In Vorbereitung auf unser Cornwall-Abenteuer hatten Julia und ich zwar einiges an Infomaterial zum South West Coast Path gelesen, aber erst nach unserer Rückkehr stießen wir auf ein bekanntes Buch dazu, das im Sommer 2025 als Verfilmung in den deutschen Kinos angelaufen ist: Der Salzpfad. Und nachdem wir gestern Abend spontan im Kino waren und den Film gesehen haben, ist das Fernweh wieder da und ich bin motiviert für diese Zeilen und einen weiteren Reisebericht…


Nachdem unser „Warm up“ am ersten Tag etwas ausgeufert war und wir etwas mehr als einen Halbmarathon in den Beinen hatten, passten wir die Planung für Tag 2 an. Statt einen Marathon von Küste zu Küste (St Ives – Penzance) zu laufen, blieben wir dem South West Coast Path treu. Das Wetter war zu schön, um es nicht an der Küste zu genießen. Was hatten wir für ein Glück in dieser Woche Anfang Juli, kein Regen in Sicht und das reinste Bilderbuchwetter! Die Herausforderung, wenn man den Fernwanderweg nicht durchgehend ablaufen will, ist, dass man einzelne Etappen entweder als „A nach B“-Strecken läuft und den Wanderbus nutzt (dann aber die Zeiten gut durchplanen muss) oder – unsere Wahl, wie schon am Vortag – als Rundstrecke mit einem Part im Inland. Für unsere Planung gaben wir unsere Wunschdistanz in Strava ein, Ausgangspunkt St Ives. Ergebnis war ein Streckenvorschlag bis Zennor, der für unseren Geschmack allerdings etwas zu kurz und hin wie zurück identisch war. Also modifizierten wir zwei Punkte: Wir erzwangen den Hinweg übers Inland, um einen Rundkurs zu erhalten, und verlängerten ab Zennor um ein Stück bis zu einem Aussichtspunkt, der uns lohnenswert erschien.
Bevor es losging, stärkten wir uns mit einem super leckeren Frühstück im Bre Café: Dort hatten wir am Vortag erfolglos unser Glück versucht und daher für heute vorreserviert. Die Smoothie Bowls waren lecker, gesund und im Falle der Mermaid Bowl durchaus farbenfroh. Noch eine Runde Kaffee und es ging kurz zum Supermarkt.


Nachdem wir den kleinen Preisschock in der Obst- und Gemüse-Abteilung verdaut hatten, deckten wir uns mit etwas frischem Obst und einer Cola für nach dem Lauf ein. Heute war keine einzige Wolke am Himmel zu sehen und es war bereits am Morgen ordentlich warm, sodass wir in der Unterkunft ordentlich in Sonnen- und Insektenschutzmittel badeten, bevor es auf die Trails ging.
Bereits auf dem Weg aus St Ives heraus aufs Land wartete die erste Herausforderung: Der geplante (und von Strava wie Komoot empfohlene Weg) führte über ein Wohngrundstück und der Ausgang auf der anderen Seite des Gartens war ein kleines Holztor mit einem Schild, das in etwa „Privat, Kein Durchgang“ lautete. Was tun? Nach mehrerem Hin und Her beschlossen wir, kurz und schmerzlos durch das Tor zu gehen, zumal direkt dahinter (ok, dazwischen war noch ein kleines bisschen Gebüsch…) der öffentliche Feldweg war.
Langsam aber sicher ließen wir die Wohnhäuser und die Zivilisation hinter uns, auf dem gut ausgeschilderten Public Footpath ging es über Felder und Wiesen gen Südwesten. Nur gelegentlich kamen wir an einsamen Höfen vorbei, wo teilweise Verkaufsstände (zur Selbstbedienung) mit Saftpäckchen, Obst, Eiern und dergleichen standen. Freilaufende Hühner an den Höfen und das Queren von Pferdekoppeln waren kein Problem, aber bei den Kuhweiden wartete heute das nächste Level auf uns: Regelmäßig kamen Warnschilder, die uns nach mächtigen Bullen Ausschau halten ließen – die dann glücklicherweise nicht zu sehen oder in sicherer Entfernung waren.











Ansonsten ging es im Inland gut voran: Die Pfade waren in einem guten Zustand, leicht erkennbar und recht flach. Linkerhand waren gelegentlich Hügel, teils mit hoch aufragenden Megalithen, zu sehen, rechterhand in der Ferne die Klippen zum Meer. Wir konnten ordentlich Lauftempo aufnehmen und rollten gut voran. Nach nicht mal 10 km kam der Kirchturm von Zennor, einem 200-Seelen-Dörfchen, in Sicht. Die über 1000 Jahre alte Kirche von St Senara war dann auch unser erster Sightseeing-Stop. Bei unserer Vorab-Recherche hatten wir vom dortigen Mermaid’s chair gelesen, einem hölzernen Sessel mit Schnitzereien zu einer Meerjungfrauen-Sage. Noch beeindruckender waren die vielen handgefertigten Sitzkissen und die schön verzierten Gebetskarten. Letztere konnte man digital bezahlen, wobei das Karten-Zahlgerät interessanterweise auch die Möglichkeit zur Christbaum-Bestellung bot. Schon in Manchester fiel mir auf, wie digital die Kirchen bzgl. Souvenirverkauf und Spenden sind – während man in deutschen Kirchen noch überwiegend auf Bargeld setzt, aber ich will nicht abschweifen… Wir trugen uns mit einem Gebetswunsch ins ausliegende Buch ein und weiter ging’s.








