Heißer Herbst

Der Tag im heißen Tokyo gestern war anstrengend und es ist relativ spät, als ich wach werde, aber schon wieder (oder besser gesagt immer noch, denn nachts waren es nicht weniger als 28 Grad) verdammt heiß. Im Flur klappert schon das Housekeeping-Team. Nicht dass dieses schuhschachtelgroße Zimmer viel Reinigung nötig hätte. Aber egal, wichtiger bei der Wahl der Unterkunft in Japan ist (mir) die Größe bzw. Länge des Bettes: Ist die nämlich zu japanisch, hängt man als größerer Mensch unten mit den Beinen arg drüber, goodbye Schlafkomfort.

Leider haben einige der Cafés mit Frühstücksmöglichkeit am späten Vormittag schon geschlossen bzw. sind wegen Sonntag erst gar nicht geöffnet. Auf der Suche nach (europäischem) Frühstück wollen wir nicht schon wieder bei Starbucks landen und geben Dean & Deluca eine Chance. In den Gassen rund um die Ueno Station herrscht auch heute wieder Backofen-Feeling bei rund 33 Grad und vor den ersten Restaurants bilden sich die Warteschlangen fürs Mittagessen. Die Hitze schlägt (zumindest uns) total auf den Kreislauf und wir verbringen freiwillig etwas Zeit in den Shopping Malls. Wir waren schon so oft in Tokyo, wir haben keinen Sightseeing-Druck, dafür ist Ueno als Viertel neu für uns und ich liebe es, im Ausland in Kaufhäusern und Supermärkten zu stöbern.

Im PARCO ist es schön kühl und nicht zu voll, obwohl viele Japaner:innen den Sonntag zum Shoppen nutzen. Natürlich gibt es im EG einen großen Moomin-Laden, da stehen die hier voll drauf – genauso wie auf Pokémon, Disney, Snoopy und alles mit Katzen und Hunden.

In einer der Boutiquen komme ich mit einer Verkäuferin ins Gespräch. Sie spricht fließend Englisch und ist sehr offen – und wie vermutet keine Japanerin, sondern ursprünglich aus Taiwan. Sie preist mir ein Wollkleid an, denn in Germany müsse es doch bestimmt sehr, sehr kalt sein?! Außerdem seien die Deutschen ja total fleißig! Ich will ihr Deutschland-Bild nicht erschüttern und lasse das mal so stehen, beantworte dafür ihre zahlreichen anderen Fragen zu unserer Reise. Dafür erfahre ich von ihr, dass es (Überraschung, nicht) deftig Rabatt gibt (25 % mindestens), denn morgen ist ein nationaler Feiertag: Der Respect for the Aged Day zollt älteren Personen Respekt und das ergibt natürlich als langes Wochenende mit Shopping-Anreiz.

Ich mag solche Begegnungen und Austausche auf Reisen bzw. im Land sehr und hier in Japan passiert das nicht gerade allzu oft: Die Menschen sind immer sehr höflich und nett, aber meist auch sehr nervös, haben Angst vor Fehlern und wollen alles perfekt machen – was dazu führt, dass die Begegnungen eher kurzer Natur sind, und sich eher auf Lächeln, Nicken und Dienern beschränken. Außerdem: Je ländlicher es wird, desto schlechter das Englisch. In dem Fall hilft die Kamerafunktion von Google Translator zwar beim Überleben, aber nicht für Gespräche.

Top-Angebot aktuell in den Shops: Die Next level-Hitze-Ausstattung neben Regenschirmen mit UV-Schutz, nämlich Hand-/Nacken-Ventilatoren, Kühlringe für Hals/Nacken sowie Tücher und Lappen, um sich den Schweiß abzuwischen. Weiter geht es in meine Lieblingsetage: Die Essensabteilung im Keller. Dort ist schon die Halloween-Sonderfläche dekoriert, in der Süßigkeitenabteilung gibt es zig Sorten KitKat (die meisten Sorten kenne ich schon, aber so wie es im Frühjahr eine Kirschblüten-Edition gibt, gibt es jetzt eine Kastanien-Edition) und das Obst, v. a. die Äpfel und Trauben, hat eine Monstergröße. Hier könnte ich stundenlang gucken und stöbern. Nebenan lande ich in einem riesigen Uniqlo-Laden, der ein ganzes Hochhaus einnimmt. Ich liebe die AIRism-Sachen; Sie sind leicht, atmungsaktiv und schnelltrocknend, sehen nicht nach Sportklamotten aus und sind auf Reisen einfach super praktisch.

