Nach vier Jahren Abstinenz wollte ich es nochmal wissen: Straßenmarathon, noch dazu in Berlin, wo ich 2012 meinen ersten Marathon gefinisht habe. Als ich mich im Herbst 2022 in die Lostrommel warf, habe ich erst mal nicht damit gerechnet, dass ich das Losglück auf meiner Seite habe. Doch dann ging es im November ziemlich schnell: Erst kam die Mailinfo mit der Zusage, kurze Zeit später war mein Bankkonto um 165 EUR leichter. Eine ordentliche Hausnummer, wenn ich daran denke, dass ich „damals“ nur rund zwei Drittel davon gezahlt habe. Aber damals ging es auch noch ohne Losverfahren. Und erfreulicherweise ist inzwischen nicht nur das Öffiticket für den Marathontag inkludiert, sondern ein Viertagesticket von Donnerstag bis Sonntag.
Zur Vorbereitung muss man sagen, dass mir das Timing dann doch gar nicht mehr so gut passte, weil die Hartfüßler-Vereinsfahrt auf das Folgewochenende festgesetzt wurde und ich da ganz gerne starten wollte. Trailultra war so knapp nach Berlin utopisch, Trailmarathon schien ein gangbarer Kompromiss und machbar, sofern ich in Berlin nicht dermaßen Gas gebe, dass ich alle Körner verschieße. Canceln o. ä. ist beim Berlin-Marathon nicht drin, wenn man das Geld nicht in den Sand setzen will – immerhin gibt es inzwischen Optionen für den Fall von Verletzungen und Schwangerschaft und man kann das Startrecht auf das/die Folgejahr(e) übertragen.
Gleich Donnerstagnachmittag bin ich zur Marathon-Expo, um die Startunterlagen abzuholen. Beim Einlass das übliche Chaos, da einige ihren Ausweis vergessen hatten. Aber ohne Ausweis und QR-Code von der Anmeldung kein Armbändchen und keine Startunterlagen. Immerhin ging es nach dem Engpass mit den Startbändchen zügig und organisiert voran zur Startnummernausgabe. Genervt von den Menschenmassen war ich da trotzdem schon. Ich hatte mit ähnlichen Umständen wie im Frühjahr beim Berlin Halbmarathon gerechnet, aber der Marathon spielt dann doch noch mal in anderen Dimensionen, zumal man (mal wieder) eine Rekord-Beteiligung von 48.000 Läufer:innen feierte.


Nachdem ich meine Startunterlagen hatte und der Zeitmesser-Chip geprüft war, ging es weiter in die große Halle mit der eigentlichen Marathon-Expo. Dort herrschte der Konsumgott: Allerlei Laufzubehör, den man braucht oder auch nicht braucht. Bei Adidas stand ich rund 40 Minuten an, bis ich mein Shirt bezahlt hatte. Danach hatte ich keine Lust mehr, mich auch bei Maurten & Co in die Schlange zu reihen. Nix wie raus hier, war mein einziger Gedanke. Das war auch der erste Moment, in dem ich mich zurück zum Traillaufen sehnte: überschaubare Strukturen und eine Community, die irgendwie anders tickt. Auffallend hoch hier der Gesprächsanteil über Pace, Gewicht bzw. Diäten, Wundermittelchen und Medikamenteneinnahme (Stichwort Doping im Freizeitsport).
Samstagmorgen ging es traditionell zum Schloss Charlottenburg, wo um 9:30 Uhr der Frühstückslauf startete. Locker und ohne Zeitmessung geht es die rund 6 km zum Olympiastadion, wo man durch das Marathontor ins Stadion einläuft, ein letztes Mal die Beine lockert und im Anschluss frühstückt.




