Kontraste

Japan, ein Land der Kontraste. Hitzewelle auf Honshu, Kühle auf Hokkaido. Reizüberflutung und Enge in den Städten, Ruhe und Weite auf dem Land. Berge und Meer. Natur und Technik. Hochmodern und doch so traditionell. Soweit meine Gedanken, als ich nach den vielen Eindrücken von gestern heute Morgen aufwache und höre, wie Regen und Wind an den Fenstern rütteln – bei weiterhin hochsommerlichen Temperaturen, obwohl heute (Feier-)Tag der Herbst-Tagundnachtgleiche (Autumnal Equinox Day) ist.

Nach einem typisch japanischen Frühstück checken wir aus und machen uns samt freundlichem Abschiedsgeschenk (japanisches Gebäck mit einer mühevoll handgeschriebenen Karte) auf den Weg zum Bahnhof von Kanazawa. Wir erwischen eine Regenpause, aber es windet weiterhin ordentlich und hat deutlich abgekühlt (sprich von über 30 Grad auf 25 Grad runter, sehr angenehm!). Immerhin ist dank des Feiertags und damit langen Wochenendes heute (Sonntag) wenig Reiseverkehr: Ich muss nicht anstehen, um am Automaten die Tickets der Sitzplatzreservierungen auszudrucken, am Gleis ist auch wenig los und unser Zugabteil fast schon leer.

Zunächst geht es mit dem Tsurugi (= Schwert) Shinkansen von Kanazawa nach Tsuruga. Dieser neue Streckenabschnitt ist erst seit Frühjahr 2024 in Betrieb, endet aber leider aktuell noch in Tsuruga – der Ausbau rüber zur Ostküste wird wohl auch nicht vor 2023 stattfinden bzw. beendet sein. Glücklicherweise ist Bahnfahren und Umsteigen in Japan ja völlig entspannt und so ist es auch kein Problem, in Tsuruga innerhalb von nur 15 min. vom Shinkansen-Gleis zwei Ebenen tiefer zum Limited Express zu wechseln: Mit dem Thunderbird (= Donnervogel) geht es eine weitere Stunde quer durch Honshu rüber an die Ostküste, nach Kyoto. Das Panorama ist sehenswert und lässt sich aus den etwas altmodischen Sesseln der 1. Klasse (hier Green Class genannt) bequem genießen: Rechts grün bewachsene Berge, aus denen Nebelschwaden dampfen, links der Biwa-See mit seinen Stränden, Japans größter Süßwassersee und angeblich einer der ältesten Seen der Welt.

In Kyoto landen wir wieder mitten im Sommer, bei knapp 30 Grad. Im klimatisierten Uber-Taxi geht es zum Hotel. Wir sind zu früh dran, das Zimmer noch nicht fertig, also geben wir das Gepäck an und machen uns auf in die Shoppingstraße, wo wir bei Daimaru im UG in der Schlemmerabteilung zuschlagen: Dicke Hefeklöße mit Fleischfüllung und „Kastanien Mont Blanc“ zum Dessert. Ich erwähne gerne nochmal, wie toll ich die starke Präsenz von Kastanie in der japanischen Herbstküche finde! Ganz oben auf der Dachterrasse finden wir Picknickbänke und -tische – und es gibt sogar Mülleimer, unglaublich! Sonst ist das mit Essen und Trinken To Go hier nämlich nicht wirklich üblich, u. a. weil man den ganzen Müll mangels Mülleimern mit sich rumschleppen bzw. nach Hause nehmen muss. Dafür gibt’s an jeder Ecke Toiletten, ultrasaubere noch dazu. Man kann eben nicht alles haben!

Wir kommen heute nicht umhin, den Apple Laden aufzusuchen, um die neuen Produkte zu bewundern. Aber nicht nur hier, in allen Läden und den Shoppingstraßen ist es heute voll, brechend voll. Sonntag, Feiertag, die Leute haben Zeit. In Deutschland diskutieren wir die 4-Tage-Woche, hier ist Shopping rund um die Uhr angesagt, besonders exzessiv an Abenden, Sonn- und Feiertagen, weil sich dann am besten Zeit findet.

Wir haben genug, biegen in eine ruhigere Straße ab und schlendern wieder Richtung Hotel. Als wir dort die Koffer auspacken, schlägt uns ein muffiger Geruch entgegen: Die Klamotten sind von der hohen Luftfeuchtigkeit in Kanazawa so feucht, dass ich erst mal einiges zum Lüften und Trocknen aufhängen muss. Zwischenzeitlich schaue ich mir das Angebot im Hotel an: ein Onsen-Bad, – zu meiner Begeisterung – ein hochmodern ausgestatteter Fitness-Raum und – zu meiner noch größeren Begeisterung – direkt im Raum nebenan ein Gefrierschrank mit Eis zur Selbstbedienung. Liegt also auf der Hand, dass ich eine Einheit auf dem Laufband einschiebe und mir danach ein Matcha-Eis genehmige! 🙂

Auf dem Weg zum Abendessen merken wir erneut, wie voll diese Stadt ist, vor allem mit großen amerikanischen Touri-Gruppen. Gerade da wir den Vergleich zu drei Besuchen in den letzten fünf Jahren haben. Ich erinnere mich, einen Artikel gelesen zu haben, dass die Kombination aus Ende der Pandemie und günstigem Yen-Kurs dem Tourismus in Japan einen enormen Schub verliehen hat. Die Schattenseite: Viele besuchen nur die Klassiker wie Tokyo und Kyoto, das war’s. In Tokyo verteilen sich die Massen noch ganz gut, hier in Kyoto eher nicht. Ich bin gespannt auf die nächsten Tage hier in Kyoto und hoffe, nach dem langen Wochenende mit dem Feiertag wird es ab Dienstag etwas ruhiger.

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