Wie, schon wieder Urlaub? Diese Frage habe ich oft gehört, als ich in den letzten Monaten im Rahmen meines Sabbaticals unterwegs war. Und habe sie jedes Mal verneint, mal geduldig, mal verärgert. Urlaub? Definitiv nicht. Auf Reisen.
Kurz bevor es losging, schenkte mir eine Freundin zum Abschied ein Buch: „Vom Glück unterwegs zu sein“ von Christian Schüle. Gibt es eine passendere Reiselektüre? Wohl kaum. Dieses Buch hat mir einige gute Denkanstöße zur Schule des Reisens geliefert und mich in vielen meiner Reise-Gedanken bestätigt.
Per Flieger, Zug und Schiff war ich unterwegs, mal in Begleitung, mal alleine. Vieles habe ich vorher geplant, oft habe ich mich einfach nur treiben lassen. Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Altes und Neues entdeckt und gemerkt, was mir im beruflichen Alltagstrott bei mir und meinem Umfeld gefehlt hat: dass man seine heimische Komfortzone und seinen eigenen Kosmos verlässt, dass man die Perspektive wechselt und anders auf die eigenen Dinge schaut. Dass man sich selbst nicht so bzw. zu wichtig nimmt, weil man realisiert, dass die eigenen Probleme im Vergleich zu anderen gar nicht so sind wie sie scheinen. Dass man Prioritäten verändert, sich selbst neu kalibriert.
Was macht das Reisen mit uns? Egal wohin wir reisen, es ist ja doch immer unter der selben Sonne, dem selben Mond. Und doch scheinen sie überall auf der Welt anders. Der Kontext macht’s. Auf Reisen erfährt man, dass die bloße Lektüre von Reiseführern, Online- und TV-Content oder gar wikipedia-Artikeln nicht ausreicht, um ein Land zu begreifen. Letztlich ist die mediale Vermittlung eine Täuschung. Besonders stark war diese Erkenntnis für mich in Israel. Die kurze Zeit im Land und der Besuch der Westbank haben mir gezeigt, wie klein und täuschend der Ausschnitt ist, den die Medien uns von diesem Land vermitteln.
Eins der unbezahlbaren Geschenke des Reisens ist, dass man einfach nur anwesend sein und beobachten kann und dadurch viel (inter-)kulturelles erfahren darf. Live-TV der anderen Dimension sozusagen. Dabei lernt man unglaublich, weiß danach mehr und weiß vor allem, dass es nichts gibt, was es nicht gibt. So reflektiert man auf Reisen auch die eigenen vier Wände, seine Heimat, setzt sich überhaupt mit diesem Gedanken mal intensiv auseinander. Wer erst gar nicht reist, sich nicht woanders hinbewegt, der muss das nicht tun. Reisen lehrt Toleranz und Demut, weist Arroganz und Kleingeistigkeit in die Schranken und zeigt, dass oft Nebensächlichkeiten und kleine Details die großen Momente und Reise-Erinnerungen sind, die bleiben.
Reisen ist (zumindest für mich) nicht unbedingt gleichbedeutend mit Exotik und Action hoch drei (wobei die Dosis von beidem unterwegs ungeplant hoch sein kann…), aber natürlich bedeutet es, seine Komfortzone zu verlassen. Das ist anstrengend, aber es lohnt sich. Und so bin ich am Ende jeder Reise immer traurig und froh zugleich über die Heimkehr zurück ins Vertraute, im Gepäck Reichtum an Erfahrungen.
Reisen bedeutet, dass das Leben etwas aus den Fugen gerät, (noch mehr als sonst) nicht völlig kontrolliert werden kann. Unterwegs muss ich akzeptieren, dass nicht alles planbar ist, den Zufall umarmen. Was mir als kleiner Planungsfreak durchaus schwerfällt… Auf Reisen ist Zeit relativ, es gibt für alles einen Grund, aber keine Notwendigkeit. Und vor allem gibt es immer Alternativen. Und da gibt es dieses schöne angestaubt klingende Wort:
Serendipität.
Das Glück des Unverhofften.
Etwas finden, ohne es gesucht zu haben.
Das ist Reisen.

„Die Reise selbst ist die Investition, ihre Rendite die lebenslange Erinnerung an sie.“
(Christian Schüle, „Vom Glück unterwegs zu sein“, Siedler, 2022)