Railday

Früh am Morgen geht es los, heute wartet ein langer Reisetag auf uns. Von der Shikoku Insel im Süden in die japanischen Alpen. Der Plan:

Von Takamatsu per Marine Liner nach Okayama, dann per Shinkansen weiter – mit Umstieg in Shizuoka – nach Odawara, von dort auf/mit der Hakone Tozan Line nach Hakone-Yumoto und dann per Shuttlebus zum Hotel.

Insgesamt werden wir rund 7 h unterwegs sein. Dass das trotzdem super entspannt abläuft, liegt daran, dass wir für den Großteil reservierte Sitzplätze haben und vor allem am japanischen System. Sprich es ist alles pünktlich und perfekt organisiert, u. a. keine Gleiswechsel oder Änderungen in der Wagenreihenfolge. Also das komplette Gegenteil von deutschem Zugverkehr.

Bei Abfahrt an der Takamatsu Station werden wir schon frühmorgens wieder mal Zeugen des japanischen Systems: Auf dem Bahngleis stehen alle (wie auch am Aufzug, am Ticketschalter und sowieso überall) in einer Linie geordnet auf den Boden-Markierungen an. Der Marine Liner fährt ein, das Zug- und Reinigungspersonal auf dem Bahnsteig verbeugt sich, die Fahrgäste aus Okayama steigen aus, der Reinigungstrupp fegt in Windeseile durch, die Sitzreihung wird umgekehrt, die neuen Fahrgäste nach Okayama dürfen einsteigen. Perfekte Orchestrierung.

Dieses Mal waren wir im Gegensatz zur Hinfahrt auch so geschickt, Sitzplätze im oberen Teil des doppelstöckigen Wagens zu reservieren, und genießen während der einstündigen Fahrt über das Seto-Binnenmeer die bessere Aussicht.

Mit diesem Trip haben wir drei der vier japanischen Hauptinseln bereist: neben Honshu beim Aufenthalt 2020 auch Kyushu, jetzt Shikoku. Nur Hokkaido (wohlgemerkt korrekterweise Hokkaido gesprochen und nicht wie so oft zuhause Ho-ka-i-do) noch nicht. Dort ist so früh im Jahr noch zu viel Winter und zu viel geschlossen, sodass wir davon abgesehen haben, das dieses Mal noch in die Reiseplanung zu packen.

In Okayama haben wir 1 h Zeit und decken uns mit Ekiben ein, den Bento-Boxen mit Sushi & Co für die Zugfahrt. Ich nehme eine der Varianten für Kinder, die eine Verpackung in Zugform haben und die es als Sammel-Edition gibt (normaler Shinkansen, Hello Kitty Shinkansen, Güterwaggon…). Die Dame am Kiosk preist mir alle an, aber danke, eine Box reicht als Verpflegung für die 3 h Fahrt nach Shizuoka. Ich habe extra Sitzplätze auf der linken Zugseite reserviert, denn wir fahren via Himeji und man kann so das Himeji Castle sehen. Die sonstige Fahrt ist zwar ganz unterhaltsames Landschaftskino, aber auch nicht weiter spektakulär und ich nutze die Zeit und das gute Zug-Wlan, um zu arbeiten.

Nach dem Umstieg in Shizuoka, bei dem wir bequemerweise auf dem gleichen Bahnsteig bleiben können, geht es recht schnell, keine Dreiviertelstunde Fahrt mit dem Shinkansen und wir sind in Odawara. Dort ist es mit der Ruhe schlagartig vorbei. Hatten wir morgens in Takamatsu noch den Eindruck, mit Shikoku eine eher weniger (massen-)touristische Region Japans kennengelernt zu haben, ist Odawara das Gegenteil. Am Bahnhof wimmelt es von riesigen, englischsprachigen Reisegruppen, die reinste Völkerwanderung. Wir lösen Tickets nach Hakone-Yumoto, da diese Zugstrecke nicht vom JR Railpass abgedeckt wird, und nehmen die nächste Hakone Tozan-Verbindung (ca. 15 min. Fahrt). Am Zielbahnhof ist es nicht besser, hier ist die Hölle los. Leicht genervt beschließen wir spontan, nicht auf den Shuttlebus zum Hotel zu warten, sondern uns gemütlich mit dem Reisegepäck in ein Taxi zu setzen. Reiseluxus, der gerade richtig kommt und uns gerade mal 580 Yen (ca. 4 EUR) mehr als der Bus kostet (exakt dieser Betrag, denn Trinkgeldkultur gibt’s hier nicht). Dafür sind wir wenige Minuten später schon an der Hotelrezeption und checken ein.

Unser erster Eindruck von Hakone ist leider nicht so positiv. Irgendwie ist hier die Zeit stehengeblieben und wir befinden uns in der Kulisse eines alten James Bond-Films. Viele Bettenburgen, alle in braun-beige. Viele Menschen bzw. Touris. Super enge Straßen. Die Locations, die laut Google offen haben, sind geschlossen und umgekehrt. Wir verlassen uns auf den Richtwert Warteschlange und tragen uns in die Warteliste des Restaurants ein, vor dem beachtlich viele Leute anstehen: Hatsuhana Soba. Mit der japanischen Effizienz dauert es nicht lange und wir sitzen in diesem kleinen Restaurant, in dem es „Only Matcha, only Soba“ gibt und das richtig gut. Sowohl die kalten Sobanudeln mit dem frittierten Gemüse als auch die Sobanudeln in heißer Brühe mit frittierten Garnelen sind wahnsinnig lecker.

Zurück im Hotel hat man unser Zimmer inzwischen hergerichtet. Wir haben ein Zimmer im „Japanese Style“, also à la Ryokan mit Futon-Betten und Tatami-Matten. Also wieder Schuhe aus und gegen Hausschuhe tauschen (gilt übrigens nicht nur für Ryokan und Tempel, sondern oft auch in normalen Hotels und Kaufhaus-Umkleiden; am besten hat man immer (vorzeigbare, sprich lochfreie) Socken an). Den Yukata (Baumwoll-Kimono), den man als Hausgewand überall im Hotel tragen kann, bringt man uns in der passenden Größe aufs Zimmer – sehr nett, denn die japanischen Standardgrößen sind bei unsrer Körpergröße von 1,70 – 1,85 m oft zu kurz. Auch die Pyjamas, die hier in den Unterkünften immer gestellt werden, sehen an uns immer aus, als wären sie für Hobbits gemacht.

Den restlichen Abend verbringen wir mit Reiseplanung und Craft Beer von der lokalen Gora Brewery 🙂 – in der Hoffnung, dass uns die Landschaft hier morgen nicht enttäuscht und die meisten Touris eher zum Onsen Baden hier sind…

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