Die Kühe von Mordor

Meine Ohren klingeln immer noch und mein Körperkäsegehalt ist gefühlt bei knapp 80 %, obwohl ich seit vier Tagen schon wieder zurück bin. Zurück aus dem französischen Jura, zurück vom UTMJ, dem Ultra Trail des Montagnes du Jura.

Ende September ging es mit zahlreichen Hartfüßler:innen nach Métabief. Vereinsfahrt 2023. Unsere Unterkunft: Le Logis d’En-Haut, eine Jugendherberge in Jougne, die uns der Veranstalter des UTMJ vermittelt hatte und die großzügig mit UTMJ-Plakaten geschmückt war. Direkt an den beiden Langstrecken (105 und 175 km) gelegen und als VP im Einsatz würden wir garantiert ordentlich UTMJ-Stimmung miterleben. Doch nach der Ankunft Freitagnachmittag ging es für uns erst mal nach Métabief in den Start-Ziel-Bereich, um die Startnummern inkl. Socken-Geschenk abzuholen. Das war dank guter Orga schnell erledigt und wir saßen zügig wieder in der Jugendherberge, wo uns das Abendessen aufgetischt wurde. Hatten wir bei der Anreise noch den Plan geschmiedet, notfalls einen der zahlreichen Pizza-Automaten in der Region zu überfallen, wurden wir mit einem Vier-Gänge-Menü (Erbsensuppe, Pasta mit Hähnchen, Käseplatte mit Salat, Melone) des besseren belehrt. Während wir noch schnell die Hartfüßler-Nachwuchsabteilung für den Kids Run am Sonntag online anmeldeten, wuselte das UTMJ-Team um uns herum und baute für den Lauf auf. Die Jugendherberge stellte sich nicht nur als VP, sondern als Base de Vie heraus, also mit Schlaf- und Umkleidemöglichkeit für die Langstreckler. Wir rätselten, wann denn die ersten vorbeikommen würden: Der Livestream vorne auf dem Fernseher zeigte die 175er, die inzwischen schon auf der Strecke waren, und die erste Band, die im Zelt in Métabief einheizte.

Die Frage, wann die ersten vorbeikommen würden, wurde gleich nachts beantwortet: Im Halbschlaf hörten wir, wie draußen die ersten Läufer, die den Hang seitlich vom Haus hinaufkämpften, mit Kuhglocken angefeuert wurden. Samstagmorgen ging es für die ersten von unserer Gruppe auf die Laufstrecke: die einen in aller Frühe per Shuttle zum Start der 75er-Strecke, die anderen am Vormittag auf die 10er-Strecke. Wir anderen frühstückten in Ruhe und genossen „Ambiente“ und „Komfort“ einer typisch französischen Jugendherberge: Hatten wir schon befürchtet, unsere Nachwuchsabteilung würde den Nutella-Spender vermissen, war diese mehr als happy, den Kakao aus Bols zu schlürfen und Honig-Tartines mangels Teller und Frühstücksbrettchen direkt auf dem Tisch zu schmieren. Um uns herum herrschte schon reges Treiben und wir beschlossen, das gute Wetter für eine kurze Wanderung nach Métabief zu nutzen, um die restlichen Startunterlagen abzuholen und die 10er im Ziel zu begrüßen. So ging es die 2-3 km auf Feldwegen und Trails über den Hügel, neben uns die ganz schnellen 175er auf den letzten Kilometern zum Ziel anfeuernd, während um uns herum die Kühe bimmelten.

Bei der Startunterlagen-Ausgabe begrüßte man uns wie alte Bekannte, wir waren offensichtlich die einzige deutsche Gruppe beim UTMJ. „Ah, die Gruppe aus Jougne“, hieß es, und man drückte uns die Startunterlagen für die Kids in die Hand. Meinen Dolmetscher-Job nahm ich ziemlich ernst und protestierte, weil auf den Umschlägen die falschen Namen standen. Vermeintlich. Nachdem ich erklärte hatte, dass wir keine Hermine, sondern eine Paula dabei haben, ging uns auf, dass das der Name des Laufs ist – (fast) alle Läufe waren nach Tieren benannt. Ähem. Nicht der erste Lacher des Tages und auch nicht der letzte…

Zurück in Jougne war die Jugendherberge inzwischen neben VP und Base de Vie das UTMJ-Epizentrum. Das Helfer-Team in den schwarz-neonfarbenen UTMJ-Hoodies wuselte herum, das EG platzte vor Läufer:innen und der Vorgarten war voll mit Fans, ausgerüstet mit Camping-Stühlen, Picknickdecken… und natürlich Kuhglocken. Wir machten es uns mit unseren Einkäufen aus dem französischen Supermarkt auf dem Sonnendeck im 1. OG bequem und schlossen uns der Fangemeinde an, indem wir die nächsten Stunden die Läufer:innen, die sich bei immer wärmeren Temperaturen und praller Sonne erst den Hang hoch und dann über ein Mäuerchen und einen Palettenstapel kämpfen mussten, bevor sie sich im Haus an der VP stärken durften, anfeuerten.

