Pack ma’s!

Und dann war ZUT- bzw. Mittenwald-Raceday. 17. Juni 2023. Der Wecker traf mich um vier Uhr wie ein Hammerschlag. Ich hatte schwer in den Schlaf gefunden und nach dem Schlafentzug der vorherigen Tage – erst durch das Klima in Como, dann durch den Feueralarm hier im Hotel – war ich irgendwie durch. Nachdem es bei der Startnummernausgabe am Vortag die Info gegeben hatte, dass es mehrere Shuttles mit Abstand nacheinander gegeben würde, kam spät abends noch per SMS die Info vom Veranstalter, dass alle Shuttles um 5 Uhr fahren würden, nicht später. Immerhin war unsere Unterkunft direkt in der Nähe des Abfahrtsort der Shuttles nach Mittenwald.

Glücklicherweise hatte ich am Vorabend alles parat gelegt. Wie sehr ich übermüdet und neben der Spur war, zeigte sich beim Schuhe Schnüren: Ich bekam es kaum auf die Reihe. Um sicherzugehen, dass ich in dieser Verfassung in den richtigen Shuttlebus einsteige, beschloss mein Mann, mich bis zur Haltestelle am Eisstadion zu begleiten.

An der Haltestelle traf ich auf zwei weitere Vereinsmitglieder. Wir fanden gleich im ersten Shuttlebus Platz und nutzen die Fahrt nach Mittenwald, noch etwas vor uns hinzudösen. Nachdem die Shuttlebusse überpünktlich losgefahren waren (unserer, der erste, sogar noch einige Minuten VOR 5 Uhr), waren wir bereits um 5:20 Uhr am Start in Mittenwald. Dort war leider überhaupt noch nichts von Start zu erkennen und es war richtig kalt. Bibbernd pressten sich die Läufer:innen in Hauseingänge und den Eingangsbereich des Bahnhofs, und zogen Teile der Pflichtausrüstung an, um etwas warm zu bleiben.

Kälte und Countdown

Die Temperaturen waren einstellig, bis zum Start waren es noch über 1,5 h und ich war leicht genervt. Die meisten hier stellten sich die Frage, warum die Shuttlebusse nicht erst um 5:30 oder 6 Uhr losgefahren sind, warum hier keine Pavillons o. ä. standen, es keinen warmen Tee gab und und und… Irgendwie schafften wir es, nicht ganz auszukühlen und die Zeit totzuschlagen, bis endlich die Kleiderbeutel-Abgabe und der Startblock öffneten. Frierend schoben wir uns erst in der Schlange zur Kontrolle der Pflichtausrüstung, dann im Startblock vorwärts.

Als um 7 Uhr der Startschuss fiel, waren es ca. 8 Grad, mir war kalt und vor allem war ich sehr müde. Als ich mich über die Startlinie schob, kreuzte mein Blick den des Race Directors, der motivierende Gesten machte. Mein Blick strahlte sicherlich zu dem Zeitpunkt nicht ganz so viel Motivation aus.

Nach den ersten, relativ flotten Kilometern durch die Straßen von Mittenwald ging es ins Gelände und an die ersten Höhenmeter. Klick klick, Stöcke raus und ausgeklappt. Vorwärts ging es erst mal nicht so wirklich, klassischer Stau im Anstieg. Auf den Kilometern danach fand ich langsam ins Tempo, genoss die friedliche Morgenstimmung insbesondere rund um den Ferchensee und teilte immer mal wieder quatschend etwas Strecke mit Patrick von den Rooftoprunners, den ich von zahlreichen Läufen im Saarland kannte.

Ich wunderte mich, dass die Strecke bislang relativ flach verlief, wir hatten gerade mal ca. 500 Höhenmeter in den Beinen. Aber das sollte sich bald ändern. Nach der ersten Verpflegungsstation bei Schloss Elmau ging es direkt bergauf, und zwar ziemlich matschig und nass. Je weiter ich mich über den Bergrücken Richtung Wamberg bewegte, desto mehr fand ich endlich in einen Laufrhythmus und desto mehr machte der Nebel der Sonne Platz. Zügig war ich oben beim Eckbauer, wo wir zwei Tage vorher unsere Wanderung gemacht hatten. Ich nahm schnell ein paar Bissen vom Energieriegel, bevor es in den Downhill Richtung Graseck ging. Erinnerungen an unseren „Corona-Urlaub“ dort keimten auf. Netterweise standen direkt am Hotel einige Gäste, die uns anfeuerten. Danach, hinter der Kaiserschmarrn Alm, wurde es wieder einsamer. Hier hatte es eine Streckenänderung gegeben, da die Brücke über die Partnachklamm leider noch nicht fertig saniert war.

