünsche. Nur wenige Stufen darunter vervollständigte der Kuzuryusha, wo die lokale Gottheit u. a. für Regen und gute Ernte sorgt. Nachdem wir von einem der Mönche ein Ema-Gebetstäfelchen mit Drachen-Dekor für unsere Sammlung gekauft hatten, machten wir uns wieder auf den Rückweg.

Vom Bereich der beiden oberen Schreine aus (auf ca. 1.300 m Höhe und damit rund 800 m höher als Nagano gelegen) geht es zwar noch zum Mt. Togakushi (ca. 1.900 m) hoch, allerdings laut Info-Station mit felsigem Kletterpart (Helm dringend empfohlen) und man muss eine Infokarte mit Kontaktdaten, Route und Ausstattung hinterlassen. Definitiv heute nix für uns.

Der Abstieg vom oberen Schrein war im ersten Teil zäher als der Hinweg, den die Steinstufen waren nass und sehr rutschig – selbst mit profilierten Lauf- bzw. Trailschuhen nicht ganz ohne. Dennoch waren wir relativ zügig wieder zurück am Torii des oberen Schrein-Bereichs. Nach rund 8,5 Kilometern, fast 400 Höhenmetern, ca. 2 h Gehzeit sowie 5 Schreinen und gefühlt 1.001 Stufen waren wir mehr als bereit, die Wartezeit bis zur Abfahrt des Busses für eine Gastro-Pause zu nutzen. Im Restaurant Naosuke, direkt am Eingangstor, bestellten wir die regionalen Klassiker: hausgemachte Soba-Nudeln mit Entensuppe, Tempura-Herbstgemüse und Apfelsaft (alles ausnahmslos lecker) – danach noch ein Trauben-Softeis (mit leider arg künstlichem Geschmack).

Inzwischen war es dicht bewölkt und wesentlich kühler, und wir waren froh mit dem gebuchten Bus pünktlich die Rückfahrt nach Nagano antreten zu können.

Leider hatte ich seit dem Hinflug trockene, gereizte Augen, ein Augenlid hatte sich mittlerweile leicht entzündet und schmerzte. Zeit für eine Premiere bei Japan-Reise Nr. 5: ein Besuch in der Apotheke bzw. im Drogeriemarkt. Ich hatte das Internet bzw. die KI vorab nach in Frage kommenden japanischen Produkten gefragt und viele medizinische Begriffe sind ja global verständlich, was für die Kommunikation im Ausland hilfreich ist. Dennoch war ich mit der Auswahl im Regal überfordert und die erste Mitarbeiterin etwas überfragt. Dank einer Kombi aus Google Lens zur Verständnis der Produkte im Regal und einer weiteren sehr freundlichen Mitarbeiterin, die mit Blick auf mein rotes Auge und meinem Wunsch nach entzündungshemmenden Tropfen in ihr Handy bzw. ihre Übersetzer-App sprach, schafften wir es zügig, das geeignete Mittelchen zu finden. Wenn beide Seiten wollen und man etwas kreativ ist, klappt es immer mit der Verständigung! 🙂

Nach einem kurzen Stopp bei Oddo Coffee, wo wir bereits gestern sehr leckeren Milchkaffee getrunken hatten, ging es erst mal ins Hotel, um die Augentropfen einwirken zu lassen. Die Entscheidung bzgl. Abendessen fiel heute wirklich schwer. Hatte ich an Mittag noch den Gedanken, derzeit ausschließlich von Ramen, Soba und Sushi leben zu können, hatte ich nach nur bereits einer halben Woche hier plötzlich das Verlangen nach Abwechslung: Burger! Hier in Nagano hat mittwochs leider ziemlich vieles geschlossen, so auch das Burger-Restaurant, das wir besuchen wollten. Also schloss der Tag unrühmlicherweise mit Fast Food bei KFC ab – mit einem japanisch inspirierten Hühnchen-Burger und den schlechtesten Pommes, die ich je gegessen habe.

Während wir unsre Sachen packen (morgen geht es weiter an die Westküste nach Toyama), erfreue ich euch hier noch mit „Cat Content“ aus diversen Shops (Katzenmarketing ist hier ganz groß…) und der Entdeckung, dass Hokusais Welle, die wir gestern in Obuse bewundert haben, hier sogar die Geldscheine ziert…

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