Drei Mal Zugspitz-Ultratrail (ZUT), drei Mal komplett unterschiedliche Erfahrungen und vor allem Bedingungen. Fast so, als wäre es nicht das gleiche Event…
Doch von vorne: Nach meinem ZUT-Debüt 2023 auf der Mittenwald-Strecke wagte ich mich 2024 auf die Leutasch-Strecke. Da ging’s schon mal sehr viel entspannter an den Start, weil ich ausgeschlafen und nicht so gerädert wie im Vorjahr war, und weil der Veranstalter lobenswerterweise unser Feedback umgesetzt hat und die Busse nicht mehr so überzogen früh zum Start fuhren. Ich hatte einige Trainings-Ultras in den Beinen, genug Selbstvertrauen und dennoch Respekt bis Bammel, was die erste Höhenmeter-Packung anging: Leutasch raus, Scharnitzjoch hoch. 1.000 Höhenmeter auf wenigen Kilometern. Ich wusste, wenn ich den ersten Cut off bei km 16 entspannt schaffe, dann mache ich mir keine Sorgen mehr. Und es lief bzw. marschierte. Bei leichtem Nieselregen, im Anstieg wurde es nass und kühl, Regenjacke ausgepackt.
Der Stolz, als ich oben war. Kurz Aussicht genießen und weiter, mehr rutschend als laufend durch die Schneefelder runter…
Weiter im dann wieder schneefreien Downhill und zur VP Hubertushof. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass ich 53 min. Luft zum Cut off hatte. Passte. Da blieb auch Zeit, ein Stück Pizza reinzuschieben, die dort gerade frisch aus dem Ofen kam. Gut gelaunt ging es kauend durch den Medical Check, weiter Richtung Geisterklamm, über die deutsch-österreichische Grenze nach Mittenwald. Das Wetter war zwischenzeitlich etwas freundlicher, wobei es zwischenzeitlich immer wieder die Regenjacke brauchte – aus, an, aus, an, so oft hab ich mich noch nie rein- und wieder rausgeschält. Aber wenn die Sonne rauskam, war es einfach zu warm dafür.
Ab Mittenwald dann das Programm, das mir schon von 2023 bekannt war. Nächstes Zwischenziel: VP bei Schloss Elmau. Dort überraschten mich drei Hartfüßler aus meinem Verein – was hab ich mich gefreut über die positive Energie, die mich im nächsten Anstieg gepusht hat!
Zwischenzeitlich zog es sich zu und als ich nach der VP Laubhütte mit inzwischen gut 50 km in den Beinen die Serpentinen von „Zegapa“ hochstapfte, war klar, dass es ungemütlich werden würde. Oben in der Cheering Zone der NOMADS erwarteten mich Chris und Nico mit einem Schub Motivation und der Info, dass sie jetzt wetterbedingt alles abbauen müssten. Am Berg war es inzwischen reichlich kühl und so neblig, dass die Strecke kaum noch zu sehen war. An der VP Hochalm der nächste Dämpfer: Bouillon? Nicht warm. Dauert 10 min. Und vor allem das Gerücht, dass das Rennen abgebrochen wird. Keiner weiß nix genaues. Hilft nix, mir ist kalt. Ich stapfte weiter – und sah kaum wohin.




Oben am Osterfelder die Bergwacht. Keine Info. Null Aussicht, kein Bergpanorama wie im Vorjahr. Ein Blick aufs Handy. Keine SMS vom Veranstalter, aber eine Sprachnachricht von Chris, dass sie nicht mehr mit der Bahn runterkönnten und er mir im Osterfelder Loop entgegenkomme. An den Stufen vom Osterfelder wie immer die bewährt-verrückte, gut gelaunte und vor allem kaum zu übersehende (inoffizielle) „VP Schnaps“, die allerdings schon abgebaut hatte und mich und meine Mitläufer informierte, dass wir zu den letzten zehn Personen gehören, die man noch in den Anstieg gelassen hatte. Tatsächlich Rennabbruch, alle nach uns wurden nach „Zegapa“ direkt in den Downhill geleitet. Beschissene Kommunikation. (Wie ich später rausfinden sollte, gab es eine Info vom Veranstalter per Mail dazu. Aber wer bitte checkt in der Situation seine Mails?!)
