Good food, good mood

Der Tag beginnt schon mal super, denn ich werfe die Lauf-Pläne über den Haufen und beschließe, noch etwas länger zu schlafen. Jetzt zur Kirschblüte ist es in den Parks einfach zu voll und im Shinjuku Gyoen ist Laufen nur noch während der Early Opening Hours gestattet. Stattdessen lieber gemütlich frühstücken und dann Parkspaziergang.

Wir beschließen, heute mal nicht zu Starbucks zu gehen (die hier im Shinjuku Gyoen eine Filiale mit netter Aussicht mitten im Park haben) und finden stattdessen ein paar Straßen weiter ein nettes kleines Café: Bei All Seasons Coffee gibt’s leckeren Matcha Latte, Kaffee-Spezialitäten, New York Cheesecake und Cookies. Und in der Shop-Ecke die eigenen Kaffeebohnen, was wir gerne zum Souvenir-Kauf nutzen.

Nach einem kurzen Plausch mit dem Personal (der Barista war mal in Berlin und ist begeistert) schlendern wir rüber zum Park. Plötzlich kommt von hinten jemand gerannt, zupft mich zaghaft mit „Sorry“ am Arm und hält mir meine Stofftasche hin: Ohne es zu merken habe ich sie wohl vor einigen Metern verloren. Ich danke und dienere und muss schmunzeln, denn das ist so typisch für Japan: Hier geht kaum was verloren, kaum was wird geklaut. Stattdessen tragen sie einem die Sachen noch nach. Erging uns und anderen auch schon so mit Geldbeutel, Handy usw. Auch Geld, das man als Trinkgeld auf dem Tisch liegen lässt, tragen sie einem nach: Hier gibt es keine Trinkgeldkultur und man geht davon aus, dass das Geld ungewollt vergessen wurde. Klar gibt es auch hier Menschen, denen man besser nicht trauen sollte und Ecken, von denen man fernbleiben sollte, aber Japan ist insgesamt ein Land, in dem man sich einfach super sicher fühlen kann.

Am Eingang des Shinjuku Gyoen herrscht reger Betrieb. Es ist Freitag und die Kirschblüte zieht viele an. Dank Automaten ist das Eintrittsticket (500 Yen, derzeit ca. 3,55 EUR) schnell gelöst und wir müssen nicht lange anstehen. Ausgestattet mit einem Parkplan drehen wir die Runde im Uhrzeigersinn: an den Gewächshäusern vorbei Richtung Landscape Garden und Formal Garden, über den Teich zur südlichen Cherry Tree Area, am Taiwan Pavilion und den Teehäusern vorbei zurück Richtung Shinjuku Gate Ein-/Ausgang. Die Wege sind fast überall gesäumt von blühenden Kirschbäumen in allen erdenklichen Varianten, Farbpaletten und Größen. Dazwischen andere schöne Frühjahrsblüher wie Magnolien, Apfel-, Quitten- und Pfirsichbäume, Azaleen und Hartriegel. Überall sind die Menschen am Fotografieren, Filmen und Picknicken. Einige sind mit speziellen Outfits und Kostümen gekommen, frisieren und schminken sich im Park und posieren halbe Ewigkeiten in allen erdenklichen Positionen vor/unter den Bäumen, es nimmt teils absurde Ausmaße ein. Kaum auszudenken, wie voll es hier am Wochenende oder in der Folgewoche, wenn der Höhepunkt der Blüte erwartet wird, sein wird.

Wir verlassen den Park und spazieren nach Norden zum Hanazono Schrein, der mitten im Shopping-Distrikt liegt und in dessen Hof ebenfalls Kirschbäume blühen. Am Verkaufsstand der Mönche erstehe ich zwei weitere Ema-Täfelchen mit Hasen- bzw. Fuchs-Motiv für meine Sammlung.

Inzwischen ist es langsam Zeit für Mittagessen und wir entscheiden uns, wieder Richtung Shinjuku Gyoen zu spazieren, wo wir gegenüber vom Eingang ein nettes kleines Café entdeckt haben: Bei Bowls Café (Achtung: Akzeptiert nur Bargeld.) bestellen wir das Mittagsmenü bestehend aus einer Bowl, einem kleinen Salat, Dessert und einem Getränk. Als Bowl wähle ich die Variante von der Tageskarte: mit Muscheln, Bambus und Zitronengras. Das Essen ist super lecker, wir lassen keinen Bissen übrig. Ich beschließe, noch zwei kleine Keramik-Schälchen aus der Shop-Ecke mitzunehmen und warte, denn natürlich ist das Verpacken wieder eine halbe Zeremonie, die ich aber ausnahmsweise mal geduldig genieße.