Langsam meldet sich der Hunger und führt uns zurück in die heißen Gassen, wo sich die Restaurants und Izakayas aneinanderreihen. Wir entscheiden uns für Ueno Yabusoba, wo wir uns in die kurze Warteschlange davor reihen. Während wir warten, quatscht uns eine andere Touristin an, ob das Essen hier gut sei und warum keine Karte aushänge? Keine Ahnung, warum man für ein Soba-Restaurant eine Karte braucht, um sich zu entscheiden, und was bitte soll da groß schiefgehen? Letztlich handelt es sich ganz simpel um kalte bzw. warme Nudeln in Brühe in Kombination mit unterschiedlichen Beilagen. Fertig. Wir werden jedenfalls satt und sind sehr zufrieden mit unserer Wahl. Das zufriedene Schlürfen um uns herum bestätigt uns, dass es den anderen Gästen auch so geht. Für die Mahlzeit mit Getränk plus gratis Tee zahlen wir pro Kopf keine 12 EUR – ein fairer Deal.

Auf dem Rückweg zum Hotel decken wir uns im Supermarkt mit Getränken, Obst und Pokémon-Sammelkarten (als Mitbringsel zuhause schon sehnlichst erwartet) ein – und werden unseren Müll los. Im Unterschied zu Deutschland findet man in Japan zwar an jeder Ecke Toiletten (noch dazu sehr saubere), aber nirgendwo Mülleimer. Den Müll sammelt man schön in kleinen Tüten und schleppt ihn mit nach Hause (oder zur Sammelstation im nächsten Supermarkt). Manchmal sehr nervig bei leeren Trinkflaschen, vor allem bei diesen Temperaturen.

Aufgrund der Temperaturen, die einfach nicht sinken wollen, bleibt mir auch heute wieder für die Laufeinheit nur das Laufband. Da bin ich zwar schneller als draußen, aber es ist auch umso langweiliger… Zur Abkühlung gönne ich mir nach dem Abendessen ein (herbstliches) Eis, genauer gesagt Kastanien Espuma auf Meringue Eis und Kastanien – von der Marketingabteilung des französischen Bistros „Image of Mont Blanc“ getauft. Was uns übrigens in Japan sehr gut gefällt: Es gibt einen klaren Zahlbetrag, in dem Steuern und Trinkgeld schon inkludiert sind. Fertig. Keine versteckten Kosten oder man muss erst noch was zusammenrechnen…

Den restlichen Sonntagabend nutzen wir, um uns der Reiseplanung zu widmen: Normalerweise reisen wir in Japan recht spontan, die Shinkansen-Verbindungen bieten fast alle 10 min. einen Zug, und es reicht aus, kurzfristig am Bahnhofsschalter einen Sitzplatz zu reservieren (ist hier meist Pflicht, nur in wenigen Zügen gibt es in der 2. Klasse einige Plätze ohne Reservierung) und dann den nächsten Zug zu nehmen. Morgen aber wartet die längste Zugfahrt auf uns, wir wollen möglichst keine Verbindung mit mehr als einem Umstieg und aufgrund des Feiertages ist mit mehr Passagieraufkommen zu rechnen, auch wenn extra zusätzliche Züge eingesetzt werden. Über die Japan Rail-Website finden wir noch eine gute Zugverbindung, bei der es zwei freie Sitzplätze nebeneinander gibt: Mit dem Hayabusa (= Wanderfalke) Shinkansen wird es nach Norden, durch den Seikan Tunnel unter dem Meer hindurch, auf die Nordinsel Hokkaido gehen.

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