Für einen Wandertag der besonderen Art steht man am besten früh auf und stärkt sich ordentlich! Unser Tagesziel: Yamadera. Und da der Zug dorthin nur 1x pro Stunde fährt, behalten wir die Uhr im Auge, während wir im Starbucks vor der Sendai Station sitzen. Aber wenn Yuzu Tea und Matcha Latte (der beworbene Süßkartoffel-Karamell-Frappuccino hat uns nicht so überzeugt…) noch super heiß sind, hilft nur warten, pusten und die Menschen an der Kreuzung beobachten, die sich an der Ampel immer in ordentlichen Reihen aufstellen, um dann bei Grün wie in einer perfekten Choreografie versetzt zu den Reihen auf der Gegenseite die Straße zu überqueren. Kriegt man hier wahrscheinlich schon im Kindergarten vermittelt, sonst hätten das nicht alle so dermaßen verinnerlicht.


Wir sind so früh dran, dass die Putzkolonne um uns herumwischt, sich entschuldigt (wobei man sich hier ja ständig entschuldigt, auch wenn man nicht Schuld ist…) und auf unsre drei Brocken Japanisch hin mal wieder denkt, wir verstehen viel. Hilft nur freundlich lächeln und nicken – und entschuldigen sowieso.
Am Bahnhof nehmen wir die Senzan-Linie nach Yamagata. Als der Zug (leider nicht der hübsche Hybrid-Zug mit Manga-Design auf dem rechten Foto…) einfährt, ertönt eine Musikkulisse, als wäre direkt hinter uns eine Blaskapelle. (Passt gut zum musikalischen Auftakt heute Morgen im Hotel: Das hat „Bach“ zum Thema und jemand spielte an der Orgel, die die Kulisse der Rezeption bildet.) Wenige Halte nach Sendai sehen wir rechterhand aus dem Zugfenster eine riesige Statue einer buddhistischen Gottheit: Sendai Daikonnon, eine der zehn größten Statuen weltweit.


Rund 1 h Zugfahrt später sind wir vom Meer aus mitten in den Bergen und steigen in Yamadera aus. Schon vom Bahnsteig aus sieht man Teile der Tempelanlage, die heute unser Wanderziel ist: Yamadera (= Berg) Temple, offiziell eigentlich Risshaku-ji Temple. Aus dem Bahnhof heraus geht es über eine Brücke, die bereits eine schöne Aussicht bietet, danach rechts und kurze Zeit später beginnt linkerhand der Risshaku-ji Mountain Trail. Nachdem man die ersten Treppen überwunden hat, gelangt man zum ersten Tempel. Klarer Unterschied zu den Schreinen: „Nicht klatschen“-Schilder überall.



Aber wie bei den Schreinen gibt es natürlich Verkaufsstände und ich kaufe ein Ema-Täfelchen für meine Sammlung. Das wird auch der einzige Affe sein, den wir heute sehen, denn trotz der Warnschilder wird uns auf unserer Wanderung kein echter begegnen.
An der Seite des Weges stehen u. a. zahlreiche Kshitigarbha-Figuren, die roten Kappen und Lätzchen sollen das Böse und Krankheit abhalten. Schräg gegenüber steht die berühmte Matsuo Basho Statue: Dieser japanische Dichter, der die Versform Haiku praktizierte, war hier ebenfalls mal zu Besuch und so inspiriert, dass er es in sein berühmtestes Gedicht hat einfließen lassen. Ok, die Erwartungen hängen hoch.
Nach dem Eingangstor Yamamon bezahlen wir 300 Yen Gebühr, bewundern eine schläfrige Katze und ich kann natürlich mal wieder nicht widerstehen und erwerbe Omikujis in niedlichen Katzenformen (und hoffentlich positiven Sprüchen, aber das wird sich zuhause zeigen).
Danach geht es mit den Treppen erst so richtig los: Über mehr als 1.000 Stufen (angeblich exakt 1.015, wir haben nicht nachgezählt) steigt man hinauf zum Haupttempel. Etappenweise stehen Schilder, die einem den Zwischenstand mit den bewältigten und den verbleibenden Stufen verraten. Anfangs ist es im Wald zwar angenehm schattig, aber es ist irre warm und feucht. Keine 100 Stufen weiter läuft uns und den anderen nur so der Schweiß – gut, dass Japaner:innen im Sommer immer ihrer kleinen Tücher zum Abtupfen dabei haben, auf jedem Treppenabsatz wird gewischt und abgetrocknet. Rechts und links des Weges gibt es viel zu sehen: kleine Tempel, Statuen, Gebetsnischen, Bäume und Blumen. An der riesigen Felswand geht es in eine letzte Linkskurve und wir erreichen das beeindruckende Niomon Tor, das komplett aus Holz ist.
Danach ein letzter Aufstieg und wir sind auf der vorletzten Ebene mit dem Heisando Gebäude, das fast zu schweben scheint. Die Bäume haben sich gelichtet, wir drehen uns zum ersten Mal um und staunen: Was ein Ausblick über das Tal auf die bewaldeten Gipfel gegenüber! Über einen engen, steilen Treppenaufgang geht es auf die Aussichtsplattform Godaido, von wo man die Aussicht in voller Pracht genießen und erst mal durchatmen kann. Wow!





