Noch beseelt davon, wie toll unser Cornwall-Auftakt und der lange Trailtag verlaufen waren, nahmen wir mit einem lachenden und einem weinenden Auge Abschied von St Ives. Mit der bereits am ersten Tag getesteten Frühstückskombi Cruffin & Kaffee aus der St Ives Pasty Bakery und dem Mor Beach Café genossen wir ein letztes Mal den Blick auf Strand, Meer und Surfvergnügen, bevor wir auch schon zurück in die Unterkunft und dann zum Bahnhof mussten. Immerhin ging es nun im Gegensatz zur Anreise bergab – mit Rollkoffern bei gut 25 % Gefälle aber auch nicht ohne…





Am Bahnhof von St Ives wartete das nächste positive Kapitel unserer Great Western Railway-Erfahrung auf uns und wir erlebten womöglich den freundlichsten Bahnmitarbeiter aller Zeiten: Nach unserem Reiseziel fragend erklärte er uns nicht nur, in welchem Gleisabschnitt wir am besten warten sollten, sondern auch wie der Gleiswechsel in St Erth am besten zu erfolgen habe – und wo es da im Bahnhof guten Kaffee gäbe. Das gleiche geduldig und freundlich bei allen anderen wartenden Reisenden, inklusive Lösung aller Ticketfragen. Auf der längeren Fahrt zwischen St Erth und Plymouth ging es so freundlich weiter: Die Dame mit ihrem Verkaufswagen voller Getränke und Chips-Tüten war sehr gefragt und hielt gut gelaunt in fast jeder Reihe ein nettes Pläuschchen.


In Plymouth (und damit Devon, nicht mehr Cornwall) angekommen, rollten wir unsre Koffer gemütlich und leicht bergab an farbenfroher Streetart vorbei vom Bahnhof zum nicht weniger farbenfroh gestalteten Hotel.



Wir waren etwas früh dran, also gaben wir erst mal unser Gepäck ab und machten uns zu Fuß auf. Der Tag war zwar als lauffreier Ruhetag geplant, aber gegen Gehkilometer sprach nichts, zumal bei herrlichem Wetter. Erster Stopp: The Hoe, ein Plateau mit Leuchtturm, diversen Denkmälern und super Aussicht auf die Bucht des Plymouth Sound und Umgebung – und auf das direkt davor gelegene Meerwasser-Freibad. An der Zitadelle vorbei ging es nach Barbican, der Altstadt, u. a. zum Elizabethan House und Merchant’s House – zigfach fotografierte und altbekannte Motive aus den Schulbüchern im Englischunterricht… Unterwegs mehrfach deutlich sichtbar: Die Schilder des South West Coast Path, mit der omnipräsenten Eichel als Symbol.






Am Hafen kam es dann plötzlich zu einem kleinen Regenschauer, der sich leider als Möwenkacke entpuppte – ekelhaft, aber das sind dann am Ende die Reise-Erinnerungen, über die man sich später amüsiert, und wir konnten endlich mal was von unserem Bargeld einsetzen, um auf der öffentlichen Toilette den verspritzten Pulloverärmel abzuwaschen…


Nach so viel Aufregung war uns definitiv nach etwas Entspannung und nach kurzer Wartezeit am Mayflower Steps Memorial bestiegen wir ein Tourischiff für eine Portion Sightseeing vom Wasser aus. Außer ein paar weiteren Touris war wenig los und wir genossen es, uns entspannt rumschippern zu lassen. Im Westen ging es sogar soweit bis Saltash bzw. die Tamar Bridge in Sicht waren, über die wir mit dem Zug gefahren waren. Zugleich taugte die Tour als Vorbereitung für den nächsten Trailtag: Gen Nordwesten liegen Werften und Docks, das Gebiet rund um den Marinestützpunkt Devonport (der größte Marinehafen Westeuropas) schien uns wenig für Traillauf zu taugen – dafür lernten wir einiges über Atom-U-Boote und Kriegsschiffe und hatten genug Stoff für unsere „Was ist was“-Internetrecherche am Abend.





Gen Osten sah es schon mehr nach trailtauglichem Gelände aus. Einziges Problem: Der Weg dahin führt bei Altstadt und Hafen asphaltiert um das Innenbecken herum. Für uns keine wirklich attraktive Option, so viele Kilometer auf Asphalt und in dieser Kulisse zu verlieren. Aber wäre doch gelacht, wenn uns dafür keine Lösung einfallen sollte… Unser Abendessen in der Salumi Bar & Eatery nutzten wir daher, um die restlichen Details und die Strecke zu planen. Ziel: Eine weitere Trailtour von mindestens 20 km entlang des South West Coast Path, Großbritanniens längstem Fernwanderweg mit über 1000 km.




Gut gelaunt und bei fabelhaft sonnigem Wetter ging es daher am nächsten Morgen los Richtung Barbican: Knapp 1,5 km als Warm up an The Hoe vorbei bis zum Pier. Denn die Lösung, um die langweilige Asphalttour am Hafenbecken von Plymouth entlang zu vermeiden, war ganz einfach: Mit der Fähre nach Mount Batten, tadaaa! Laut Plan Abfahrt alle 30 min., aber es war nix los, wir wurden direkt zum Ende des Piers geschickt, wo ein kleines Boot wartete und direkt losschipperte, nachdem wir an Bord waren. Trail-Anreise: next level. Laune: grandios.



Auf der anderen Seite angekommen, drehten wir zunächst eine kleine Runde auf dem Damm und nahmen die Treppen hoch zum Mount Batten Tower in Angriff, um von hier aus die Aussicht auf The Hoe, Zitadelle, Barbican & Co auf der anderen Seite zu genießen, bevor es dann endlich auf den South West Coast Path ging. Das erste Stück war teils sandig, dann dicht bewachsen und mit leichtem Dschungel-Feeling.






