Von Neujahrsvorsätzen bin ich kein großer Fan. Ihre Resultate sind zu Jahresbeginn u.a. überfüllte Fitnessstudios und übermotivierte Anmeldungen zu unzähligen Laufevents in der neuen Saison. Allen gemein: hält meist nicht lange und bringt irgendwie nix. Ein paar Wochen später hat im Fitnessstudio quasi die Massenflucht eingesetzt und die Social Media-Tauschbörsen sind voll mit Startplatz-Angeboten.
Trotzdem blieb ich irgendwie hängen, als ich Ende 2018 in der Runners World über das Projekt #rwjanuarstreak las: jeden Tag im Januar laufen, mindestens eine Meile (1,6km). Mmh, warum denn nicht, war mein erster Gedanke. Eine Meile, das ist doch lächerlich und (fast) jeden Tag laufen, das war ich zu dem Zeitpunkt Ende Dezember ohnehin -Dank Urlaub in Portugal. Zweiter Gedanke: Probieren wir’s mal aus, aufhören kann man ja immer noch. Naja, irgendwie kommen da Erinnerungen an das Projekt Ultramarathon im letzten Sommer hoch: hab ich mir das erst mal in den Kopf gesetzt, kann ich es keinesfalls lassen, dann wird es durchgezogen. Ausreden? Gibt’s nicht! Und vor allem war ich irgendwie neugierig darauf, was so ein Projekt mit mir machen würde, wie es mir dabei ergehen würde…
Der Start des Projekts an Neujahr fiel relativ leicht, aber kein Wunder: total übermotiviert bei zweistelligen Temperaturen in Portugal am Strand entlang, wie schon die drei Tage davor. Einen Tag später sah das schon ganz anders aus: in Deutschland, bei über 14 Grad weniger und nach Feierabend im Dunkeln. Hallo, Stirnlampenläufe! An Tag 4 die erste Erkenntnis: Freitag ist nicht mein Lauftag. Warum? Müde. Akku leer. Am Ende der ersten Woche der dringende Wunsch nach „Tapetenwechsel“: immer nur die gleiche Strecke oder Distanz, Variabilität nur im Tempo, ging mir da bereits gehörig auf den Wecker. Also ab in die Trailschuhe und quer durch den Wald. Schon viel besser. Der innere Schweinehund witterte trotzdem seine Gelegenheit. Nichtstun und Rumcouchen ist doch viel bequemer! Die Afterwork-Laufgruppe rettete mich, die Verabredungen waren Pflichttermine. Nach zehn Tagen dann langsam so etwas wie Routine im Streakrunning-Projekt. Der Mensch ist einfach ein Gewohnheitstierchen. Sagt man ihm, er MUSS jeden Tag laufen, frisst er den Gedanken nach einer Weile und tut es.
Herausforderungen kamen im zweiten Drittel an anderer Front. Es wurde kalt, so richtig kalt. Streakrunning als Winter-Edition produziert Wäscheberge. Ich kam kaum noch nach mit Waschen und kaufte im Sale aus Verzweiflung eine weitere Thermohose -auch wenn das das Wäscheproblem nicht wirklich löste. Die Mindestmeile wurde zunehmend zur Herausforderung, denn für derart kurze Distanzen all die Schichten anziehen… da ist man länger mit Umziehen als mit Laufen beschäftigt und das wurde irgendwie frustrierend.
Weitere Herausforderung: Termine am Abend provozieren Earlybird-Läufe am Morgen. Total mein Ding. Überhaupt nicht. Um 6:30 Uhr bei Minustemperaturen losziehen, ich wusste bis dato gar nicht, dass ich im Tiefschlaf zu Sport fähig bin. Die Läufe am Wochenende bei Tageslicht waren motivationstechnisch nicht besser, es schüttete aus allen Wolken. Haruki Murakamis Geburtstag war Anlass, auf der Suche nach Laufmotivation sein Buch „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ nochmal zu lesen. Hilft. Ein bisschen zumindest. In der Monatsmitte ging es dann deutlich besser, Laufschuhe Schnüren fiel mir wieder wesentlich leichter. Dafür ging der Stirnlampe oft der Saft aus: fünf Tage die Woche in Gebrauch verlangt häufigeres Laden als vorher gewohnt, das hatte ich irgendwie noch nicht kapiert und musste des öfteren mal einen Kilometer im blinkenden Modus oder niedrigster Schummerlicht-Stufe zurücklegen.
Mit Start des letzten Monatsdrittels war der eiserne Wille da, das Projekt auf jeden Fall durchzuziehen. Ich wollte es mir selbst beweisen. Auf der Zielgeraden aufgeben kommt nicht in Frage. Auch wenn draußen das reinste Eisschrank-Feeling herrschte. Besonders schlimm war Tag 21: geplant war, um 6 Uhr aufzustehen und laufen zu gehen -und dabei den Blutmond zu bestaunen. Der Blick morgens in die Wetter-App sagte mir allerdings -7,5 Grad. Die Entscheidung fiel schnell: Blutmond aus dem Warmen durchs Fenster anschauen und nochmal ne Runde weiterschlafen. Dafür dann abends bei fast schon „warmen“ -3,5 Grad Laufkilometer sammeln und den nicht minder schönen „normalen“ Vollmond anschauen. So ist das eben, wenn gute Vorsätze auf die Realität treffen.
Die letzte Woche wartete mit konstanten Minustemperaturen und Schneefällen auf. Outfittechnisch war ich im Team „Banküberfall“ und stellte neue persönliche Rekorde auf, was die Klamottenschichten angeht. A propos persönliche Rekorde: eine Laufuhr bzw. -App, die Komplimente verteilt, ist ein ziemlicher Motivationsfaktor. Höherer VO2max-Wert, frühester Lauf, meiste Wochenkilometer… egal, her mit dem Lob! In manchen Momenten glaubt man alles. Naja. Bis zu dem Tag mit heftigem Schneefall, an dem ich morgens nur 2km im Schneckentempo unterwegs war und die App mich informierte, mein Trainingszustand sei „unproduktiv“. Danke auch. Hinzu kam, dass das Leben (oder in dem Fall: der Tod) manchmal anders plant und Laufen wichtig und unwichtig zugleich wird. Wichtig als Seelenbalsam, unwichtig in der Zeitplanung. Da war ich dann doch sehr kurz davor, das Projekt abzubrechen, weil es dann doch wichtigeres gibt im Leben.
Schneller als gedacht war dann plötzlich der Morgen des 31. Januar. Der letzte Tag der #rwjanuarstreak-Challenge. Kaum zu glauben. Ein letztes Mal zog ich frühmorgens los, um Punkt 6:59 Uhr die letzten Laufkilometer eingesammelt zu haben und das Projekt zu beenden. Insgesamt 34 Tage Laufen am Stück. Ich muss bescheuert sein. Oder übermotiviert. Oder unglaublich diszipliniert. Oder von allem ein bisschen. Hab ich’s bereut? Nein. Mach ich’s weiter? Nein. Mach ich’s wieder? Bestimmt. Januar 2020? Läuft!