Unser Timing für Zennor, übrigens für kurze Zeit mal Wohnsitz von D. H. Lawrence, war perfekt: Es war Mittagszeit und der einzige Pub bzw. Verpflegungspunkt auf der Strecke hatte geöffnet, wie wir vorher zur Sicherheit recherchiert hatten. Im Tinners Arms (wo man übrigens auch auf Kartenzahlung setzt) bestellten wir uns köstliche Stullen mit Hummus, die wir mit kühlem Cider und Bier draußen im Biergarten verspeisten. Dort stand auch ein Wasserspender, an dem man gratis die Trinkflaschen auffüllen konnten, was wir dankend annahmen. Ein Blick auf das Pub-Schild ließ uns innehalten und kurz über das dortige wlan recherchieren: Die Gegend erreichte früher u. a. dank des Bergbaus in Zinn- und Kupferminen einen gewissen Wohlstand, viele Pfade wurden von den Bergmännern genutzt und ein Wanderweg, auf dem wir teilweise unterwegs waren, ist nach ihnen benannt (Tinners Way). Wie passend war es denn bitteschön, dass wir als Hartfüßlerinnen mit Bezug unseres Trailvereins zu den alten Bergmannspfaden hier unterwegs waren?!




Doch wir durften die Zeit nicht aus den Augen verlieren und uns ewig hier aufhalten, denn der schwierige Part sollte erst noch kommen. Unser Streckenabschnitt entlang der Küste auf dem South West Coast Path hatte mehr Höhenmeter und war vor allem viel technischer als der Inlandspart. Gleich nach Zennor ging es steil die Stufen hinab.










Die Aussicht war traumhaft schön: Die Küste in sattem Grün, das Meer in tiefem Blau und Türkis. Gurnard’s Head, unser Wendepunkt, war bald schon in Sicht, aber der Weg dahin zog sich durch die vielen Buchten in die Länge. Der Trail war stellenweise sehr zugewachsen, Farn, Brennnesseln und Dornen standen hüfthoch. Wie in einer Achterbahn ging es hoch und runter. Hier war für uns definitiv nicht mehr an Laufen zu denken, wir wechselten ins Laufwandern. Außerdem war hier wesentlich mehr „Verkehr“: Regelmäßig ließen uns Wandernde überholen oder es kamen uns welche entgegen. Da der Weg meist ein schmaler Singletrail war, musste man sich immer absprechen und eine Partei seitlich in der Vegetation warten, sonst war kein Vorbeikommen. Bei den meisten waren ein paar freundliche Worte drin, wobei uns übrigens zu unserem Reisezeitpunkt tagelang fast nur Englisch und kaum andere Sprachen zu Ohren kamen. Daran, die „German Darlings“ zu sein, hatten wir uns schnell gewöhnt und redeten uns gelegentlich auch im Spaß untereinander so an.
Julia und ich quatschten inzwischen nicht mehr viel, zu sehr waren wir mit Navigieren, Vorankommen ohne zu Stolpern und Gucken beschäftigt. Die Landschaft hier war atemberaubend. Ständig gab es was zu sehen – Raupen, Blumen, interessante Gewächse… genug Dinge, die wir abends ergooglen bzw. nachlesen mussten. Regelmäßig freuten wir uns über die tolle Aussicht und das Glück, hier zu sein. Ein etwas einsam gelegenes Gebäude tat es Julia sehr an und wir spekulierten, wer wohl in dieser tollen „Rosamunde-Pilcher-Villa“ wohnt.




Auf Gurnard’s Head angekommen, machten wir einen kurzen (Foto-)Stopp und genossen die phänomenale Aussicht zu beiden Seiten der Landzunge. Ich wiederhole mich, aber kann es nicht oft genug betonen: Was ein Glück, das hier erleben zu dürfen! So ein schönes Stückchen Erde!






