Katzen-Schlucht-Tour

Geplant und gebucht war für heute eine Schlucht-Tour. Aber Japan wäre nicht Japan, wenn daraus nicht irgendwie eine Katzen-Tour zu machen wäre. Doch erst mal von vorne…

Auf der Suche nach Ausflugsmöglichkeiten zwischen Nagano und Kanazawa waren wir auf die Kurobe-Schlucht gestoßen. Erstens weil Japans tiefste Schlucht, zweitens weil angeblich außergewöhnliche Bahnfahrt. Tickets für die Tour mit der Kurobe Kyōkoku Tetsudō, kurz Kurotetsu, hatten wir mit zwei Monaten Vorlauf online gekauft. So weit, so easy. Doch detaillierte und vor allem aktuelle Infos zur (An-)Reiseorga fanden sich online relativ wenige. Aussagen wie „der Weg ist das Ziel“ oder dass bereits die Anreise abenteuerlich sei, halfen uns nicht wirklich weiter, sondern ließen mich vorab eher nervös werden. Zumal wir Tickets für Samstag gebucht hatten und gestern feststellen mussten, dass die Zugtaktung da teilweise nicht ganz so eng ist, die Auslastung derzeit dank langem Feiertagswochenende dagegen hoch. Da laut Buchungsmail der Voucher spätestens 20 min. vor Abfahrt gegen die Tickets getauscht sein musste, kalkulierten wir lieber Puffer ein und planten, bereits eine Stunde vor Abfahrt der Panoramabahn da zu sein.

Los ging es für uns am frühen Morgen per Shinkansen ab Toyama. Um die Tickets hatten wir uns bereits gestern Abend gekümmert, was uns heute Zeit und Stress sparte, da die Warteschlangen an den Automaten und Schaltern an diesem reiseintensiven Wochenende immer noch lange waren. Außerdem hatten wir nicht unbedingt damit gerechnet, dass für diese Verbindung nur ein Shinkansen pro Stunde fahren würde. (Die Option, bereits ab Toyama die Regionalbahn zu nehmen, fanden wir mit Blick auf die Fahrtzeit definitiv nicht attraktiv.) Pünktliche 12 min. später stiegen wir an der nächsten Haltestelle „Kurobe Unazukionsen“ aus, wo wir gerade mal 12 min. hatten, um den Bahnhof zu wechseln und Tickets zu kaufen (da andere Bahngesellschaft als JR…). Unsere Sorgen erwiesen sich als unbegründet: Wenn man hier nicht bummelt, sondern zügig durchläuft, kann eigentlich nichts schiefgehen. Aus dem Shinkansen raus, die Rolltreppe runter, Richtung „South Exit“ halten, die Straße queren (natürlich in Japan nur bei grüner Ampel! 😉 ) und schon ist man am Bahnhof „Shin Kurobe“. Das Personal dort im Service-Häuschen war mega organisiert: Die eine Dame fragte die Ticketwahl ab (One Way oder – minimal günstiger – Round Trip), die andere kassierte. Einziger Haken: Cash only. (Entgegen mancher Infos muss man den Betrag nicht passend haben. Das gilt nur, wenn man an einer der kleineren, unbemannten Stationen einsteigt, wo man ein Ticket ziehen und dann beim Ausstieg beim Schaffner zahlen muss…) In Windeseile waren so alle abgefertigt und Richtung Bahngleis gescheucht, wo auch schon der Regionalzug der Toyama Chihou Railway Main Line einfuhr.