Die Stimmung kochte von Stunde zu Stunde mehr hoch, es wurde immer lauter und ständig kam neues Fanpublikum nach. So beschlossen wir nach Rücksprache mit der UTMJ-Orga, das Abendessen an diesem Tag nicht im trubeligen Speisesaal (alias VP und Base de Vie) einzunehmen, sondern im Zelt in Métabief, wo wir die 75er von uns abends beim Zieleinlauf anfeuerten wollten. Unsere Essenscoupons für die „Groupe allemand“ tauschten wir dort am Buffet gegen ein Menü aus Erbsensuppe (mal wieder), Kartoffel-Käse-Auflauf, Käse (auch mal wieder), Salat und Kuchen ein, während unsere 75er letzte Sprachnachrichten von der „Renarde„-Strecke (aka „Renate“ 😉 ) absetzten. Der letzte lange Anstieg zum Mont d’Or und dann hoch nach Morond (beides von uns kurzerhand in Mordor umgetauft) zog sich wie Gummi und wir waren froh, als am späten Abend alle heil im Ziel waren.

Denn Sonntagmorgen ging es für die andere Hälfte von uns früh raus auf die 40er- und 20er-Strecke. Gut, dass wir zeitig am Shuttle-Abfahrtsort waren, denn der Parkplatz erwies sich als viel zu klein und es gab einen ziemlich langen Auto-Rückstau. Vorteil war, dass unser Bus nicht wie geplant um 6:30 Uhr losfuhr, was die Wartezeit in der Kälte am Start verkürzte. Um 6:45 Uhr hatten endlich alle geparkt und waren auf die Busse aufgeteilt. Unterwegs nach Chapelle des Bois herrschte schläfrige Stille – nur unterbrochen durch Gehupe der Busfahrerin, die kurzerhand erklärte, so ihr Einschlafen zu bekämpfen. Sie und alle anderen Helfer:innen hatten Nachtschicht geschoben und waren seit Stunden, wenn nicht Tagen im Einsatz.

Eine halbe Stunde später kamen wir am Start an und quetschten uns in das Haus, wo die restlichen Startnummern ausgegeben wurden, um uns etwas warm zu halten. Es war richtig, richtig kalt. Auf den letzten Drücker ging es in den Startblock, wo man uns erklärte, dass man aufgrund des großen Teilnehmerfelds die Strecke geändert habe. War ich vorher noch etwas traurig gewesen, dass sich der Trailmarathon laut gpx-Datei als „nur“ 38 km rausstellte, war jetzt (für mich) alles wieder im Lot: Die Strecke war auf 40 km verlängert worden.

So ging es also los, leider zu Beginn fast schon mit Zuständen wie beim Berlin-Marathon (voll, voller…). Unsere Uhren maulten die erste Zeit regelmäßig über „Streckenabweichung“, da wir erst mal 2 km anders liefen, bevor wir wieder auf die geplante Strecke stießen. Nach 5-6 km, als wir gerade schön warmgelaufen waren und einen Rhythmus gefunden hatten, war es dann leider schon wieder aus damit, denn es kam auf dem wurzeligen Singletrail zu einem etwas nervigen Rückstau und ging nur noch schleppend vorwärts. Der reinste „Wandertag“. Immerhin ausreichend Gelegenheit, die Kulisse zu bewundern: Die Sonne stieg hinter dem Hügel auf und tauchte die Nebelschwaden und Kuhhorden auf den Wiesen in warmes Morgenlicht.

Danach ging es weiter, so wie es danach stundenlang gehen sollte: Abwechselnd durch Wald und Wiesen, immer wieder über Treppen und Stufen über die Absperrungen der Kuhweiden hinweg. Kurz vor der ersten VP bei km 13 ein Highlight: Es ging seitlich über Treppenstufen an einer Skisprungschanze entlang hinunter und dann quer durch den Hang/Auslauf hindurch.

Die erste VP war dermaßen bevölkert, dass Laura und ich beschlossen, nur schnell Wasser aufzufüllen und zügig weiterzulaufen. Nach Käse war uns eh nicht wirklich. Danach wartete der nächste ordentliche Anstieg auf uns, bevor es etwas flacher bis zur nächsten VP in Mouthe weiterging. Dort war 2 h nach unserem Start die 20er-Strecke gestartet – glücklicherweise bevor wir dort ankamen, sodass es nicht mehr ganz so voll auf der Strecke war. An der VP füllten wir wieder Wasser auf, aßen kurz, amüsierten uns über die Enten, die alles aufschnappten, was zu Boden fiel, und genehmigten uns noch einen Schluck Sprudel, bevor es wieder weiterging. Hatte ich erst Bedenken wegen der Kohlensäure, stellte sich der Sprudel als super angenehm raus, denn er war sehr mineralhaltig und wir schwitzten aufgrund der inzwischen ziemlich warmen Temperaturen zunehmend.

War die erste Hälfte des Trailmarathons mit überschaubaren Höhenmetern eher wie ein lockerer Spaziergang, fing der wahre Trailspaß nun erst an. Direkt nach der VP ging es steil den Berg hoch.

