Eine gemeinsame Reise, bevorzugt mit einer Dosis Zug, Traillauf und Kultur – das war der Wunsch von Julia. Während ich zunächst eher so etwas wie Schwarzwald und Wellness im Kopf hatte, warf sie Südkorea in den Raum. Nun ja, wir einigten uns quasi auf die Mitte: Cornwall. Hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm, aber schien mir passend und interessant. Ein Bekannter vom Trailverein bestätigte uns in unserer Wahl und versorgte uns mit Listen von Trailevents und Empfehlungen.
Eine kurze Online-Recherche später war leider klar, dass wir zu Jahresbeginn für die Trailevents im Sommer zu spät dran waren: Für die meisten fand die Verlosung der Startplätze schon im Herbst/Winter des Vorjahres statt. Doch so schnell ließen wir uns nicht entmutigen. Bilder und Informationen zum South West Coast Path ließen uns ins Schwärmen geraten. Reichlich Infos und Kartenmaterial dazu bestärkten uns darin, mit Hilfe von Komoot, Strava, Alltrails & Co. unsere eigenen Trailabenteuer zu planen.
Unser Arbeitstitel:
Die Jane-Austen-Rosamunde-Pilcher-Gedächtnis-Tour.
Dank Brexit hatten wir erst mal genug anderweitige Reiseorga vor uns: Die Flüge waren schnell gebucht, bei Luxair mit Personalausweis-Angaben kein Problem. Nachdem Julia geduldig im Rathaus ausgeharrt hatte, um in der Sprechstunde einen Reisepass im Express-Verfahren zu beantragen (und so wochenlanges Warten auf den nächsten freien Termin zu umgehen), befassten wir uns mit dem neuen ETA-Antrag, der dank UK ETA App schnell und unkompliziert – und durchaus unterhaltsam („Do you have a job?“ und dann die Überlegung zur Antwort auf die nächste Frage, wie wir unsre Jobs treffend übersetzen…) – erledigt war.
Einige Online-Recherchen und Beratungen später waren die Stationen unserer Reise entschieden: London, St Ives, Plymouth und wieder London. Unsre Erwartung: zu 100 % Postkartenmotive und -wetter, wobei uns gleichzeitig klar war, dass die komplette Regenausrüstung mit ins Gepäck sollte, um auch ohne Bilderbuchwetter Spaß auf den Trails zu haben. Die Unterkünfte reservierten wir via Booking.com im voraus, insbesondere da St Ives nicht mehr viel Optionen ließ und die Preise in London dank Wimbledon alles andere als günstig waren. Auch die Zugfahrten inkl. Sitzplatzreservierungen buchten wir einige Wochen im voraus, via Great Western Railway. Neben einer Übersicht mit Sightseeing-Wünschen war das auch schon die komplette Vorbereitung, den Rest wollten wir kurzfristig bis spontan je nach Wetter und Laune vor Ort entscheiden.
Entspannt und pünktlich ging es Ende Juni mit Luxair von Luxemburg nach London zum City Airport. Die Einreise schon mal die erste Probe, den für mich ging es zügig durch die automatischen Kontrollschranken, bei Julia streikte das System. Also Anstellen, Warten – und dann Einreisen.

Ein kurzer Stopp am Automaten für den Ticketkauf und weiter ging es mit der Bahn zur Paddington Station. Am liebsten wären wir in der Bahn sitzen geblieben und hätten die angenehme Klimatisierung genossen. Denn draußen waren es über 30 Grad und wir waren binnen weniger Minuten ziemlich durchgeschwitzt. Wir hatten mit großzügigem zeitlichem Puffer gerechnet, aber kamen insgesamt bis dahin dermaßen zügig durch, so dass wir mehrere Stunden bis zur Abfahrt unseres Zuges hatten.


Auf dem Weg zur Gepäckaufbewahrung absolvierten wir erst mal den absoluten Pflichttermin: Ein Foto mit Paddington, dem Bären. Ohne Koffer ging’s dann raus ins Londoner Getümmel und ums Eck zum Grand Union Canal, auf der Suche nach etwas Schatten und Sommerfrische in der netten Kulisse von Little Venice. Bei Vagabond tankten wir erst mal ordentlich Mineralwasser und ein paar Tapas-Gerichte vom Lunch-Angebot, bevor wir am Kanal entlang spazierten und den Ausblick genossen. Mit Blick auf die Uhr gönnten wir uns bei Marshfield Farm ein leckeres Eis (Heavenly Honeycomb, Rhubarb & Custard – super lecker!), bevor wir wieder zur Gepäckaufbewahrung spazierten und dann inklusive Koffern weiter zum Gleis – mit Zwischenstopp am Bankautomaten, um 100 Britische Pfund abzuheben und zur Not über Bargeld zu verfügen (Spoiler: Selbst in der kleinsten Bar im kleinsten Kaff auf dem Land sollte in Cornwall Kartenzahlung möglich sein…).


