Schon wieder wurden wir in aller Frühe wach, der nächtliche Schlaf war nicht so erholsam. Das lag zum einen am heftigen Gewitter, zum anderen am Taubengurren und Katzenjammer auf den Dächern von Como. Bei geschlossenen Fenstern war die Luft im Raum unerträglich, bei offnen Fenstern das Tierkonzert… Also zogen wir los Richtung Uferpromenade und wurden bzgl. Frühstück bei „Bliss“ fündig: keine „schöne“ Location im klassischen Café-Sinn, aber dafür mit ordentlichen (illy-)Kaffee-Spezialitäten, frischgepresstem O-Saft, Croissants und Apfelkuchen.
Auf dem Weg zum Bootsanleger stellten wir mal wieder fest, wie schwierig es hier ist, Straßen zu überqueren: Die Ampelphasen sind so kurz, dass man Sprints trainieren könnte und Zebrastreifen beeindrucken den Autoverkehr sowas von gar nicht, es hält kaum jemand an – nicht mal, wenn Leute einfach so losgehen. Irgendwann schafften wir es trotzdem auf die andere Seite zur Seepromenade. Wir kauften das Ticket mit der gefühlt größtmöglichen Freiheit: Für knapp 25 EUR kann man den ganzen Tag im südlichen Teil des Lago di Como, zwischen Como und Varenna, beliebig mit dem Boot hin und her fahren und aussteigen. Genau das, wonach uns heute der Sinn stand!
Denn das Wetter war wieder schwül und fast unerträglich und wir freuten uns auf eine erfrischende Seebrise während der Bootsfahrt. In der Zeit bis zur nächsten Abfahrt genossen wir den Blick auf die Bucht und die Life Electric-Skulptur von Libeskind zu Ehren Voltas, über uns kreisten die Wasserflugzeuge. Am Pier ging es multikulti zu, auch in Como selbst war uns schon aufgefallen, dass das Publikum hier wesentlich internationaler war als am Lago Maggiore.
Um 10 Uhr ging es los und das Boot tuckerte los Richtung Norden. Cernobbio als einer der ersten Halte war schon mal sehr bezaubernd anzusehen. Leider fing hier auch der George Clooney-Hype an. Wir hatten zwar keinen Audioguide, aber die US-Reisegruppe, die mit uns auf dem Boot war, fing dermaßen hektisch mit dem Fotografieren an und teilte ihre Begeisterung (und Infos) mit dem Rest des Boots, es war schwer zu ignorieren. Die Kerninfo: George Clooney geht während seiner Aufenthalte am Comer See meist in Harry’s Bar. Das alles war nur das Warm up für das, was kurze Zeit später passierte, als wir in Laglio hielten bzw. dort bei der Weiterfahrt George Clooneys Villa am Ufer passierten. Da ging Torno als Halt dazwischen leider etwas unter, dabei hatte es so einen Charme und wäre mehr Zeit wert gewesen.

Danach kehrte erst mal Touri-Ruhe ein, die meisten schliefen oder waren mit Selfies beschäftigt, wir genossen unterdessen in aller Ruhe die Aussicht und das tolle Landschaftskino. Zwischenzeitlich sah ich auf dem Sperrbildschirm eine Pushmeldung aufpoppen: Berlusconi war gestorben. In Argegno stiegen die meisten Wanderer aus. Kurz vor Lenno kam wieder Bewegung in die „Paparazzi-Touris“, passierten wir ja die Villa del Balbianello, was sowohl die James Bond- als auch die Star Wars-Fans zu Fotoshootings animierte. Die Bucht direkt danach hatte mit Tremezzina und Tremezzo weitere schöne Halte parat, es war wie im Fotoalbum. Beim Halt Villa Carlotta stieg der nächste Schwung aus, bevor wir Cadenabbia als Adenauers Lieblingsreiseziel ansteuerten und uns danach bereit machten für unser heutiges Hauptziel, den letzten Halt vor Varenna.
Nach insgesamt rund 2,5 h Bootsfahrt seit Como gingen wir zur Mittagszeit in Bellagio an Land. Wir, weil es uns aufgrund der Schönheit empfohlen wurde, halb Amerika und Asien, weil sie „Bellagio, the one and only real one“ sehen wollten. Aha. Wir sahen zu, dass wir zügig vom Pier wegkamen und steuerten in einer der Seitengassen die Trattoria la Lanterna an, um uns dort erst mal mit Lasagne zu stärken.