Die nächsten 27 min. war ich mir nicht unbedingt sicher, in einem Zug zu sitzen. Der sichtlich in die Jahre gekommene Regionalzug hielt sich vermutlich für einen Schnellzug und gab ordentlich Gas: Es rappelte, wackelte, vor allem aber schaukelte es wie auf einem Schiff auf rauer See. Zehn Stationen später war der Spuk vorbei und wir stiegen in Unazukionsen aus. Zunächst überlegten wir, im Café Mozart schräg gegenüber vom Bahnhof noch einen Kaffee zu trinken, beschlossen dann aber, doch schon gleich nach links zur Unazuki Station zu gehen, um für die Panoramabahn Voucher gegen Tickets einzutauschen. Eine kluge Idee, denn heute war wenig los, außer einer Verbindung am Nachmittag war nichts ausgebucht und die Dame am Schalter bot uns an, auf einen früheren Zug zu wechseln, der bereits in 30 min. fahren sollte. Perfekt!

Die Wartezeit verbrachten wir zunächst mit Begutachtung des Shop-Angebots (überteuert bzw. unbrauchbar), dem Kauf eines Kaffees (überteuert und nicht lecker) und dem Ausprobieren der dortigen Sammelstempel (wie immer unterhaltsam), wechselten dann aber zügig in die Warteschlange am Zugang zum Gleis, da die Sitzplätze in den Wagen nicht nummeriert sind – wer zuerst kommt…

Gebucht hatten wir Tickets für die „Relax“ genannten Wagen mit Fenstern. Die Sorge, das könnte unangenehm warm-feucht werden und ungünstig fürs Fotografieren, erwies sich als unnötig. Der inzwischen einsetzende Regen wurde stärker, die offenen Wagen förderten den Regen-Poncho-Absatz im Bahnhof ordentlich und vor allem wurden hier gut 3-4 Leute auf jede Bankreihe gequetscht. Die „Relax“-Wagen sind nicht gerade geräumiger und definitiv eher für kleine, drahtige Japaner gebaut, waren aber in unserem Fall nur zur Hälfte ausgelastet, sodass jeder einen Zweiersitz für sich hatte – und etwas mehr Beinfreiheit. Wie sich später zeigen sollte, sitzt man am cleversten in Fahrtrichtung rechts, sowie im vorderen oder hinteren Wagenbereich am jeweils mittigen Seitenfenster: Das lässt sich nämlich fast ganz nach unten schieben, sodass man gut fotografieren kann und Frischluft genießt (angenehm, wenn zum Beispiel die asiatische Version der Geissens auftaucht und intensiv riechendes Essen während der Fahrt verspeist… ähm ja…).

Die Kurotetsu mag eine Touribahn sein und die Website auf Englisch. Das war’s aber auch: Die Informationen während der Fahrt sind rein auf Japanisch. Es empfiehlt sich, vorher einen der Infoflyer am Bahnhof mitzunehmen (Googlen ist mangels Empfang nicht immer drin…). Ansonsten helfen die Infoschilder am Rand der Strecke, die in Japanisch und Englisch sind. Dass man sich dabei besser nicht so weit aus dem Fenster lehnt, lernte ein Mitpassagier bereits zu Anfang der Fahrt, als er so unfreiwillig fast sein Riesenobjektiv abrasierte…

Die Fahrt der Schmalspurbahn startet zeitig mit dem ersten Highlight: Es geht über die Shin-Yamabiko-Brücke, nebenan auf der Yamabiko-Brücke winkten die Zuschauer begeistert rüber und fotografierten uns. Unter uns die Schlucht, das Wasser von einem intensiven Blau. Die nächsten Sehenswürdigkeiten ein riesiger Damm und ein Kraftwerk – das gut getarnt ist. Denn warum ein Kraftwerk bauen, das wie ein Kraftwerk aussieht, wenn es wie eine mittelalterliche europäische Burg aussehen kann? 😉