Von der Ebene mit dem Heisando führt eine letzte Treppe hoch zum Hauptgebäude. Es beherbergt einen großen Daibutsu/Buddha. Der Zugang ist nur mit Genehmigung möglich, Fotos sind nicht erlaubt, aber man darf durch die Betenden hindurch reinschauen. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass wir trotz gemütlichem Tempo und reichlich Fotostopps zügig vorangekommen sind: Für den Aufstieg sind unten 30 min. angegeben, wir haben nur etwas mehr als die Hälfte gebraucht, obwohl die Steigung mit gut 170 Höhenmetern auf kurzer Strecke ordentlich ist.


Hier oben brennt die Sonne und wir beginnen zügig den Abstieg hinunter in den etwas kühleren Schatten des Waldes. Am Eingangstor biegt man zum Ausgang rechterhand ab und wir entdecken die schlafende Katze von vorhin wieder, die nun am Tümpel rumschleicht und den Fischen dort auflauert.
Reichlich verschwitzt und kurz vorm Verdursten gönnen wir uns im Tsuki Café bei Ananas Soda und Cappuccino eine kleine Pause – und kaufen Kaffeebohnen für zuhause. Die Spieße mit Dango (Reismehlkugeln) sehen zwar super lecker aus, aber wir entscheiden uns für Zitronen-Mohn-Kuchen. Die eigentliche Spezialität dieser Region sind Kugeln aus der Konjaku-Wurzel, die es ebenfalls am Spieß überall hier zu kaufen gibt.


Da der nächste Zug nach Sendai erst in gut 1 h fährt, kehren wir kurz vorm Bahnhof in einem Soba-Restaurant ein, wo uns Gurkensalat mit Ingwer als kleiner Appetizer und dann Tempura Soba vorgesetzt werden. Oishii/lecker! Nur für das Kännchen mit dem Nudelwasser, mit dem man die restliche Soja-/Soba-Soße aufgießt und dann aus der Schale trinkt, bleibt heute leider keine Zeit mehr. Wir müssen los, der Zug ist hier ja pünktlich!
Zurück in Sendai will ich noch etwas von der Stadt sehen als gestern, obwohl von uns bewusst nur als Ausgangspunkt für Ausflüge ausgewählt. Die Hauptattraktionen (Anpanman-Vergnügungspark, Baseball-Stadion und Samurai-Historie) sprechen mich nicht wirklich an, aber die zahlreichen Tempel und Schreine. Bereits bei der Ankunft gestern fiel mir eine Pagode ins Auge, nur unweit von Bahnhof und Hotel: Sie gehört zum Kosho-ji Temple, dessen Anlage ich am späten Nachmittag verlassen vorfinde. Aber mein Glück: So kann ich in Ruhe über das kleine Gelände spazieren, das inmitten von Gebäuden und Wohnkomplexen liegt und mehrere Tempelgebäude, einen Glockenturm, einen Friedhof und Statuen beherbergt.



Zum Abschluss des Tages habe ich nur zwei Ziele: Als Abendessen nicht die lokale Spezialität genießen (Die Rinderzunge wird hier nicht als dünn geschnittene, zarte Wurst serviert, sondern in dicken Scheiben, wie ein weiches Steak.) und Shinkansen-Sitzplätze für die lange Zugfahrt morgen ergattern, denn es steht ein langes Wochenende mit Feiertag bevor und die Zugverbindungen sind teils ausgebucht.










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