Da es unser letzter Tag ist und das Wetter nicht so berauschend wie in den Vortagen, wollen wir die Zeit (und den Yen-Kurs) nutzen und noch ein bisschen shoppen. Bei Uniqlo decken wir uns mit Basics ein, bei (Tokyu) Hands muss ich mich mit Blick aufs Gepäck für ein paar kleinere Sachen von Yamazaki entscheiden – so schön schlichtes Design! Bei Lululemon kommen wir mit dem super netten Personal ins Gespräch – weil wir wie einige von ihnen Schuhe von Allbirds tragen. Ein Verkäufer erzählt uns, dass Allbirds (wir waren in der Vorwoche im Laden in Harajuku) in Tokyo einen sehr aktiven Runners Club hat, an dem er teilnimmt. Als ich erzähle, dass ich auch laufe, löchert er mich prompt mit Fragen, u. a. welche Schuhmarken man denn in Deutschland so auf Straße und Trail läuft. Für den japanischen Eindruck schenkt er mir ein Laufmagazin – mit dem Namen Tarzan. Sehr lustiger Titel, aber ich freue mich sehr über diese nette Begegnung und über das Laufmagazin, denn ich finde es tatsächlich im Ausland immer sehr interessant zu sehen, welche Marken, welche Ausrüstung und welche Verpflegung so genutzt werden. Vieles wie bei uns, manches ganz unterschiedlich. (Fischproteinsnacks probiere ich beim nächsten Long Run wohl lieber nicht…)

Im Einkaufszentrum NEWoMan lande ich bei Akomeya Tokyo, wo es ganz tolle japanische Sachen gibt: Keramik, Textilien und Lebensmittel. Die Auswahl und die Liebe zum Detail sind bemerkenswert und es fällt mir schwer mich zu entscheiden, was mit ins Reisegepäck kommt: Tee mit Yuzu, Matcha-Tee, Soba-Nudeln, Matcha-Schokolade, Reiscracker in Sakura-Blütenform und ein rosafarbener Süßigkeitenmix, der übersetzt den klangvollen Namen „Frühlingshagel“ hat. Danach erst mal eine kurze Kaffeepause direkt gegenüber bei Blue Bottle Coffee. Und danach ins Hotel, den ganzen Kram abstellen und kurz ein paar Mails bzw. Calls erledigen, denn es ist später Nachmittag und Deutschland beginnt den (Arbeits-)Tag.

Am Abend ziehen wir nochmal los, ein letztes Dinner zum Abschluss dieses Japan-Trips. Wir haben die Qual der Wahl, denn Shinjuku ist wirklich eine sehr nette Ecke Tokyos und gerade in den Straßen nördlich des Shinjuku Gyoen locken sehr viele Essensmöglichkeiten: Gyoza, Ramen, Soba, Italienisch, Sushi, Spanisch, Curry…

Leicht überfordert schauen wir kurz auf dem Handy nach, was im Umkreis die besten Bewertungen hat: eindeutig ein Soba-Restaurant namens Jinroku (Website – nur auf Japanisch, aber Google Translator hilft – und Instagram-Account). Beim ersten Mal laufen wir vorbei, erst als wir die Straße nochmal zurückgehen, fällt uns der schmale Eingang mit dem Namenschild auf. Wir gesellen uns zu dem Paar, das schon davor auf der Wartebank sitzt und das Menü studiert. Dank Google Translator via Handykamera gelingt es uns, die Karte zu verstehen und uns zu entscheiden: Für Soba in warmer Variante (in Brühe) und kalter Variante (mit Dip), dazu als Tempura-Variante (leicht frittiert) Fisch, Garnelen, Muscheln und saisonales Gemüse (u. a. grüner Spargel), außerdem ein frisch gezapftes Bier. Als ich den Guide Michelin-Aufkleber mit der Bib Gourmand-Auszeichnung 2023 am Eingang sehe, bekomme ich schon leichte Zweifel, aber es geht recht schnell und ein Tisch wird für uns frei – und wir erhalten jetzt netterweise auch eine englische Ausgabe der Speisekarte, die wir dann so aber gar nicht mehr brauchen. Das Essen ist umwerfend, super lecker, frisch, einfach und doch eine andere Liga. Ich kann kaum glauben, wie günstig es ist (Hauptgerichte um die 1.100 Yen = ca. 8 EUR, Tempura-Beilagen ab ca. 400 Yen = ca. 3 EUR). Unser Vorhaben, hier unser letztes japanisches Bargeld auf den Kopf zu hauen, war nicht gerade erfolgreich… Aber: Dinner im (Bib Gourmand) Michelin-Restaurant in Tokyo und zwar ohne Reservierung, lange Wartezeit und zu diesem Preis (unter 50 EUR), was ein Jackpot!

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