Inselhopping

Der Morgen in Miyajima beginnt wie auch am Vortag: mit dem Brummen der Austernfischer-Kutter, der hungrigen Reh-Karawane im Vorgarten und dem Krautsalat mit Würstchen zum Frühstück. Heute hat der Krautsalat auch noch Augen, die mich anstarren: kleine gläserne Fischchen. Gewöhnungsbedürftig. Flexibilität und Reise-Erlebnisse hin oder her, aber so ein Nutella-Brot zum Frühstück, das wär jetzt echt was feines… Gibt’s aber nicht. Dafür wunderbare Aussicht aufs Wasser und nach reiflichem Überlegen als Souvenir den Kauf eines Secondhand-Kimonos für zuhause.

Mit gepackten Koffern geht’s zum Check out und zum Shuttle Bus. Zimmerschlüssel gegen Schuhe bzw. Hausschuhe gegen Straßenschuhe. Der Shuttle Bus fährt um Punkt halb ab, so zumindest der Plan. Ab fünf Minuten davor schaut der Fahrer nervös auf die Uhr, um 9:29 Uhr schließen die Türen und es geht los. Als Fan der akademischen Viertelstunde treibt mich diese Überpünktlichkeit hier manchmal echt in den Wahnsinn. Die halbe Crew von der Rezeption steht vorm Gebäude, dienert und winkt uns nach. Wir lächeln, danken und dienern in Endlosschleife.

Am Miyajima Pier ist einiges los, aus dem Terminal strömen Menschenmengen. Stimmt, heute ist ja Samstag, tolles Wetter und die Seilbahn ist wieder in Betrieb. Gut, dass wir die Insel verlassen, perfektes Timing. Auf der kurzen Überfahrt mit der Fähre genießen wir ein letztes Mal die Aussicht auf den Mount Misen und das große rote Torii. Eine wunderschöne Kulisse.

Vom Bahnhof Miyajimaguchi geht es mit der Regionalbahn zurück nach Hiroshima. Nur rund 30 Minuten Fahrt, aber mein Mitreisender pennt ein. O-Ton danach: „Ich bin schon ein bisschen wie die Japaner, ich schlafe überall ein.“ Die schlafen tatsächlich ständig und überall, ob im Zug, auf Mauern und Bänken (nein, ich spreche nicht von Obdachlosen), aber in den Öffis kann es durchaus an den Temperaturen liegen, denn man wird hier dermaßen von der Heizung unter den Sitzbänken gebraten, dass mir jedes Mal ganz dösig zumute wird. Gut, dass wir schon wieder aus- und umsteigen müssen.

Einen Aufenthalt in Hiroshima haben wir dieses Mal gespart, gehört aber aus unserer Sicht im Rahmen eines Japan-Besuchs unbedingt dazu: Den Friedenspark sollte man mal gesehen haben. In Ermahnung dessen, dass Geschichte sich hoffentlich nicht wiederholt.

Wir nehmen den nächsten Shinkansen (wieder mal ein Sakura Superexpress) nach Okayama, wo wir in einen Marine Liner umsteigen. Wir haben eine gute halbe Stunde Puffer bis zur Abfahrt und essen im Wartebereich entspannt unser Mittagspicknick. Auf dem Bahnsteig stehen die Leute schon geduldig auf der Markierung entlang an und das, obwohl der Zug noch nicht mal eingefahren ist oder auf der Anzeige angekündigt wird. Unglaublich. Wobei die Markierungen auf dem Boden und an den Shinkansen-Schranken schon was tolles sind, was ich mir auch zuhause wünschen würde, denn sie zeigen die Wagenreihung, -nummern etc. sowie vor allem die Position der Zugtüren exakt an, was echt sehr hilfreich ist. Kein Wagenreihungs- und Anzeigenchaos wie bei der DB…