Es folgen weitere Brücken, ein Stein, der wie ein Buddha aussehen soll, eine spezielle Affenbrücke (Affen haben wir leider keine gesehen) und unzählige Tunnel, wo der Zug regelmäßig stoppen und die entgegenkommende Bahn passieren lassen muss. Am Halt in Kuronago stiegen tatsächlich Leute zum Wandern aus, obwohl es inzwischen heftig regnete. Die Station vertrauenserweckend zugepflastert mit Warnschildern vor Affen, Schlangen und Bären. Danach die schöne blaue Atobiki-Brücke. Der Ausblick beeindruckend: eine wirklich reizvolle Landschaft, die heute dank dampfender Nebelschwaden dicht in den Baumkronen einen besonderen Reiz hatte. Dennoch waren wir nicht gerade traurig, als wir nach 50 min. die Wendestrecke der Fahrt erreicht hatten. Normalerweise geht die Fahrt bis Keyakidaira, aufgrund Erdbebenschäden aus 2024 jedoch aktuell nur bis Nekomata.

In Nekomata hat man 20 min. Aufenthalt, die man jedoch nicht wirklich nutzen kann. Es gibt: eine Baustelle (die man nicht betreten darf), Sanitäranlagen (zu denen alle stürmen), einen Aussichtspunkt mit Blick auf die Schlucht (der in wenigen Minuten erledigt ist) und diverse Fotospots mit Katzenmotiven. Denn: In Nekomata steckt das japanische Wort für Katze (Neko) und das wird hemmungslos ausgeschlachtet („Der einzige Stationsname in Japan mit Katze als Bestandteil…“). Derweil werden in den Zugwaggons die Sitze in die andere Fahrtrichtung gedreht und die Zuglok (natürlich mit Katzenmotiv) wechselt.

Und dann geht es 50 min. die gleiche Strecke zurück, in einem gemütlichen Ruckeltempo, das einem prompt in ein Nickerchen versetzen könnte, wäre da nicht die atemberaubende Landschaft.

Was mich neben der Landschaft sehr beeindruckt hat: Wie viel Kraftwerke es hier gibt, wie viel Strom der Fluss für Japan produziert und unter welchen komplizierten Bedingungen die Bautrupps in dieser Schlucht arbeiten. Dabei nehmen sie sich auch noch typisch japanisch die Zeit, den Touris beim Vorbeifahren zu winken und zu dienern. Weniger beeindruckend, zumindest wenn man die Zugfahrt macht: Die Regenmenge am Kurobe – die wohl höchste in Japan. Immerhin war es in unserm Fall auf der Rückfahrt schon fast wieder regenfrei und sogar ein bisschen sonnig.

Zurück an der Unazuki Station gilt es, zügig die Bahn zu verlassen, denn der Putztrupp und die nächste Reisetruppe stehen schon bereit. Am Ausgang wird natürlich nochmal den Katzen gehuldigt…

Auf dem kurzen Weg zurück zum Bahnhof Unazukionsen kann man dann zur Entspannung ein warmes Fußbad im Thermalwasser nehmen oder seine Hände in den dampfenden Brunnen halten. Oder interessante Süßigkeiten essen…

Mit Blick aufs Wetter und die Uhrzeit entschieden wir uns, direkt die nächste Regionalbahn zurück zu nehmen. Beim Halt in Urayama wunderten wir uns zunächst, warum so viele Menschen einstiegen. Glücklicherweise machten uns ein paar zugestiegene Jugendliche intensiv gestikulierend darauf aufmerksam, dass wir aussteigen sollten, um den Zug zu wechseln: Dieser hier fuhr wieder nach Unazukionsen zurück, für „Shin Kurobe“ mussten wir zum gegenüberliegenden Gleis in den anderen Zug wechseln. Wenn es eine Durchsage dazu gab, dann hatten wir das nicht verstanden, hier auf dem Land läuft alles nur auf Japanisch. Aber wir waren nicht die einzigen, denen es so ging. Kurz brach Hektik aus und auch die anderen Passagiere, die wie wir aus Unazukionsen kommend reisten, stürmten übers Gleis in den anderen Zug. Derweil checkte ich schnell mit dem Handy die nächsten Shinkansen-Abfahrten von „Kurobe Unazukionsen“ nach Toyama.