Half aber nix. Ich wollte ins Ziel und fühlte mich trotz allem noch fit. Ich überholte ein paar müde Kerle von der 100er-Strecke und war plötzlich ziemlich allein im Osterfelder Loop bzw. Nebelmeer. Es schüttete immer mehr, die Sicht war gleich Null, die Temperatur war inzwischen auf 8 Grad gefallen und mir war leicht mulmig zumute. Was war ich erleichtert, als mir Chris entgegenkam. Der letzte Teil des Loops war wurzelig und rutschig, meine Beine dann doch zunehmend müde. Am Ende des Loops erwartete mich die Rennleitung im Darth Vader-Regenmantel: kurzer Check, ich bestätigte, dass ich ok bin. Nein, umziehen will ich mich nicht – wenn ich jetzt aus den Schuhen raus muss, um die Regenhose überzuziehen (was da einige unterm Felsvorsprung machen), ist es vorbei. Also lieber in Bewegung bleiben, dann ist kurze Hose kein Problem. Und ja, ich ziehe die Stirnlampe an, damit man mich besser sehen kann.
Wir gabelten noch Andi auf, der ebenso wie Chris dick eingepackt in sein Regenoutfit war und Teile der VP auf den Rücken geschnallt hatte und los ging’s in den Downhill. Im Gegensatz zum Vorjahr nicht via Jägersteig, sondern wesentlich laufbarer über die Forst-Autobahn -jippie. Ich gab Gas, ich hatte Spaß… ich rollte, hinter mir das Glockengeläut meiner NOMADS-Entourage („Aaaaachtung, schnelle Frau!“), ich war jenseits der 60 km und trotzdem ging da schnelles Tempo – Runner’s High ließ grüßen, ich feierte mich selbst. (Und versetzte die anderen Hartfüßler unten im Ort in leichte Panik, die im Livetracking sahen, dass ich schneller wurde und die daher beim Abendessen auch bisschen arg Gas geben mussten. 😉 Fakten: Ich habe im Downhill über 40 Plätze gutgemacht!) Ich war durch und durch nass, da war’s völlig egal, an der Kandahar vorbei und auf den letzten Kilometern ins Ziel mitten durch die Pfützen zu laufen. Das war definitiv wieder ein Haufen Momente, wegen denen ein Lauf unvergesslich bleiben würde!
Mein Ziel, die 12 h zu unterbieten, klappte nicht ganz, aber was war ich stolz und glückselig über meine Leistung!
Nach diesem Erlebnis hatte ich das Gefühl, mit dem Leutasch-Trail noch eine Rechnung offen zu haben. Also direkt für 2025 angemeldet. In der Erwartung, dieses Mal bei normalen Wetterbedingungen zu laufen. Von wegen. Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Angereist mit einer Hartfüßler-Mädelsgruppe war das Programm mit Expo und Pizza bei La Baita das bewährte – bis am Donnerstagnachmittag eine Info-SMS des Veranstalters kam: Aufgrund der Hitze wurde „dringendst“ ein „Sonnenhut mit breiter Krempe“ empfohlen. Außerdem mind. 1 l Wasser bereits beim Start dabeizuhaben und es würde an der VP Hochalm einen weiteren Medical Check geben. Also mal eben zu Sport Conrad Sonnenhüte shoppen.
Das „Zegapa“-Cheering mit den NOMADS am Freitag für die 29er-Strecke war dann schon mal ein leichter Vorgeschmack dessen, was uns Samstag beim Lauf erwarten sollte. Knallharte Hitze und erbarmungslose Sonne. Den Rest des Tages verbrachten wir dann lieber mal mit kühlen Getränken und Eis am Hotelpool. Abends Gänsehaut beim Anfeuern des 100-Meilen-Starts in der NOMADS-Fankurve in der Fußgängerzone – was eine Stimmung!
