Erinnern. Nicht Vergessen.

Eine Reise nach Israel ohne einen Besuch in Yad Vashem? Kann man machen, für mich undenkbar. Pflichtprogramm jenseits der ganzen älteren Geschichte in der Jerusalemer Altstadt. Wie so viele andere deutsche Tourist:innen fahre ich mit einem leichten Vorbehalt hin. Ist das ein Ort, der sich gegen Deutsche richtet, der sie bzw. uns an den Pranger stellt?

Auftakt unseres Besuchs von Yad Vashem ist bereits die vollgepackte Tram-Fahrt quer durch Jerusalem zum Mount Herzl. Das Publikum in der Tram wie in der Gedenkstätte bunt gemischt: Touris aus aller Welt, junge Backpacker:innen, aufgrund ihrer Kleidung, Hüte und Perücken nicht zu übersehende ultraorthodoxe Jüd:innen, die in ihren Gebetsbüchern lesen und Gebete vor sich hinmurmeln, und dazwischen jede Menge bewaffnetes Militär und Polizei, die zum Wochenbeginn am Sonntagmorgen auf ihre Stützpunkte zurückkehren, einer davon auf dem Herzlberg.

Oben angekommen wird man gleich von zwei Highlights begrüßt: das rot leuchtende Kunstwerk Alexander Calders (Homage to Jerusalem) und der beeindruckende Blick über den sich nach Westen erstreckenden Jerusalemer Stadtwald.

Das Gelände von Yad Vashem liegt nur einen kurzen Spaziergang von der Tram-Station entfernt, der gewissermaßen eine Einstimmung auf den Besuch ist. Ruhig schlängelt sich der Weg durch den Pinienwald zum Eingang hin, während unten auf der Zugangsstraße ein großer Bus nach dem anderen Gäste aus aller Welt rankarrt.

Wir starten im Besucherzentrum, wo wir mit dem Voucher unsere Audioguides abholen. Der Besuch von Yad Vashem ist grundsätzlich gratis, man muss sich aber vorab online für einen Start-Zeitslot anmelden und einen kostenpflichtigen Guide buchen. Das kann ein Audioguide sein oder aber verschiedene andere Optionen mit einem offiziellen Guide. Wir entschieden uns für den Audioguide, um den Besuch flexibel gestalten zu können.

Unsere erste Station ist das neue historische Museum. Innerhalb unseres Start-Zeitslots passen wir zwei große Gruppen ab, denen wir den Vortritt lassen, um danach etwas unsere Ruhe zu haben. Die Gruppen absolvieren mit ihrem Guide nämlich überwiegend nur Key-Stationen, ein komprimiertes Programm. Abgesehen vom Gewusel und Gedränge an diesen Stationen möchten wir uns Zeit nehmen und die Verweildauer an den einzelnen Stationen flexibel gestalten. Jede Station hat eine Nummer, die man in den Audioguide eingeben kann, um dann entsprechend den Ausführungen zuzuhören. Darüber hinaus gibt es zahlreiche schriftliche Infos an den Ausstellungsstücken, Multimedia-Elemente usw. Als Besuchszeit für das Museum sind offiziell 1,5 bis 2 h vorgeschlagen. Wir brauchen einiges mehr und das, obwohl wir nicht jeden einzelnen Audioguide-Punkt anhören. Wer hier durchhastet, ist fehl am Platz. Das wird Yad Vashem nicht gerecht. Keine leichte Kost. Ohne auf die Uhr zu blicken nimmt man sich Zeit, atmet zwischendurch immer mal wieder tief durch. So viele Gedanken. Fragen über Fragen.

Überwiegend unterirdisch gelegen bohrt sich das von Moshe Safie entworfene Gebäude des Museums wie ein Keil durch den Herzlberg. Nur die obere Kante ragt daraus hervor und lässt gewissermaßen einen Lichtblick zu, während man durch die rechts und links vom Schacht abzweigenden abgedunkelten Ausstellungsräume wandelt. Auf über 4.000 m2 erhält man Dank Originalgegenständen, Habseligkeiten und zahlreichen Augenzeugenberichten einen eindrucksvollen Einblick in die Geschichte oder vielmehr die individuellen Geschichten des Holocaust. Nackter Stahlbeton bildet den schmucklosen Rahmen, der leicht abfallende Boden vermittelt das Gefühl, ganz tief im Inneren des Bergs zu sein.

Den Abschluss der historischen Ausstellung bildet die Halle der Namen. Namen und Angaben von Opfern des Holocaust füllen Millionen von Gedenkblättern, die in Ordnern als symbolische Grabsteine die Halle füllen. Ganz am Ende im Regal ist noch Platz, Yad Vashem sammelt unermüdlich weitere Namen. In den angrenzenden Räumen nutzen einige Besucher:innen die Möglichkeit, an PC-Plätzen in den Datenbanken zu recherchieren. Danach geht es zum Epilog, bevor man schließlich das Gebäude verlässt und eine Aussichtsterrasse betritt. Über den nun leicht ansteigenden Weg geht es hinaus, das Dreieck des Gebäudes öffnet sich aus dem Nordhang des Herzlbergs raus und bietet einen beeindruckenden Panoramablick ins Tal hinab und auf Jerusalem. Durch das Dunkel bis ins Licht. Den Blick nach Norden. Blauer Himmel, grüner Wald. Durchatmen, aufatmen.

