Yutori

Reisepläne sind zum Ändern da… Unsere ändern sich, als wir heute Morgen aufwachen und es draußen blitzt, donnert und vor allem schüttet. Da hilft nix, gestern Abend akribisch Zugverbindungen recherchiert und Timings geplant zu haben, aber bei dem Wetter ist ein Ausflug ans Meer keine gute Idee. Dabei hatten wir Matshushima fest auf der Liste, u. a. auf die Empfehlung eines Freundes mit Japan-Expertise hin. Ein Blick in die Wetter-App zeigt, dass der starke Regen, der gestern definitiv nicht vorhergesagt war, erst mal anhalten wird. Es macht keinen Sinn, Matshushima wandert dann eben auf der Reiseliste für den nächsten Japan-Trip.

Wir packen die Koffer und beschließen, erst mal in Ruhe zu frühstücken und dabei einen neuen Plan zu machen. Blöd, dass wir auf dem Weg zu The Most Bakery & Coffee feststellen, dass wir den Regenschirm im Hotelzimmer vergessen haben. Die 7-Eleven-Filiale ums Eck hilft aus und schon sind wir in Besitz unseres nun schon mindestens fünften japanischen Regenschirms. Auch hier verabschiedet sich übrigens die Nachhaltigkeit: In Japan schleppt man nasse Schirme nirgendwo einfach so rein, man zieht ihnen am Gebäudeeingang eine Plastikhülle über, die man beim Weggehen wieder abnimmt und wegwirft. Am nächsten Gebäude/Geschäft das gleiche usw.

In der Bäckerei ist alles frisch aufgefüllt und ein Gebäck sieht leckerer aus als das andere. Ich entscheide mich für ein gesalzenes Croissant (gibt es auch mit Trüffel on top) und einen Gebäckzopf mit Speck und Thai-Basilikum für die Zugfahrt, und ein Brot in Blattform gefüllt mit Kastanienpaste. Der kulinarische Herbst in Japan gefällt mir sehr: Kürbisse, Pflaumen, Yakiimo (geröstete Süßkartoffeln), Pilze und Kastanien. Schade, dass Kastanien in unserer Küche nicht so präsent sind und auch nicht so vielfältig verarbeitet werden wie hier!

Über die Website von Japan Rail gelingt es uns, die bereits getätigten Sitzplatzreservierungen (die wir noch nicht am Automaten ausgedruckt haben) für die Shinkansen-Verbindungen am Nachmittag zu stornieren. Schwieriger wird es, frühere Ersatzverbindungen zu finden: Gegen Mittag ist ein Loch in den Verbindungen und am Vormittag ist durch den Berufsverkehr schon vieles ausgebucht. Uns bleibt nichts anderes übrig, als eine der nächsten Verbindungen zu nehmen und uns zu sputen: In knapp einer 3/4 h eilen wir zum Hotel zurück, checken aus, kämpfen uns mit dem Gepäck durch den Regen zum Bahnhof, drucken dort am Automaten die Sitzplatzreservierungen aus (Warteschlange, aber es geht zügig) und gehen zügig hoch zum Gleis. Immerhin ist hier die Wagenreihung immer gleich (kein solches Chaos wie bei der DB) und wir gelangen zügig zum richtigen Gleisabschnitt.

Bei den Automaten fiel uns bereits auf den Anzeigen auf, dass durch den starken Regen bestimmte Verbindungen, u. a. nach Yamagata und gen Norden, heute entfallen. Oben am Gleis trauen wir jedoch unseren Augen nicht: Wir erleben, was eigentlich unmöglich ist. Nicht nur unsere Verbindung, nein, gleich mehrere Shinkansen-Verbindungen haben Verspätung. 1 min, 5 min., ja sogar 20 min. Vermutlich wird morgen eine öffentliche Entschuldigung in den Medien fällig – so wie irgendwann mal, als ein Zug 1 min. zu früh abgefahren ist.

Wir vertreiben uns die Wartezeit wie immer mit dem Beobachten des Bahnpersonals (Die Choreografie ist immer wieder beeindruckend! Und gut, dass im Oktober die DB herkommt und vielleicht ein paar Learnings mitnimmt…) und dem Studieren des Kiosk-Angebots (Die lokale Spezialität Gyutan, gegrillte Rinderzunge als eine Art Steak, gibt es selbst auf dem Bahnsteig.). Mit nur wenigen Minuten Verspätung geht dann für uns die bereits dritte Hayabusa Shinkansen-Fahrt für diesen Trip los. In nur rund 1 h sind wir von Sendai in Oyama, wo wir umsteigen müssen.

Ab hier nehmen wir den Hakutaka(= Schneebussard)-Shinkansen auf der Hokuriku Line. Dieser wirkt weitaus neuer als die Haybusa-Züge: Was die Polster betrifft, aber auch die Bedienelemente zum Verstellen der Sitze. Sanft rauschen wir einmal quer durch die Hauptinsel Honshu, von der Ostküste via Nagano an die Westküste, draußen mit idyllischen Berg- und Landschaftsmotiven. Wie war das nochmal mit Yutori, dem japanischen Prinzip der bewussten Entschleunigung?!

Keine 2,5 h später und doch sehr entspannt steigen wir in Kanazawa aus. Bei über 30 Grad und strahlendem Sonnenschein. Wir lassen das beeindruckende Bahnhofstor hinter uns und gehen so schattig wie möglich die rund 600 m zu unserer Unterkunft – die wir auf den ersten Blick fast übersehen, so unscheinbar liegt sie in der Seitenstraße.

Auch wenn man uns zur Begrüßung etwas überfordert (Ausweise bitte, Unterschriften hier und da, Begrüßungsgetränk, Badesalz auswählen, Frühstückszeit angeben, Begrüßungssnack, Art der Zimmerreinigung, Gepäck wegbringen… Hilfe, was eine Hektik, total unjapanisch…), die Unterkunft gefällt uns sehr, sie hat etwas authentisches. Beim Betreten des Zimmers fühlen wir uns direkt an ein traditionelles Ryukan erinnert: Auch wenn der Boden hier aus Holz und Stein statt aus Tatami-Matten besteht, der Schlafraum liegt erhöht und an der Stufe ist es Pflicht, die Schuhe abzulegen (bzw. gegen Pantoffeln einzutauschen). In dieser Version mit normalem Bett total ok, nur auf die traditionelle Variante mit Schlafzeug direkt auf Tatami-Matten können wir inzwischen verzichten – allein bei dem Gedanken melden sich schon Rückenschmerzen…

Die Hitze schafft einen ganz schön und wir suchen mal wieder die Kühle eines Einkaufszentrums auf: Im Kanazawa Forus scannen wir die verschiedenen Shops, empfinden wie so oft hier Reizüberflutung (zu laut, zu blinkend usw.), kaufen wieder mal Kofferaufkleber bei B-Side Label und landen recht schnell, da inzwischen sehr hungrig, im Restaurantbereich, wo wir beim Abendessen mit Nudelsuppe und Dumplings den nächsten Tag planen. Oder sagen wir es besser anders: Wir überlegen uns, was wir uns gerne in Kanazawa anschauen würden. Was dann umsetzbar ist, müssen wir morgen sehen, denn auch hier sind ab der Nacht Gewitter und Regen gemeldet.

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