Während meine Beine meldeten, dass sie nur eine Woche nach dem Berlin-Marathon doch noch sehr müde waren, meldete Lauras Magen, dass das nicht ganz sein Tag war. So ging es erst mal ne Weile mit Powerhiking weiter bzw. höher. Bei km 25 rollten wir wieder etwas vorwärts, gepusht von einem Stimmungsnest mitten im Wald: Ein paar Leute heizten mit lauter Musik und guter Laune ein. Das passierte zwischendurch immer mal wieder: Musik und/oder Kuhglocken, das Publikum feuerte an, was das Zeug hielt. Behauptet nochmal jemand, auf Trails wäre keine Stimmung? Dann war er jedenfalls noch nicht bei einem französischen Trailevent!

Irgendwie kamen wir vorwärts, langsam wieder etwas flüssiger, und erreichten kurz nach der 30 km-Marke die dritte VP. Schon ein gutes Stück davor nahm die Publikumsdichte zu und wir wurden angefeuert wie die Heldinnen. „Allez, les filles„, „Bravo, les filles„, schallte es uns entgegen. Da es auch die letzte VP vor dem Ziel war und uns jetzt nochmal ein ordentlicher Anstieg in der prallen Mittagssonne erwartete, füllten wir nochmal ordentlich die Flasks voll – mit unserer neuen Wunderwaffe: Colaschorle mit dem mineralhaltigen Sprudel (St. Yorre), den wir schon an der VP davor genossen hatten, das Getränk des Tages! Gut gelaunt gingen wir fast euphorisch in den letzten Anstieg. Damit ich sie nicht völlig umsonst mitgeschleppt hatte, nahm ich meine Stöcke aus dem Köcher und stiefelte los, Laura im Schlepptau, umgeben von Gebimmel, denn es ging (wieder) mitten durch eine Kuhweide. So viele Kühe wie dort habe ich wirklich noch nie gesehen. Aber nun gut, irgendwoher muss der ganze Käse ja kommen. In der prallen Sonne ging es hoch nach Mordor, pardon, zum Mont d’Or, wo uns eine tolle Aussicht (und natürlich Kühe) erwarteten. Das schlimmste war geschafft, naja, fast. Nach einem kleinen Downhill und der Umrundung des Lac du Morond ging es in den letzten, steinigen Uphill hoch nach Morond, sozusagen dem letzten Mordor.

Oben an der Skistation von Morond machten wir ein Selfie und zogen einen letzten Schluck Colaschorle aus unseren Flasks, bevor wir uns in die letzten 4 km Downhill bis zum Ziel stürzten.

Unser Plan, jetzt nochmal richtig Tempo zu machen, ging zumindest anfangs nicht auf, denn nach dem Zwischenstück die Skipiste runter wurde es nochmal ganz schön wurzelig bzw. über das mit Matsch überzogene Jura-Gestein ziemlich rutschig. „Attention, ca glisse„, tönte es uns vom Streckenrand entgegen. Aber dann: Wir erreichten das breite Wegstück, über das wir am Vortag nach Métabief gewandert waren, und gaben bis zum Ziel nochmal richtig Gas. Angefeuert von der restlichen Hartfüßler-Crew, die uns erwartete, genossen wir den genialen Zieleinlauf, um diesen fabelhaften Trail-Tag im Jura zu beenden.

Für mich übrigens zwar nicht der erste Doppelmarathon, aber das erste Doppel aus Straßen- und Trailmarathon und das erste Doppel mit nur einer (statt zwei) Wochen Regeneration dazwischen. Fazit? Kann man machen, macht aber müde. 😉

Mit der Medaille um den Hals kippte ich im Ziel total durstig erst mal eine halbe Flasche St. Yorre runter (gefühlt hat Sprudel noch nie so gut geschmeckt wie an diesem Tag 😉 ), bevor es zum Getränkestand ging, wo ich mit Eistee und Bier weitermachte. Auf dem Sonnendeck in der Unterkunft veranstalteten wir zur Feier des Tages – sehr französisch – einen Apéro mit Crémant, Chips und, natürlich, Käse (ok, deutsches Bier war auch im Spiel…).

Abends beim Dinner in Jougne erwarteten uns – Überraschung – Erbsen als Beilage zum Hauptgericht, bevor wir alle müde und zufrieden ins Bett fielen. Alle von uns hatten gefinisht. Alle von uns hatten eine ordentliche Portion Höhenmeter und Sonne intus. Das Programm am Folgetag fiel dementsprechend bewegungsarm aus: Sonnen und Baden in Malbuisson, am/im Lac de Saint-Point.

Für das Abendessen liefen bzgl. Erbsengehalt Wetten, aber zu unserer Überraschung gab es keine. Unser letztes Dinner in der Jugendherberge war ein ziemlich leckerer Abschluss, bei dem natürlich die obligatorische Käseplatte nicht fehlen durfte (Tomatensalat, Pasta mit Gemüse, Käse und Salat, Crème Brûlée).

Unser letzter Stopp am Dienstagmorgen, bevor es auf die Heimfahrt ging? Die Käseabteilung im Supermarkt!

Merci, UTMJ! Au revoir, les vaches!

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