Sonntagmorgen war ich gegen 9 Uhr an der Einlasskontrolle gegenüber des Bundestages. Um 9:15 Uhr war der Start, allerdings nur von der Elite und den ersten schnellen Startblöcken. Ich startete in einem der Hauptfelder um 10:05 Uhr. (Negativ) Auffallend hier schon im Vorfeld, wie viele im Rahmen der Anmeldung bei ihrer Zeitangabe oder vor Ort am Blockeinlass mogelten, um in einen der vorderen Startblöcke zu kommen. Positiv an den zeitlich stark voneinander abgegrenzten Startblöcken (die letzten gingen um 10:30 Uhr auf die Strecke) ist aus meiner Sicht, dass das Startfeld etwas auseinander gezogen wird. Hier hat man aus den hohen Teilnehmerzahlen in den Vorjahren und nicht zuletzt bedingt durch die Pandemie gelernt. Nachteil ist, dass die Startblöcke mit Blick auf Uhrzeit und äußeren Rahmenbedingungen ein doch sehr unterschiedliches Rennen laufen. Und dass das am Ende auch nicht großartig hilft, wenn man immer neue Teilnehmer-Rekorde feiert und inzwischen bei rund 48.000 Menschen angelangt ist. Da zieht sich dann auch unterwegs nichts auseinander, die Berliner Straßen werden nicht breiter und man bleibt – zumindest in den mittleren bis hinteren Startblöcken – von Anfang bis Ende im dichten Pulk.

Auf dem Weg zum Startblock war ich erst mal froh, im Hotel noch auf der Toilette gewesen zu sein. Wartezeit der Dixie-Schlange: 40 Minuten und mehr. Im Startblock dann die übliche Altkleider-Spende, die inzwischen immer professioneller, mit großen Sammelcontainern abläuft. Auf dem Boden ein Anblick, wie man ihn vom Start bei Trailläufen nicht unbedingt kennt: Medikamenten-Blister von Schmerzmitteln, Nasenspray, Trinkflaschen, Gelverpackungen etc., sprich Freizeit-Doping und jede Menge Müll. Ansonsten die übliche Gänsehaut-Atmosphäre mit Musik, Countdown, Anheizen etc. Leicht fröstelnd und aufgeregt war ich froh, als endlich der Startschuss für meinen Startblock fiel und die Masse sich nach vorne bewegte. Nach den ersten Metern dann die erste Überraschung: fette orangene Farbpfützen. Im Startblock hatten wir nichts davon mitbekommen, aber die Letzte Generation hatte ja direkt nach der Verschandelung des Brandenburger Tores mit orangener Farbe die nächste Protestaktion angekündigt. Wie später in den Medien zu lesen war, hatten sich mehrere Aktivisten kurz vor der ersten Startwelle auf dem Boden festgeklebt und Farbe verschüttet, wurden aber Dank hoher Polizeipräsenz direkt abgeführt.

Kurz hinter der Siegessäule war sozusagen mein erster Cheering Point und ich entdeckte meine Freunde auf Anhieb. Bei km7 ging das leider in die Grütze, vermutlich weil nicht klar war, auf welcher Straßenseite – und beide im Auge zu behalten oder schnell zu switchen ist bei den Menschenmassen einfach nicht machbar. Das Tracking des Veranstalters hatte ich dieses Mal nicht in Anspruch genommen, denn es beruht weiterhin nur auf den Zwischenzeiten alle 5 km und den Hochrechnungen dazu. Ich hatte mich auf das Livetracking von Garmin verlassen, da das auch beim Zugspitz Ultratrail super funktioniert hatte. An diesem Tag ein Reinfall, denn es kam erst gar keine Mail mit dem Trackinglink und das nicht nur bei mir. Gut, dass ich als Back up Old School auf Uhrzeiten umgerechnet und diese auf den Plan aus Papier notiert hatte, sodass zumindest das einen Anhaltspunkt bot, wo ich wann ungefähr auftauchen würde. In Verbindung mit drei klar vereinbarten Punkten sowie der Abmachung rechte Straßenseite ging nix schief. Wobei mein Supportteam bei meinem inzwischen 6. Berlin Marathon auch echt gut Übung hatte. Never change a running system oder so ähnlich. 😉