20 min. Umsteigezeit hielt ich zunächst für kein Problem, aber da mit uns einige andere umstiegen, bildete sich an den JR-Automaten schnell eine Schlange. Aber auf japanische Orga ist Verlass und so kamen schnell zwei Stationsmitarbeiter, die an den drei Automaten dafür sorgten, dass es zackig voranging. Deren Blick zufolge sorgten wir zunächst für einen kurzen Anfall von „uuh, Ausländer und Englisch, das wird kompliziert…“. Erst wollte man uns gar nicht an den Automaten lassen und nahm uns schon die Unterlagen und Reisepässe ab, davon ließ ich mich aber nicht irritieren, sondern tippte schneller als die gucken konnten aufs Menü in Englisch und hatte zack alles erledigt. Tsss, wir sind inzwischen ja Japan-Professionals, wie wir uns hier schon mal anhören mussten. Damit hatten sie hier nicht gerechnet und waren merklich erfreut, dass wir den Laden nicht blockierten… 😉

Dafür gab es noch eine kleine Überraschung, denn unser Shinkansen hatte leichte Verspätung („…is running 5 min. behind schedule…“). Was in Deutschland nicht mal eine Durchsage wert wäre und noch als Pünktlichkeit gelten würde, ist hier die Ausnahme und zieht immer demütige Entschuldigungen nach sich. Ein letzter Blick auf die Berge und Reisfelder, und schon fuhr der Zug ein, der uns in nur 12 min. wieder nach Toyama brachte, wo wir am Bahnhof (neben Dashi für zuhause) ein paar leckere Süßigkeiten für die Kaffeepause im Hotel kaufen.

Nach den Schwierigkeiten beim Abendessen gestern beschlossen wir heute eine bessere Taktik und zogen deutlich früher los. Ziemlich schnell wurde klar, dass das heute dank Samstag und noch dazu langem Feiertagswochenende nicht viel half. Überall standen ewig lange Warteschlangen vor den Restaurants. Anfangs versuchten wir noch, uns in die digitale Warteliste einzutragen, was hier schwierig bis unmöglich ist, da rein auf Japanisch und oft kommt man auch nicht mit Übersetzer-Tools weiter. Bei den meisten hatte es sich ohnehin erledigt, weil die Warteliste für heute geschlossen worden war – keine Chance mehr.

Ein Gedanke zum Thema Verständigung: Japan wirbt im Kampf gegen den Übertourismus massiv dafür, nicht nur die typischen Stationen und bekannten Städte zu besuchen, und bewirbt zunehmend die Städte und Regionen außerhalb der Metropolen im Osten. Im Zug berichtete heute eine Reiseleiterin davon, dass das bisher eher unbekannte Gebiet um Toyama dank einer Reiseempfehlung der New York Times („52 Places to Go in 2025“) mehr Touristen verzeichnet. Die Kommunikation vor Ort kommt da noch nicht so ganz hinterher, das meiste läuft rein auf Japanisch.

Eine halbe Stunde, einige Locations und einen Spaziergang später wurden wir dann doch noch fündig und ergatterten zwei Plätze bei Yataizushi, einer Izakaya, in der es zwischen zig Bierfässern, dem obligatorischen „Towel Warmer“ und Lampen im Bierdesign fröhlich, lebhaft und eindeutig angeheitert zuging. Dank Menü mit Fotos wären wir auch so klargekommen, aber das freundliche Personal brachte uns direkt eine englische Karte und den Rest schafften wir mit Zeigen und ein paar Brocken Japanisch. Das Ergebnis: ein frisches Bier, ein Yuzu Sour, Edamame, frittierter Tintenfisch und Sushi. Zufrieden für heute! 🙂

Morgen geht es weiter für uns nach Kyoto und es soll mit Temperaturen deutlich über 25 Grad Mitte Oktober nochmal sommerlich werden…

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