Auf überwiegend schmalen Singletrails ging es auf und ab an der Küste entlang. Zu Beginn noch mit Blick auf den Plymouth Sound drehte der Weg bald nach Osten ab, wo wir zunächst Jennicliff Beach, dann Bovisand Beach erreichten. Letzteres eine schöne Bucht, aber total überfüllt und mit einem nicht sehr einladend wirkenden Holiday Park direkt dahinter. Massentourismus lässt grüßen. Kein Wunder, dass Neptun traurig schaute…




Vorteil dieser Strecke: Definitiv genug Cafés aka Verpflegungspunkte! Kurz hinter der Bucht und den vielen Ferienhäuschen hatten wir dann schnell wieder unsere Ruhe und wilde Natur, soweit das Auge reichte. Hier standen die Pflanzen hüfthoch, das Meer rauschte in kleine Buchten und in der Ferne war schon The Mewstone zu sehen, eine kleine unbewohnte Insel – früher Schmugglerversteck, heute Vogelschutzgebiet. In diesem Abschnitt macht der South West Coast Path seinen Ursprüngen alle Ehre: Singletrails und Kulisse hier haben tatsächlich was von Schmugglerpfaden.









Wie schon in Cornwall führte uns der Weg an einigen Stellen durch Pferdekoppeln hindurch. Und wir trafen zum ersten Mal auf einen der Helfer, die die Abschnitte abwandern, prüfen und damit dazu beitragen, diese in Schuss zu halten. Ausgestattet mit Klemmbrett und Markiermaterial checkte er zwischen Bovisand Beach und Wembury die Gatter und Trailbeschilderung.


Für uns ging es zunächst noch weiter und an der Kirche von Wembury vorbei, wo wir irgendwo kurz dahinter vor der Flussmündung des Yealm drehen wollten. Soweit unspektakulär, wäre ich nicht beim Queren der Weide zu sehr mit der spektakulären Aussicht auf die Küste rechterhand und dem Blick auf die links hinten grasenden (und laut Hinweisschild schwangeren) Hochlandrinder beschäftigt gewesen. Ehe ich mich versah, legte ich eine Flugeinheit hin und rutschte großzügig mit der linken Körperseite über den Steinschotter. Im ersten Moment brannte es höllisch und ich musste mich erst mal zusammengekauert hinsetzen und die Zähne zusammenbeißen. Dr. Julias knallharte Anlayse nach dem ersten Blick auf meine blutenden Schrammen an Knie und Oberschenkel: Bisschen was kaputt, aber „du lebst noch“. Haha, ok. Langsam kam mein Humor zurück, zumal ich die Chance für die Premiere unserer Erste-Hilfe-Sets witterte, die wir bei langen Läufen immer in der Laufweste dabei haben. Mit einer Kompresse und Wasser aus den Flasks säuberte ich die Schrammen soweit es ging, damit die Wunden „sauber“ bluten konnten.


Wir nutzten die Stelle als Wendepunkt unserer Trailtour und liefen zurück nach Wembury Beach, wo ich erneut kurz die Zähne zusammenbiss und bei den Strandtoiletten die Außendusche nutzte, um den restlichen Schmutz aus den blutigen Schrammen an Knie und Oberschenkel zu spülen. Wenn schon Wunden, dann bitte keine Entzündung und bestmögliches Abheilen! Ein kurzer Abstecher gegenüber ins Old Mill Café und wir waren bereit für eine kurze Limopause am Strand, inklusive Videocall nach Hause und Blick auf The Mewstone. Leider war keiner der Riesenhaie (Basking Sharks) zu sehen, von denen wir am Vortag gelesen hatten, dass sie hier im Sommer viel zu sehen sind. Immerhin waren meine blutige Schrammen genug Futter für Hai-Witze… 😉




Zurück nach Plymouth liefen wir die gleiche Schmugglerpfad-Strecke. Mit dem üblichen Effekt: Sie kam uns jetzt viel kürzer vor. Zwar ist dieser Abschnitt (gerade im Vergleich zum South West Coast Path im Bereich Zennor und St Ives) bei weitem nicht so technisch und anspruchsvoll, sondern lässt sich wunderbar laufen, aber sie ist alles andere als flach: So hatten wir bei unserer Rückkehr am Fähranleger von Mount Batten fast 700 Höhenmeter auf der Uhr (über eine Halbmarathon-Distanz).





Auf der kurzen Fährfahrt zurück nach Barbican kamen wir mit einer Frau ins Gespräch, die den South West Coast Path fast vollständig abgewandert ist und natürlich einiges an Erfahrung und Tipps hatte. (Randnotiz für unsere Reiseplanung, falls wir künftig weitere Etappen in Angriff nehmen: Das Wanderbus-System ist wohl top und sehr zu empfehlen, um gleiche Abschnitte nicht nochmal zurücklaufen zu müssen.) Für uns war es das leider schon mit unserer Portion an Cornish (bzw. Devonian) Trail Charme – zumindest für Sommer 2025 –, denn am nächsten Tag sollte es schon wieder weiter (zurück) nach London gehen. Doch vorher verlangte der Tag nach einem kulinarischen Abschluss: Sommer, Sonne, Meeresluft, Kilo- und Höhenmeter machen mächtig hungrig und wir gönnten uns zum Dinner eine kleine All you can eat-Sause im brasilianischen Steakparadies der Altstadt. Cheers, auf unseren Trailtag!