So angenehm die Online-Buchung mit Great Western Railway (GWR) auch war, das weitere Nutzer-Erlebnis sollte hakelig werden. Ich war schon zuhause genervt, weil der App-Download außerhalb von UK nicht funktionierte. Vor Ort funktionierte er zwar, die App dafür aber schlecht bis nicht. So viel zur Empfehlung von GWR, Tickets easy in der App zu verwalten. Gut, dass wir die Tickets altbacken als Papier-Ausdruck und zur Sicherheit auch als pdf in der Cloud dabei hatten. Mit „200 Years of Train Travel“ warb GWR überall, nun ja, irgendwie noch nicht ganz in der Zukunft angekommen.


Das mit der schlecht bis nicht funktionierenden App erwies sich unterwegs als noch unpraktischer: Richtung Plymouth wurden die Aussichten aus dem Zugfenster zwar immer schöner, wir sammelten allerdings auch immer mehr Verspätung an. Gelegentliche Durchsagen waren eher schlecht als recht verständlich, die App tat ihren Job auch nicht. Immerhin funktionierte das wlan und wir recherchierten zur Sicherheit schon mal Alternativen für die Etappe zwischen St Erth und St Ives, falls wir die letzte Verbindung des Tages verpassen sollten: eine Art Fernbus oder hoffentlich sowas wie Taxi-Service. Irgendwann lief jemand vom Zugpersonal durch und fragte ab, wer denn in St Erth nach St Ives umsteige. Danach hörten wir erst mal nix mehr, bis 5 min. vorm Halt in St Erth. Ein Mitreisender riet uns derweil davon ab, die wenigen Kilometer alternativ zu laufen, da es dort einen „massive hill“ gäbe, der sehr „steep“ wäre. Das bestätigte unsere Infos aus Google Maps: Ziemlich steil dort, teilweise mit Stufen – was uns als erfahrene Trailläuferinnen erst mal nicht unbedingt abschreckte, aber im Dunkeln und mit Gepäck?!
Dann die frohe Botschaft, dass der Zug nach St Ives auf uns warte. Wir sollten uns aber sputen, um den Gleiswechsel zu schaffen. Nun ja, als der Zug in St Erth hielt, waren wir beiden deutschen Mädels mit unsren beiden Koffern unter den wenigen, die sofort losstiefelten, über die Überführung hetzten, auf der anderen Seite wieder runter und dann auf dem Nebengleis in den Zug fielen. Inzwischen müde und von der Hitze ko (nicht zu vergessen, dass unsere innere Uhr schon weit nach Mitternacht war) trauten wir unsren Augen kaum, dass draußen eine gut gelaunte Zugbegleiterin minutenlang weitere Fahrgäste samt ihren Surfbrettern (!) in den Zug winkte. Ein Service, der bei der Deutschen Bahn so wohl nicht passiert wäre. Nachdem alle Fahrgäste um- und eingestiegen waren, ging es endlich los nach St Ives – eine gute halbe Stunde später als geplant.
Immerhin mussten wir uns um den Rest keine Sorgen machen, denn wir hatten vorab digital in unserer Unterkunft eingecheckt und waren im Besitz eines Codes, mit dem wir auch zu später Stunde Zugang zum Foyer und der Schlüsselbox erhalten würden. Erst aber wartete noch ein kurzer Fußmarsch auf uns, denn wir mussten samt Koffern vom Bahnhof am Meer den Hügel hoch, quer durch den Ort und einen weiteren Hügel hoch. Der letzte Anstieg: schlappe 25 % Steigung – so viel zum Thema „hilly“ und „steep“, was mussten wir lachen…

In der Unterkunft zwei enge Treppen nach oben und wir waren endlich da, wenn auch ko und durchgeschwitzt. Inzwischen war es nach Mitternacht und wir fielen nach einem kurzen Zwischenstopp unter der Dusche sofort ins Bett und in tiefen Schlaf – die Möwen ignorierend, die draußen ein penetrantes Schreikonzert abhielten.
Hier geht’s weiter zu Tag 1 in Cornwall…
Ein Gedanke zu “Jane Austen, Rosamunde Pilcher und ein berühmter Bär…”