Samstagmorgen ging es zusammen mit Ramona zum Bus nach Leutasch – ordentlich mit Sonnencreme einbalsamiert, bester Laune und mit leichten Schmerzen im Handgelenk (eine Sehnenscheidenentzündung, wie sich später rausstellen sollte – Folgen vom Hardcore-Cheering mit den NOMADS am Vortag…). Der Start (9 Uhr) definitiv zu spät für diese Hitze, die Temperaturen schon gut über 20 Grad. Ich bin kein Early Bird, aber was hab ich in dem Moment Julia beneidet, die zwei Stunden früher auf der Mittenwald-Strecke gestartet war! Zum Scharnitzjoch hoch lief es top für mich. Um einige Erfahrung und einiges an Training reicher, war ich trotz Hitze zügiger unterwegs als im Vorjahr und ließ es mir nicht nehmen, die Tiershow zu genießen, die da abging. Das waren definitiv wieder solche Momente, WARUM ich Traillaufen so liebe!










Ramona und ich hatten uns im Uphill aus den Augen verloren, jede hatte ihr Tempo gefunden und ich freute mich auf die VP Hubertushof – nach 16 km und gut 1.000 hm bei diesen Temperaturen waren meine Flasks leer. Die Pizza dort interessierte mich dieses Mal nicht, die kam leider nicht gegen die Wassermelonen an. Medical Check abgehakt und weiter ging’s. Leider zunehmend wandernd. Oben am Scharnitzjoch brannte die Sonne, aber die Luft war herrlich frisch. Hier unten im Tal war es dagegen stickig und heiß, mein Körper fing an zu kochen, meine Quetschies und Gels in der Laufweste ebenso. Die nächsten 10 km über die Grenze nach Deutschland und bis zur VP in Mittenwald zogen sich wie Gummi. Wüsten-Feeling. In meinem Kopf machte sich der „Dune“-Soundtrack breit. Und da war sie, ungewohnt früh: die mentale Krise. Nicht mal Halbmarathon-Marke und ich war voll im Loch. Mir war heiß, mein Kopf Matsch, hallo Zweifel, hallo schlechte Laune. Bei der VP wurde es nicht viel besser: Um mich herum kollabierten zunehmend Läufer, oben rotierten die Hubschrauber.



Zeit für eine Premiere: den Telefon-Joker. Ich rief meinen Mann an und heulte ihn voll. Das gleiche (aber da schon gewohnt) per Sprachnachricht in unsere Hartfüßler-Freundesgruppe. Einmal alles rausgejammert, war’s dann auch wieder gut. Ich rechnete kurz hoch, dass ich selbst schnell walkend noch die Cut offs schaffen würde und riss mich zusammen. DNF war keine Option, solange keine Verletzung oder Hitzschlag drohte, so gut kenne ich meinen Körper. Weiter, immer weiter. Rund um den See musste ich mich heftig zusammenreißen, sonst hätte ich mich reingelegt und nicht mehr weiterbewegt, aber irgendwie kam ich wandernd bei Schloss Elmau an. An den VP die Herausforderung, nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel Flüssigkeit in und auf mich zu schütten. Balance schwierig, Denken auch. Wüstenläufe? Definitiv nix für mich, das hier ist mir schon extrem genug. Hoch zur Elmauer Alm und übern Bergrücken lief’s irgendwie wieder relativ gut für mich. Oben am Eckbauer hatte die Bergwacht eine Dusche aufgebaut, das war genial! Zwischenzeitlich erste Wölkchen, dankbar für einen Hauch von Schatten.






In den Serpentinen runter Richtung Graseck hörte ich das erste Grollen. Gewitter im Anmarsch. In den Bergen irgendwie nicht so beruhigend. Julia war inzwischen gut gelaunt im Ziel, Ramona irgendwie vor mir und quatschte ihren Tiefpunkt wegen Gewitter und Hitze in eine Sprachnachricht an uns. Wie praktisch, wenn sich die Tiefpunkte bei uns im Rennverlauf so unterschiedlich verteilen: Rollenwechsel. Jetzt konnte ich eine Kurznachricht reinquatschen mit der Ansage, mal eben die Pobacken zusammenzureißen und weiterzumarschieren!
