Nach der etwas späten Anreise am Vortag begrüßte uns am Morgen in St Ives nicht nur strahlendes Sommerwetter, sondern auch eine wunderbare Aussicht, als wir unsere Unterkunft verließen. Perfekt! Direkt vor uns linkerhand Mans Head, dann Porthmeor Beach, und schließlich rechterhand das eigentliche Ortszentrum, in das wir uns auf den Weg machten.
Zunächst ging es am Friedhof mit den Kriegsgräbern vorbei, wo ich gleich einen ersten Fotostopp einlegen musste. Friedhöfe, vor allem mit schön gestalteten, verwitterten Grabsteinen, faszinieren mich einfach. Nicht zuletzt erzählen sie auch einiges über die jeweilige Kultur. Danach führten uns steile Treppen und enge Gässchen hinunter auf die andere Seite der Landzunge. Bevor wir den Strand dort erreichten, nahm uns die Auslage einer Bäckerei gefangen: Bei der St Ives Pasty Bakery shoppten wir ausgiebig Backwerk zum Frühstück und (viel zu viel) für später, so lecker sah alles aus.





An der Strandpromenade schnappten wir uns beim Mor Beach Café noch frischen Kaffee und ließen uns dann mit unserer Ausbeute auf einer der Bänke nieder, um unser Frühstück und die Aussicht auf den Pier und den (unspektakulären) Leuchtturm zu genießen. Ziemlich schnell hatten wir Publikum: Die dreisten Möwen umkreisten uns wie die Aasgeier. Aber ich hatte keinerlei Interesse, meinen Cruffin, eine sehr interessante Kreuzung aus Croissant und Muffin mit Cremefüllung (Achtung, geiles Zeug, Zuckerschock und Suchtgefahr!), zu teilen. Immerhin verloren sie schnell das Interesse und konzentrierten sich auf andere Ziele – Kleinkinder im Buggy sind definitiv die leichteren Opfer und schneller ihr Essen los, als sie blinzeln können.



Mit Blick auf unsere Trailpläne machten wir uns zügig wieder auf den Rückweg, indem wir an Kunstgalerien und der Tate St Ives vorbei zurück zur Unterkunft schlenderten. Auf dieser Seite ist die Strandpromenade mit Schildern gepflastert, die vor den aggressiven Möwen warnen. Und wir entdeckten die ersten Schilder des South West Coast Path, der eigentliche Grund für unsere Reise.




Auf dem kleinen Stellplatz vor der Unterkunft fiel uns ein riesiges Pappschild an einem Auto auf, das aufforderte, umzuparken. Parkplätze scheinen hier Mangelware zu sein. Vor Ort wurde uns klar, warum wir vorab zig Hinweismails der Unterkunft zur schwierigen Parksituation erhalten hatten. Gerade in der Hauptsaison stelle ich mir das in den engen Gassen und mit stark begrenzten Parkmöglichkeiten sehr schwierig vor. Im Laufe der nächsten 24 h sollten wir noch die nächsten Eskalationsstufen erleben: Zunächst wurde das Hinweisschild mit Paketband auf die Autoscheibe geklebt, später am Tag waren die Räder mit schweren Ketten blockiert und am nächsten Tag war das Auto schließlich verschwunden (abgeschleppt?). Noch ein Grund, St Ives besser mit dem Zug zu bereisen.
Doch uns rief der Trail und nach einem kurzen Zwischenstopp in der Unterkunft zum Umziehen, Restaurants Recherchieren und Tickets für die Tate St Ives am späten Nachmittag Reservieren, ging‘s endlich los. Als kleines Warm up hatten wir uns eine ca. 18 km lange Strecke ausgesucht, die uns durchs Landesinnere gen Osten und dann via St Erth an der Küste entlang zurück gen Westen nach St Ives führen sollte. Wie in einer Achterbahn ging es erst den Hang hinunter in den Ort, dann wieder hoch und wieder runter Richtung Bahnhof und am Porthminster Beach vorbei. Über die tolle Aussicht konnten wir uns nicht lange freuen, denn dann ging es auch schon wieder hoch und ins Landesinnere.



Wir hatten die Route mit Komoot bzw. Strava geplant und uns anhand der Daten dort angeschaut, wie frequentiert die Streckenabschnitte sind und wann dort zuletzt jemand unterwegs war. Das Infomaterial zum South West Coast Path ist auch relativ üppig (es ist schließlich Großbritanniens längster ausgeschilderter Fernwanderweg und ein National Trail), sodass wir zumindest bzgl. der Küsten-Abschnitte sicher waren, dass es keine Probleme mit Sackgassen geben sollte, sondern ausgeschilderte Umleitungen im Falle des Falles. Soweit so gut – in der Theorie. Kurz hinter dem Tregenna Castle Resort trafen wir auf die erste Hürde: Wir waren in einer Art umzäunten bzw. ummauerten Bereich. Also sportlich über das Holztor klettern.
Klettern sollte das Stichwort der nächsten Tage werden, denn in Großbritannien herrscht Öffentliches Wegerecht (public right of way) für die historischen Wanderwege, sodass auch Privatgrundstücke, Weiden etc. gequert werden dürfen. In der Regel gibt es Drehkreuze, Gatter, Zaun- oder Mauertritte aus Brettern, treppenhafte Gebilde aus Steinstufen oder Felsbrocken als Durchlass durch die Begrenzungen. Hoch, runter, hoch, runter. Gatter auf, Gatter zu. Hoch, runter, hoch runter. Langsam wurde uns klar, dass wir so einiges mehr an Zeit benötigen würden als bei einem gewohnten Traillauf. Hinzu kommt, dass das Öffentliche Wegerecht keinerlei Rückschlüsse auf den Zustand bzw. die Instandhaltung des Weges zulässt. Oft war kaum ein Trampfelpfad zu erkennen. Gras und Pflanzen standen hüfthoch. Im besten Fall. Im schlechtesten Fall waren es Brennnesseln und Brombeeren. Nach wenigen Kilometern waren unsere Beine blutig zerschrammt und brannten, mein Shirt hatte die ersten kleinen Löcher. Dann noch ein paar matschige Stellen und wir hatten eine Schlammpackung an den Waden. Trail-Aktivurlaub? Definitiv kein Schönheitsurlaub, aber unsere Laune war bestens.