Danach spazierten wir zum Aussichtspunkt Punta di Spartivento und genossen dort, etwas ab vom Trubel der Altstadtgassen, den Blick auf den Comer See. Spätestens hier wird einem klar, warum Bellagio die „Perle des Lario“ genannt wird, denn hier steht man an der Spitze der Halbinsel bzw. des Lariano-Dreiecks, die/das die beiden südlichen Seearme des Comer Sees nach Como und Lecco teilt. Die Aussicht hier ist wirklich besonders: das Blau des Sees, das ruhige Plätschern der Wellen und die hohen Bergwände ringsum.

Die Hitze und Schwüle wurde langsam unerträglich (im Juni – wie bitte hält man das hier erst in der Hauptsaison bei über 30 Grad aus?!) und wir schlenderten wieder zurück in den Schatten der Altstadt, durch die engen Gassen hindurch, die einerseits einen besonderen Charme versprühten, andererseits vor Touri-Angebot strotzten. Wer sich am Bootssteg von Como noch keinen Strohhut hatte andrehen lassen, der bekam hier einen aufgeschwatzt. Ergänzend Handtaschen, Seidentücher, Häkelkleider und Salamistangen.

Wir spazierten lieber noch ein Stück weiter Richtung Süden durch den Park und am Seeufer entlang, kapitulierten aufgrund der Hitze jedoch recht schnell und setzten uns in ein Café, um bei kühler Limonata und überzuckerten Cannoli mit Vanille-Füllung den Kreislauf wieder etwas zu entspannen.

Früher als geplant entschieden wir uns, wieder ein Boot Richtung Como zu nehmen. Ursprünglich hatten wir überlegt, das Ergänzungsticket für das Schnellboot, das nur ca. 1 h bis Como brauchte, zu kaufen, aber die Bootsfahrt mit Brise war so angenehm, dass wir auch für die Rückfahrt wieder die normale Bootsvariante wählten.

Leider wurden südwärts nicht alle Orte angesteuert, sodass wir Torno nicht nochmal zu Gesicht bekamen und die Fahrt „nur“ 2 h dauerte. Aber ich will nicht meckern: Als wir in Como von Bord gingen, hatten wir immerhin 4,5 h Bootsvergnügen für diesen Tag hinter uns.

So viel Landschaftskino und Seeluft macht hungrig und wir steuerten zügig das Restaurant an, das wir von unterwegs online reserviert hatten: Im Soho verbrachten wir einen super netten, pasta- und pizzafreien Abend bei Edamame, Seafood-Tatar und Sushi. Snow Roll und Crunchy Roll waren schon wahnsinnig lecker, aber die Lobster Roll toppte alles.




Das Personal war sehr zuvorkommend und liebenswert und wir blieben nicht nur wegen des heftigen Gewitters und sintflutartigen Regens, der draußen niederging, freiwillig noch eine Weile länger sitzen und genossen Wein und Motchi-Eis zum Dessert…

Im Verlauf des Abends wurde das Wetter leider nicht besser, im Gegenteil und die Pfütze vorm Restaurant nur noch größer, sodass wir irgendwann kapitulierten und quasi zur Unterkunft zurückschwammen – wie passend nach diesem Tag auf dem Wasser! Wieder mal waren wir völlig erschöpft: Das Wetter hier mit der ständigen Gewitter-Schwüle tat sein übriges, aber nun ja, Dolcefarniente – angenehmes Nichtstun – kann auch seeeehr anstrengend sein!