Im Anstieg nach der Brücke über die Partnachklamm sank meine Laune abrupt wieder. In den Serpentinen nach oben wurde mir arg schwindelig. Und nicht nur mir. Vor und hinter mir setzen sich einige immer mal wieder hin. Zwei Läufer riefen den Veranstalter an, um sich abholen zu lassen. Kaum war ich wieder oben auf dem Weg, der mich zur VP Laubhütte führen sollte, zeigte mir ein Blick aufs Handy eine SMS des Veranstalters: Aufgrund „akuter Gewittergefahr“ sollten ab sofort alle von der „Zegapa Cheering Zone“ aus direkt runter ins Ziel geleitet werden. Die News verbreitete sich im Läuferfeld wie ein Lauffeuer – und die wenigsten waren angesichts der Hitze und Anstrengung arg traurig darüber, dass der Anstieg zum Osterfelder und der Loop rausfielen. Im Gegenteil: Mir versetzte es einen Schub, ich war plötzlich wieder voll motiviert und stapfte nach kurzer VP-Pause zügig „Zegapa“ hoch, wo noch ein restlicher Haufen NOMADS anfeuerte. Eine kurze Umarmung von Andi, ein Hallo an einige andere bekannte Gesichter und ab ging’s in den Downhill.


Meine „Strategie“, meine Beine im Uphill und generell nicht so zu zerstören, dass sie gegen Ende dichtmachen und blockieren, ging auch dieses Mal voll auf: Stöcke im Köcher verstaut, über die Kreuzeck-Kuppe, kam im Downhill mein zweiter Atem und ich fiel wieder ins Rollen. Die Strecke war nochmal leicht anders als im Vorjahr und ich musste mich trotz Müdigkeit etwas aufs Navigieren konzentrieren, aber ansonsten „legte“ ich mich quasi den Downhill und hatte wieder Spaß. Da war wieder sowas wie Tempo, auf meiner Garmin-Uhr rechnete die kalkulierte Zielzeit immer weiter runter, ich überholte einige, inklusive kurzem Wiedersehen mit Ramona. Ein letztes Stück Wassermelone an der VP Garmischer Haus und ab ging’s ins Ziel. Trotz Streckenkürzung immer noch über 60 km, bei dieser Hitze mehr als genug. An der letzten Kreuzung erwarteten mich Hartfüßler-Mädels. Gänsehaut. Sandra begleitete mich die letzten Meter in den Zielkanal, Miri feuerte mich lautstark an und im Ziel wartete Julia mit der Medaille auf mich.



Mir war zum Heulen – auch aus Freude, dass es endlich vorbei war. Ein Stuhl, ein kaltes Bier, fertig. Nachdem Ramona im Ziel war, holten wir unsre Finisher-Shirts ab und starteten den Versuch einer Mahlzeit, aber die Zielverpflegung war geplündert und der Food-Gutschein auf der Expo beschwerte uns nur noch zwei Würstchen mit einer steinharten Brezel. Also lieber ab ins Hotel, dort die Sandwich-Vorräte plündern und dann unter die Dusche. Perfektes Timing, denn dann legten Gewitter und Wolkenbruch los, während immer noch viele Läufer auf dem Weg ins Ziel waren.
Von allen drei Läufen hat mich der ZUT in diesem Jahr stärker als sonst beschäftigt und noch Wochen nachgewirkt. Das frühe mentale Tief. Die Hitze und die Reaktionen des Körpers. Das Zusammenreißen und Durchbeißen. Die Hochs nach den Tiefs. Diese „Kopf-Körper-Challenge“ ist das, was für mich den Ultra ausmacht. Die Antwort auf das Warum. Gleich und doch immer anders. Es wird nie langweilig.


