Der nächste Abschnitt bis zum Verpflegungspunkt Laubhütte bei km 23 zog sich zäh wie Gummi. Nach dem Downhill fand ich schwer in einen Laufrhythmus, schob immer wieder Gehpassagen ein. Von hinten überholten mich einige von den längeren Strecken. War ich froh, als ich endlich die VP sah! Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass ich komfortablen Abstand zum Cut off hatte. Ich wollte hier nicht viel Zeit verlieren, aber unbedingt ausreichend Nahrung und Flüssigkeit tanken, bevor es in den steilen Aufstieg ging. Ich ergatterte mir gerade noch einen Becher Cola, bevor es keine mehr gab (was mich leicht nervte), bei den Flasks musste es zum Auffüllen Wasser tun.

Halbzeit

Bei Laubhütte war doppelte Halbzeit, bei den Kilometern und bei den Höhenmetern. Ich wusste, dass das Rennen jetzt erst so richtig begann und war froh, mich wie geplant bis dahin nicht zu sehr verausgabt zu haben. Bis zur Hochalm ging es in Serpentinen zwar nur rund 5 km, aber über 700 Höhenmeter hoch. Vor mir hatte ich mit Mariana eine gut gelaunte Griechin, die schon mehrfach am ZUT teilgenommen hatte und mir immer wieder aufmunternd versicherte, dass wir „gleich“ da seien. Der schmale Trail zog sich wie Gummi, obwohl wir schon von weitem die fantastische Stimmung von oben hörten. An mehreren Stellen waren richtig dicke Bäume umgestürzt, über die man erst die Stöcke werfen und dann umständlich drüberklettern musste – was mich wieder mal aus dem Laufrhythmus brachte. Was war ich froh, als ich endlich oben das Plateau mit dem Stimmungsnest sehen konnte. Keine Ahnung, was lauter war: Rufe, Musik oder Kuhglocken der Truppe da oben. Da war er, der erste große Gänsehaut-Moment des Tages.

Als ich die letzte Kurve nahm, hatte ich nicht nur Gänsehaut, sondern auch Tränen und ein fettes Lächeln im Gesicht. „Bist Du ausm Saarland?“ schallte es mir fragend entgegen – wie sich später herausstellte, hatte Chris, Exil-Saarländer in GaPa, der hier den ganzen Tag einheizte und anfeuerte, mich anhand des HartfüßlerTrail-Tattoos erkannt.

Die Freude, oben zu sein, währte nicht lange, denn es ging noch ein gutes Stück weiter nach oben, bis endlich die Hochalm erreicht war. Ich versuchte, auf dem Zwischenstück so viel wie möglich die tolle Aussicht zu genießen, machte Fotos und gab via WhatsApp ein paar Statusmeldungen nach Hause und ins Tal ab.

Mit der Hochalm erreichte ich dann auch endlich die nächste VP, wobei Cola schon wieder aus war (stattdessen gab es nur noch Cola mit Energygedöns versetzt vom Sponsor… nein danke, keine Experimente) und auch sonst suchten hier einige vergeblich nach Kartoffeln und Energiegels. Ich hatte Hunger, mein Verbrenner lief auf Hochtouren, aber gleichzeitig ekelte mich das Energiezeug inzwischen an. Zwei Helfer schauten mir mitleidig zu, als ich mir ein Gel rein- und das Gesicht angewidert verzog.

A propos Ziehen: Das letzte Stück (2 km, 300 hm) bis hoch zum Osterfelder zog sich noch zäher als zäh, über breite Schotterpisten, an Schneefeldern vorbei. Frisch gegessen in den Anstieg zu gehen ist einfach nicht so optimal. Ich arbeitete mich zusammen mit Emma aus UK voran und diesmal war ich diejenige, die mehrfach betonte, wir seien „gleich“ da, nach der nächsten Kurve warte der Gipfel. (Emma war übrigens ohne Stöcke unterwegs, Respekt, wollte sich dann aber für die Zukunft doch lieber welche kaufen…)

Oben angelangt war gewissermaßen der Wendepunkt des Laufs: höher als auf 2.025 m Höhe ging es nicht mehr und nach über 1.800 positiven Höhenmetern warteten jetzt ganz viel negative Höhenmeter. Schnell die Stöcke zusammengeklappt und verstaut, und auf in den Abstieg. Doch nur wenige Meter später legte ich eine kurze Pause ein: Schon von weitem erkennbar an pinkner Perücke und Tüllröckchen wartete die berühmte VPSchnaps und auch wenn mir nicht nach alkoholischem Getränk war (Schlachtruf: „Aperol Spritz, Gin Tonic, Wodka Cola…“), so freute ich mich sehr über die Cola, die sie – im Gegensatz zum Veranstalter – ebenfalls im Angebot hatten.