Ich bin gespannt auf die nächste Zugfahrt, denn bisher sind wir in Japan nur Shinkansen und Regionalbahn gefahren. Der Marine Liner ist in der 1. Klasse unseres Zuges zweistöckig und die 2er-Sitze können komplett um die eigene Achse gedreht werden, sodass sie jeweils immer in Fahrtrichtung ausgerichtet werden, wie wir im Bahnhof beobachten können. Über die Seto-Brücke geht es von der Hauptinsel Honshu auf die Shikoku-Insel, wo wir bislang noch nicht waren. Nach rund einer Dreiviertelstunde erreichen wir Takamatsu, den Endbahnhof unserer Zugverbindung.

Der Fußweg zur Unterkunft ist etwas weit und Uber gibt es hier laut App (noch) nicht. Also nehmen wir ein Taxi, hier in Japan innen immer schön mit weißen Häkeldeckchen dekoriert, die Fahrer mit weißen Handschuhen. Dieses Exemplar hier hat grünen Kunstrasen im Fußraum, auch interessant.

Das Hotelzimmer entpuppt sich dieses Mal als halbes Apartment, mit Küchenzeile und Waschmaschine. Wir haben dennoch nicht vor zu kochen und machen uns am späten Nachmittag auf Erkundungstour in der Nachbarschaft. Ein paar Blöcke weiter finden wir einen Supermarkt mit dem verlockenden Namen „Mumie“, wo wir erst mal das Sortiment inspizieren (ich liebe Supermarkt-Besuche im Ausland…) und uns mit Snacks und Getränken eindecken.

Auf dem Rückweg müssen wir leider – wie auch schon auf Miyajima – feststellen, dass hier um 18 Uhr quasi die Bürgersteige hochklappen und (fast) alles schließt: Der Blumenladen hat zwar noch die komplette Auslage draußen vorm Schaufenster, aber die Jalousien runter und das Restaurant, das wir uns fürs Abendessen eigentlich ausgeguckt hatten und das eben noch gut besucht war, ist keine halbe Stunde später geschlossen. Mit etwas Google-Suche finden wir ein paar Seitenstraßen weiter eine Location, die noch geöffnet hat. „Café Smiley“ ist laut Aushängeschild „Open“, drinnen hängt der Union Jack an der Wand und Elvis dudelt „Let’s have a party“. Problem: Der Boss spricht kein Wort Englisch. Wenn das so weitergeht, reise ich mit Japanisch-Sprachlevel A1 zurück. Mit einem Mix aus Kreidetafel, Fotos seines Instagram-Accounts und Pantomime erklärt er uns, dass es nur ein Menü gibt. Passt, nehmen wir. Als wir uns setzen, folgen eine Salve Japanisch, heftiges Gestikulieren und entsetzte Mimik. Nun sind wir dran mit Pantomime: Wir müssen ihm klarmachen, dass wir nicht vorhaben, die Getränke und Kekse, die wir im Supermarkt gekauft haben (und die er aufgrund der durchsichtigen Tüten sieht), hier in seinem Restaurant zu verspeisen. Nachdem wir eine Flasche Bier aus seinem Kühlschrank vor uns haben, entspannt sich die Lage und er macht sich ans Kochen. Weitere Kundschaft kommt und prostet uns vom Tresen her zu. Irgendwie hat das hier was von einem Saloon.

Schließlich kommt das Essen. Rach, der Restauranttester wäre stolz: Mach nur ein Gericht (bzw. ne sehr kleine Karte), aber mach das so richtig gut. Es gibt würzige Kartoffelspalten und knusprig frittiertes Hähnchen, begraben unter einer verdammt leckeren Soße, dazu – um die Klammer dieses Tages zu schließen – Krautsalat. Seit einer Woche in Japan und ich freue mich wirklich sehr, mal einen Tag ohne Fisch bzw. Meeresfrüchte einzulegen, insbesondere nach der Dosis an Austern auf Miyajima…

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