Kurz durchatmen und es ging auf den Rückweg, der bis Zennor identisch sein sollte. Unsere Beine waren vom Vortag noch ordentlich verschrammt und sammelten eifrig neue Schrammen. Auf unserer Haut brannte eine Mischung aus Schweiß, Blut, Sonnencreme und Pflanzenresten, garniert mit ein paar Mückenstichen. Zurück in Zennor überprüften wir kurz unsere Getränke-Situation, hatten aber noch genug Reserve in unsren Flasks, sodass wir auf einen weiteren Zwischenstopp im Pub verzichteten. Ab Zennor wurde es auf dem South West Coast Path deutlich steiniger und felsiger. An einer Stelle kam es praktisch keinen Weg, es blieb nur Gekraxel über große Felsblöcke hinweg. Hin und wieder gab es eine Markierung, die eine grobe Richtung gab. Auf unserer Vorab-Recherche waren wir auf einige Berichte und Bewertungen zu diesem Abschnitt gestoßen, u. a. eine Beschwerde, dass an dieser Stelle überhaupt nicht „aufgeräumt“ sei – ein völliges Unding an der wilden Küste Cornwalls! Über manche Erwartungen kann man nur den Kopf schütteln…






Wir genossen den weiteren Weg, auch wenn es aufgrund des Geländes und in der brennenden Sonne zunehmend anstrengend wurde. Cornish Trail Charme Pt. 2 hatten wir diese Etappe getauft und es war faszinierend, wie viele unterschiedliche Gesichter und Rahmenbedingungen der South West Coast Path im Verlauf aufwies – wobei wir ja gerade mal einen klitzekleinen Bruchteil davon abliefen. Gemeinsam und doch irgendwie jede für sich ging es voran, seit einiger Zeit mit einer Wandererin in Sichtweite, die ein ordentliches Tempo aufwies und nicht einzuholen war – bis wir plötzlich hinter einer Kurve auf sie aufliefen. Der Grund: vier Rinder mitten auf dem Singletrail, sie verängstigt dahinter, oberhalb und unterhalb Dornengebüsch, die restliche Herde weiter oben. Ich traute dem Ganzen auch nicht, zumal das letzte Vieh mit dem Hinterteil zu uns stand und ich Bedenken hatte, dass wir Hufe abbekommen könnten, sollten das Tier irgendwie in Panik geraten. Während ich schon halb mit den Waden im Dornengebüsch steckte, um mir einen Weg außenherum zu bahnen, rettete Julia, die Tierflüstererin, uns, indem sie beruhigend auf die Gruppe einredete. Schließlich setzten sie sich langsam in Bewegung den Hang hinauf und machten uns Platz auf dem Singletrail.

Danach konnten wir den restlichen Trail bis St Ives ohne weitere tierische Vorkommnisse genießen. Zurück zu (Film und Buch) Der Salzpfad: Auch wenn unsere persönlichen Situationen und Beweggründe, den South West Coast Path zu begehen, unterschiedlicher nicht sein könnten, so haben wir uns doch in einigen Punkten wiedererkannt:
Dieses Gefühl von Freiheit und das Glück, – jenseits von allem – nur im Moment sein zu können.
Diese Art Achtsamkeitsübung im Alltag, die Konzentration auf das Hier und Jetzt, macht (für uns beide) zwar grundsätzlich das Traillaufen aus, aber auf dem South West Coast Path, in dieser Kulisse, war das Gefühl nochmal um einiges stärker. Blaues Meer, blauer Himmel, warme Sonnenstrahlen, salzige Seeluft. Alle Sorgen und Probleme, Stress und Hektik weit weg. Ein absoluter Luxus.




Zurück in St Ives mussten wir nochmal kurz improvisieren, denn die geplante Strecke wollte uns über einen eingezäunten Camping-Platz führen. Eine kleine Kurve und wir waren wieder zurück in unserer Unterkunft. Das Tagesresultat: ca. 25 km mit etwas mehr als 1.000 Höhenmetern, in rund 5 h reiner Laufzeit (ohne die Pausenzeiten und den Aufenthalt in Zennor).
Inzwischen war unser „Tank“ ordentlich leer und der Hunger groß. Ein kurzer Zwischenstopp im Badezimmer und wir waren wieder einigermaßen vorzeigbar (und die Dusche dafür versandet…), um uns auf den Weg ins Restaurant zu machen. Zur Feier des Trailtages hatten wir beschlossen, uns ein Dinner im Porthminster Beach Café zu gönnen, einem „award-winning seafood restaurant“ aus den 1930er Jahren im New England Style mit Blick auf den Strand. Die Fotos auf der Website und im Guide Michelin taten ihr übriges, die Online-Reservierung am Vortag war schnell raus. Unsre Wahl: Austern bzw. gegrillter Oktopus vorab, als Hauptgericht ein halber Hummer mit Pommes und zum Nachtisch Chocolate Delice bzw. Tea & Strawberry Tart. Dazu Holunder Bellini und Weißwein. Ein (im übrigen sehr lockerer) Ausflug in die Sterneküche für rund 170 Pfund (inkl. 12,5 % Service Charge) für uns beide zusammen.





Der Abendspaziergang durch die Altstadt und am Friedhof vorbei war leider auch schon unser Abschied von St Ives, denn am nächsten Tag sollte es per Zug weiter an die Südküste Englands nach Devon gehen, wo uns eine weitere Etappe des South West Coast Path erwartete.



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