Bis zum Halbmarathon-Punkte flutschte es ganz gut, ich bremste mich eher, um es nicht zu schnell anzugehen. Dazu regelmäßig trinken und die ersten Gels, es wurde langsam warm. Marathon beginnt ja bekanntermaßen erst in der zweiten Hälfte bzw. ab km30 und ich wusste, dass das bei rund 20 Grad und praller Sonne kein Spaziergang werden würde. Hinzu kamen leichte Hunger- und Durstgefühle, die ich so jonglieren musste, dass ich unterwegs nicht zu viel zu mir nahm. Außerdem die Erkenntnis, dass ich vom Trail her ganz andere Verpflegung gewohnt bin: Das Angebot aus Wasser, Iso, Tee, Äpfel und Bananen schien mir geradezu spärlich. Nix mit Wassermelonen, gesalzenen Salatgurken etc. Dafür hätte ich echt was gegeben. Schon interessant, wie ich mit der Trailerfahrung inzwischen beim Straßenlauf vieles mit anderer Brille sehe. Auch das Thema Müll bzw. Nachhaltigkeit stimmte mich nachdenklich beim Anblick der riesigen Mengen Plastikbecher, die nach den Verpflegungsstationen teils in die bereitgestellten Tonnen, teils einfach an den Straßenrand gefeuert wurden. Auch das ist bei Trailveranstaltungen inzwischen ganz anders geregelt. Da liegen auch unterwegs kaum Gelverpackungen auf der Strecke rum.
A propos Gel, bei km27 gab es welches, was ich dankbar nahm. Leider meckerte auch langsam die linke Wade, die mir seit Anfang des Monats immer wieder Probleme machte. Ich nahm Tempo raus und beschloss bei km30-32 immer mal wieder zu gehen, um nicht in den Schmerz reinzulaufen. Schließlich wollte ich den Trailmarathon danach nicht gefährden. Um mich herum immer noch ein dicht gedrängtes Läuferfeld, überholen wollte wohl überlegt sein, war aber notwendig, da viele dauerhaft gingen oder mit Krämpfen zu kämpfen hatten. Was mich eher nervte: Die vielen Läufer:innen um mich herum, die die Ellbogen ausgefahren hatten, weil sie entweder telefonierten oder auf Livesendung waren und Instacontent produzierten. Mann, legt doch einfach mal das Handy weg, genießt die Stimmung und konzentriert Euch auf das, wozu Ihr hier seid: Aufs Laufen! Klar, auch auf den Trails wird Content produziert, fotografiert und gefilmt, aber in ganz anderen Maßen und vor allem ist da meist so schlechter Empfang, dass nix mit Liveschalte ist. 😉
Zwischenzeitlich kam in meinem Kopf immer wieder der Gedanke, der mich vorher schon bewegt hatte: Habe ich mein Herz inzwischen an den Trail verloren und ist das vielleicht mein letzter Straßenmarathon? Die Antwort reifte immer klarer: Asphaltläufe nur noch bei kürzeren Distanzen wie Halbmarathon. Umso mehr beschloss ich, die unglaubliche Atmosphäre in Berlin zu genießen: die Trommelgruppen, die Cheerleader, die Zuschauerhorden aus aller Welt, die einem unglaublich nach vorne peitschten. In einem Sprachenmix, der oft nicht verständlich und doch eindeutig war. So rollte ich dann endlich über den Ku’damm runter zu km37, wo mir meine Fancrew die ersehnte Cola in die Hand drückte. Ein paar Schlückchen davon und mein Wille, das jetzt noch laufend durchzuziehen, brachten mich wieder in einen zügigeren Lauftrott und ich spulte die letzten Kilometer über Potsdamer Platz und Gendarmenmarkt ab, bevor es auf Unter den Linden ging, wo man dermaßen Richtung Brandenburger Tor und Ziel geschrieen wurde, dass das Trommelfell fast platzte.
Dann, endlich, nach etwas mehr als 4 h, lief ich ins Ziel. Geschafft! Berlin Marathon Nr. 6, Straßen-Marathon Nr. 14. Eine super Party, aber auch Asphaltkrieg. Dankbar für das, was mein Körper geleistet hat und für die schönen Momente.

Aber ich glaube, ich bin zu alt für den Mist. Irgendwie ist das wie mit Schuhen, aus denen man rauswächst, sie passen einfach nicht mehr. Und so startete heute die Anmeldung zum Berlin-Marathon 2024 ohne dass ich mein Los in die Trommel werfe, zumal man bei der 50. Ausgabe garantiert wieder neue Teilnehmer-Rekorde feiern wird (50.000?!).

Ich freue mich nun wieder auf viel Natur und weniger Menschen, wenn ich nächsten Sonntag beim Trailmarathon im französischen Jura im überschaubaren Startblock stehe, um danach mal in Kleingruppen, mal allein, die tolle Landschaft zu genießen und die Höhenmeter zu verfluchen. Wie sehr kann man sich auf Trail freuen? Ich: Jaaa!
Ein Gedanke zu “Dickes B an der Spree”