Schlemmen wie Gott in Frankreich? Er muss wohl in Lille gewesen sein. Dieser großen, aber doch sehr überschaubaren Stadt in Flandern, direkt an der Grenze zu Belgien. Ich lande dort eher zufällig. Ein Zwischenstopp auf meiner Zugreise, von Amsterdam und Brüssel kommend nach Paris. Und frage mich bereits nach wenigen Stunden, warum ich nicht schon während meiner Zeit, in der ich in Paris gewohnt habe, die erstaunlich kurze Zugfahrt von nur 60-75 Minuten auf mich genommen habe, um mir hier ein paar kulinarische Tage zu gönnen.
Starten wir mit dem klassischen Touri-Programm, denn auch das ist durchaus charmant: durch die schönen Straßen der Altstadt treiben lassen, den Belfried, die Kathedrale und die Festung anschauen, in der Alten Börse nachmittags durch den Bücherflohmarkt stöbern (oder alternativ schräg gegenüber im großen Laden von Furet du Nord neue Bücher und Magazine entdecken), über den Marché de Wazemmes schlendern…
Zwar hat Lille eine der ersten und längsten automatischen U-Bahnen der Welt, inzwischen jedoch auch ein recht gutes Netz aus Radwegen und einen kompakten Stadtkern, den man problemlos zu Fuß erkunden kann. Die Wege zwischen den Bahnhöfen sind kurz. Hier in Lille kreuzen sich wichtige Hochgeschwindigkeitslinien des europäischen Eisenbahnnetzes. Calais? Antwerpen? Brüssel? London? Alles nur einen Katzensprung, pardon eine kurze Zugfahrt entfernt. Ich bin fast versucht, in den Eurostar-Zug zu steigen. Aber nur fast. Dafür ist das Essen hier zu gut.
Schon ein Spaziergang durch den Supermarkt im großen Westfield Euralille Einkaufszentrum zeigt die Schwerpunkte der Küche auf: Käse. Viel Käse. Thekenweise. Bier. Viel Bier. Mehrere lange Regalreihen voll. Und Süßkram. Zucker hoch vier. Wie schade, dass ich mit dem Zug und nicht mit dem LKW hier bin und aufs Gepäck achten muss. Wobei, besser so.
Also auf zu einem der Estaminets, jenen traditionellen Gaststätten, die so typisch für den französischen Norden und eine Kombi aus Café, Kneipe und Restaurant sind. Hier gibt’s auf jeden Fall immer Kaffee und Bier. Und herzhaftes, deftiges Essen. Carbonade flamande zum Beispiel. Und weil Bier dazu nicht unbedingt ausreicht, gibt’s das auch als Variante mit Bier drin, eine Art Biergulasch. Ich entscheide mich für eine Ladung Käse in einer sagen wir mal nicht gerade einheimischen Variante und bestelle Pizza bei Papa Raffaele: Cheesus Ressuscitée, haha, was ein Name, Amen! Da ich alleine reise, nehme ich dankbar den Platz am Tresen, mit direktem Blick auf die Zapfanlage linkerhand und zum Pizzaofen rechterhand. Großartiger Laden, großartiges Kino. Als ich beim Bezahlen aufrunde, schallt auf Kommando aus der (offenen) Backstube ein kurzes Ständchen. Grandios. Nur gut, dass ich nicht mitsingen muss…
Eigentlich bin ich schon halb im Käse-Koma, aber was muss, das muss. Dessert nämlich. Ich ziehe weiter, denn dafür ist man in einer der Pâtisserien besser aufgehoben. Ich lande im Innenhof der Pâtisserie Méert und esse als Reisende natürlich ein Biscuit de voyage. Unter anderem. Schön, dass Biscuit so harmlos klingt und man sich darunter nicht unbedingt die massive Kalorienbombe vorstellt, die dann serviert wird. Die Ladung aus Crème, Schokolade, Nüssen und luftigem Teig befördert mich gleich ins nächste Koma. Bisschen Siesta wär jetzt gut, bei diesem massiven Gourmet-Programm.
Stattdessen lieber weiter Stadt-Spaziergang. Bisschen Kunst im öffentlichen Raum anschauen. Yayoi Kusama begegnet mir hier mal wieder, ausnahmsweise nicht mit ihren berühmten gepunkteten Kürbissen, sondern mit bunten Blumen (Les Tulipes de Shangri-La). Vor einem der Bahnhöfe steht Romy von Xavier de Veilhan und es scheint, als grüße sie alle Ankommenden und Abfahrenden. 2004 war Lille europäische Kulturhauptstadt und hat seither sein Engagement in Sachen Kunst und Kultur fortgesetzt. Im Rahmen von Lille 3000 gibt es diverse Aktivitäten und Events mit verschiedenen Schwerpunkt-Themen, u. a. rund um den Gare Saint Sauveur, der einen Besuch lohnt. Für Europas größten Flohmarkt, der jedes Jahr Anfang September in Lille stattfindet, bin ich leider etwas zu spät dran. Aber gut so: kein Platz im Koffer, denn da sind schon Bier und Süßigkeiten drin.
Genauso vollgepackt wie mein Koffer fühle ich mich inzwischen. Aber ein Besuch in Lille ist zählt nicht ohne ein Merveilleux oder ein Incroyable von Fred. Gut, dass es mehrere Filialen gibt und die nächste nicht weit ist. Köstlich. Aber jetzt definitiv: Rien ne va plus, ich krieg nichts mehr rein. Der Rest wandert ins Handgepäck. Reiseproviant für die Fahrt nach Paris. Ich muss fahren, bevor ich noch platze. Aber ich komme wieder. Als Zwischenstopp nach Calais, Antwerpen, Brüssel oder London. Oder als Tages-/Wochenend-Ausflug von Paris. Mit größerem Koffer selbstverständlich.
Was und Wo:
Pâtisserie Méert – Restaurant, Café und Shop(s) mit sehr leckerem Süßwerk
Gare Saint Sauveur, Lille 3000 – Kulturprogramm
Estaminet du Welsh – deftiges Essen, Bier und Kaffee
Violette – nette Boutique mit Damenmode, Schmuck etc.
Les Raffineurs – Geschenke, Küchenkram, Spielzeug…
Atelier Mama Oh! – Deko, Interior, Mitbringsel…
Papa Raffaele – Best Pizza in town…
Aux Merveilleux de Fred – Merveilleux!