Zum Geklettere kam eine weitere Challenge hinzu: Den Ausgang aus Feld bzw. Weide finden. Der Weg war mit bloßem Auge nicht immer gut erkennbar. Bei der Straßenquerung kurz vor Trencrom Hill blieb uns nichts anderes übrig, als durch Stacheldraht-Zaun und Hecken hindurch über eine Trockenmauer zu klettern. An einer anderen Stelle fragten wir einen entgegenkommenden Wanderer, wie er in die Koppel hineingekommen war – und wir wieder rauskommen könnten. (Witzigerweise war er wohl genau die gleiche Route wie wir in umgekehrter Richtung unterwegs, wir sollten ihn später an der Küste wiedersehen…). Insgesamt waren die Pfade und Sehenswürdigkeiten aber top ausgeschildert, in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen gab es Schilder.
Waren wir bei Sonne und leichter Bewölkung an der Küste gestartet, so begleiteten uns auf der Runde im Inland dunkle Regenwolken, Nebelschwaden, Wind und Nieselregen. Keine Bedingungen zum Verweilen, sodass wir im Vorbeilaufen nur einen kurzen Blick auf Knill’s Monument warfen (und später am Abend online zu diesem interessanten Denkmal recherchierten). Ansonsten gab’s vor allem Tiere zu sehen: Pferde, Kühe, Vögel und Katzen. Bei den Kühen checkten wir beim Betreten der Weide immer erst, ob Jungtiere dabei waren und wo sich die Herde aufhielt, um gegebenenfalls den Bogen drumherum etwas größer zu machen. Ganz schön gefährlich, dieses Trailleben.
Kaum ging es wieder Richtung Küste, kam auch wieder die Sonne raus und es wurde warm. Es rollte gut vorwärts, aber die Strecke war nicht wirklich für Tempo gemacht. Und hetzen wollten wir auch nicht, dafür gab es zu viel zu sehen und zu genießen. Kurz vor St Erth dann nochmal ein „Verlaufer“, bei dem wir vor einer Mauer standen, über die es nicht weiterging, sodass wir ein gutes Stück zurücklaufen mussten, um die korrekte Abzweigung zu finden. Das merkten auch unsere Garmin-Uhren und rechneten beständig unsere Ankunftszeit hoch.
Durch St Erth ging es eine ganze Weile asphaltiert an der Straße entlang. Nicht so schön. Die Wohngebiete waren da schon interessanter, da beschäftigten wir uns mit Immobilien-Sightseeing, bis wir in die Nähe von Lelant und Carbis Bay und damit wieder an die Küste kamen, wo wir die Strecke durch die Dünenlandschaft genießen konnten. Nachdem wir im Inland teils auf dem Jakobsweg und dem St Michael’s Way unterwegs waren, waren wir hier wieder auf dem South West Coast Path. Das Vorankommen dort war teils eher Stop & Go, wenn auf den schmalen Singletrails Wanderer vor uns waren oder entgegenkamen.


Müde, wenn auch ziemlich zufrieden über diesen Auftakt, erreichten Julia und ich am Nachmittag wieder St Ives. Aus den geplanten 18 km waren fast 25 km geworden (mit ca. 600 Höhenmetern). Das gebuchte Zeitfenster für unseren Besuch in der Tate St Ives hatte sich inzwischen erledigt und das Museum geschlossen – wir nahmen es mit Humor und verbuchten es als Spende an den britischen Kulturbetrieb. Bei aller Motivation, Fitness und Ultratrail-Erfahrung mussten wir uns eingestehen, dass unsere Idee für den Folgetag, eine Marathondistanz von Küste zu Küste zu laufen, keinen Sinn machte – auch wenn wir auf dem Rückweg Bahnstationen in Reichweite und die Möglichkeit zum Abkürzen hätten.
Die Entscheidung über die Strecke für den Folgetag schoben wir erst mal auf. Nachdem wir geduscht und unsere Beine wieder in einen einigermaßen vorzeigbaren Zustand geschrubbt hatten, meldeten sich unsere Bäuche und forderten warme Mahlzeiten. Am Hafen von St Ives wurden wir spontan bei The Rum & Crab Shack fündig: frisch gezapftes Bier und verschiedene Gerichte zum Teilen, u. a. frische Austern und Crab Mac n‘ Cheese – zum Reinlegen!



Ein kurzer Verdauungsspaziergang führte uns zur St Nicholas‘ Chapel und zum Porthgwidden Beach, wo wir uns die Meeresluft um die Ohren wehen ließen und im Videocall mit den Daheimgebliebenen unsre Abenteuer des Tages zusammenfassten.





Bevor wir zufrieden und müde ins Bett fielen, folgte die unvermeidliche Besprechung und Planung der Route für den Folgetag: Auch wenn der Marathonplan von Küste zu Küste gestrichen war, der neue Plan hatte es mit mehr Kilometern und Höhenmetern und weitaus technischerem Profil als heute in sich…
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