Yad Vashem wird oft auf dieses Museum reduziert, ist jedoch viel mehr als das. Eine Gedenkstätte. Eine große Gartenanlage mit vielen Stationen. Die Zeit steht still, hier kann man problemlos einen halben bis ganzen Tag verbringen. Der Berg der Erinnerung beherbergt u. a. zahlreiche Skulpturen, Gedenkplätze, ein Archiv sowie Dokumentations- und Forschungszentren, von denen weitere aktuell im Bau sind. Vom Museum geht es zunächst zur Synagoge, zum Büchershop und weiter zur Halle der Erinnerung. Im Dunkeln leuchtet das Ewige Licht. Danach zum Kunstmuseum, zum Ausstellungspavillon, zum Denkmal zum dauernden Gedenken, dem labyrinthisch angelegten Tal der Gemeinden und schließlich zum Denkmal für die Deportierten: ein Viehwaggon, der als Deportationswaggon diente, steht auf Gleisen, die ins Nirgendwo führen. Ganz schön viel zu verdauen an diesem Tag und so sind wir froh, dass wir bei freundlichem Sonnenschein immer wieder eine Pause im Garten und in der Allee der Gerechten unter den Völkern einlegen können, wo im Schatten der Bäume zahlreiche Bänke zum Verweilen einladen. Hier treffen wir auch wieder auf Oskar Schindler, einer der Gerechten, für den in der Allee ein Baum gepflanzt wurde und dessen Grab wir in der Woche zuvor am Berg Zion besucht haben.

Auf dem Weg zurück zum Besucherzentrum geht es für uns noch zur Kindergedenkstätte. Oder viel mehr IN die Kindergedenkstätte. Denn es geht in eine unterirdische Höhle. Dunkelheit umgibt uns, während wir uns am Geländer durch den komplett verspiegelten Raum hangeln, der das spärliche Licht von lediglich fünf Kerzen wie eine Art Sternenhimmel zigfach spiegelt. Ein Gefühl der Geborgenheit und Beklemmung zugleich. Im Hintergrund werden in Endlosschleife Namen, Alter und Herkunftsländer ermordeter Kinder vorgelesen. Wochen bzw. Monate dauert es, bis das Band alle wiedergegeben hat und wieder von vorne beginnt.

Der Spaziergang zurück zur Tram-Station gibt Zeit, wieder im Hier und Jetzt anzukommen. Um die Eindrücke des Tages sacken zu lassen, reicht er nicht. Gut, dass der Herzlberg noch weitere Spaziermöglichkeiten bietet. Ein beschilderter Trail, der an der Zufahrt zu Yad Vashem beginnt, führt weiter auf den Berg hinauf u. a. zum National- und Soldatenfriedhof von Jerusalem und zum Grab von Theodor Herzl ganz oben auf der Spitze. Neben Herzl sind hier auch weitere berühmte Persönlichkeiten begraben, u. a. Golda Meir, Jitzchak Rabin und Schimon Peres.

Was bleibt vom Besuch in Yad Vashem? Viele Gedanken. Viele Fragen. Viele Antworten. Es ist definitiv kein Ort, um Deutsche an den Pranger zu stellen. Es ist kein Ort der (deutschen) Schuld. Es ist ein Ort der Konfrontation und des Verstehens. Yad Vashem bietet die Chance, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und hält durchaus schmerzhaft den Spiegel vor. Doch nicht nur den Deutschen. In einem Teilbereich der Ausstellung geht es z. B. darum, in welchem Ausmaß andere Länder damals die Aufnahme von Flüchtlingen verwehrt haben. Auch die Kirche kommt nicht ungeschoren davon. Schweigen, Wegsehen. Parallelen zum aktuellen Weltgeschehen sind da nicht weit. Bei all dem führt Yad Vashem einen fortwährenden Kampf: Gegen das Vergessen und für das Erinnern.

Infos, Anmeldung etc. unter www.yadvashem.org
Man muss nicht unbedingt nach Jerusalem reisen, um Yad Vashem zu besuchen. Die Website bietet zahlreiches Info-Material und Videos aus der Ausstellung an.
Den Besuch vor Ort sollte man vorab planen und rechtzeitig online einen Termin reservieren. Zu beachten ist, dass Yad Vashem am Schabbat und an israelischen Feiertagen geschlossen ist. An Freitagen und Feiertagen gelten verkürzte Öffnungszeiten.
Im Museum sind keine größeren Taschen oder Gepäck erlaubt, Fotografieren ist nicht gestattet.
Für Kinder gibt es spezielles Programm, wobei erst Kinder ab zehn Jahren zugelassen sind. Plan von Yad Vashem zur Orientierung auf dem Gelände am Herzlberg.

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