Danach folgte der für mich schwierigste Teil des Rennens: der Jägersteig. Technischen Downhill kann man nun mal nur im technischem Downhill trainieren und mir fehlte da einfach alles: Training, Rhythmus, Erfahrung, Mut – und letztlich an dem Tag auch Konzentration und Schlaf. Ungelenk stolperte ich die gerölligen Stufen runter und ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass ich weit langsamer war als im Aufstieg. Na toll. Bis zur nächsten VP waren es nur 6 km, aber rund 900 hm im Abstieg.

Die Osterfelder-Runde zog sich. Ich dachte, ich komme nicht mehr an, auch wenn der Downhill zwischenzeitlich auch nicht ganz so geröllige Passagen hatte. Meine Laune war im Keller, auch wenn die Kulisse stellenweise wirklich wunderschön war. Mein Laufstil ohnehin längst nicht mehr ganz so geschmeidig, machte sich nun zusätzlich der Schlafmangel der letzten Nächte bemerkbar. Die Konzentration fiel mir zunehmend schwer, ich kam mehrfach gefährlich ins Rutschen und begann Selbstgespräche („Konzentrier dich gefälligst, mach keine Dummheiten…“).

Endspurt

Was war ich froh, endlich die letzte VP und damit den letzten Cut off-Punkt bei Waldeck bzw. km 36 zu passieren. Schnell nochmal Salzstangen, Gurke und Apfel und weiter ging es. Böse gucken kann ich, vor allem wenn es – wieder mal – keine Cola (mehr) gibt.

Dennoch stieg meine Laune, je mehr es bergab ging. Denn während andere über die stellenweise Waldautobahn ziemlich fluchten, freute ich mich über für mich endlich mal laufbaren Downhill. Passend zur Kandahar zog ich das Tempo wieder an und hatte endlich mal wieder flotte Pace-Angaben auf der Uhr – bis der letzte Anstieg kam und danach ein langer, rutschiger Schotter-Downhill, der mir echt in die Knochen ging und bei dem ich vor allem das Ziel hatte, mich nicht abzulegen.

Als ich endlich in den Ort abbog, ließ ich es rollen. Leider oder Gott sei Dank Asphalt, ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Das Stück bis zum Bahnhof zog sich, unelegant bezwang ich dort den letzten Mini-Downhill, freute mich über die Anfeuerungsrufe der Leute und wurde ziemlich emotional. Dank meines Garmin-Live-Trackings (die Live-Ergebnisse des Veranstalters funktionierten nämlich wie schon am Vortag bei den Wettbewerben überhaupt nicht) war auch mein Mann pünktlich zur Stelle und redete mir motivierend zu. Cola hatte er auch im Angebot, aber ich wollte jetzt nur noch eins (oder auch drei): ins Ziel, meine Medaille und ein Bier!

Die letzte Schlaufe durch bzw. über die Unterführung bescheuert bis unangenehm, aber auch das ging vorüber. Auf den letzten Metern nochmal gut gerollt und dann war’s das auch schon. Im Ziel! Nach gut 8 h. Mein erster alpiner Ultramarathon. Meine längste Laufzeit (länger als beim – flachen – Ultimativen Saar Ultra 2018 über 65 km, meiner bisher längsten Distanz). Kopf matsch, mehr als müde.

Zielfoto mit der Medaille aus Holz, schnell eins der letzten Zielbiere ergattert und dann erst mal hingesetzt, bevor mein Kreislauf nicht mehr wollte. Stolz, dass ich das trotz Schlafmangel doch noch so gut durchgezogen hatte.

Die Learnings fürs nächste Mal? Definitiv mehr Schlaf in den Tagen davor!

Der ZUT bzw. Mittenwald-Trail? Definitiv ein tolles Erlebnis mit prima Orga, trotz kleiner Schwachstellen.

2 Gedanken zu “Pack ma’s!

Kommentar verfassen