Norwegisches Spektrum

Knapp 500 km, über 180 Tunnel und bis rauf auf über 1.200 m. Einmal quer durch Norwegen und einmal quer durch das komplette Spektrum der norwegischen Natur. Die „Wunderwaffe“ heißt Bergensbane(n), eine Zugstrecke zwischen Oslo und Bergen, die genau das alles bietet. In Büchern und Reiseführern als eine der landschaftlich schönsten Bahnstrecken Europas angepriesen und ich finde, das ist ausnahmsweise mal keine Marketing-Lüge.

Los geht’s anfangs noch relativ unspektakulär. Fjord-Sicht, langsam aus Oslo raus, aber noch nichts, was aus den Socken haut. Interessant wird’s dann vor allem im zweiten Drittel, nach dem Halt in Geilo. Natur, so weit der Blick reicht. Die Bahn klettert höher und höher, mein Blick auf die Wetter-App zeigt mir, dass die Temperatur draußen unterdessen tiefer und tiefer fällt. In der Bahn bekommt man von letzterem wenig mit. Im Gegenteil, hinter dem Panoramafenster brate ich in der Sonne. Die Mitreisende vor mir will zunächst lieber das Sonnenrollo runterziehen, aber sorry, wir sind ja hier „because of the view“ und nicht weil wir „shadow“ wollen. 😉 Sieht sie dann auch selbst ein, dass das ne Schnapsidee war und zusammen kämpfen wir, bis wir das Rollo-Teil wieder oben in der Box und freie Sicht haben.

Wir gleiten dahin, das Landschaftskino läuft. (Halte-)Pausen gibt’s selten, der Zug rollt und rollt. Die Landschaft wird karger und karger, wir sind oberhalb der Baumgrenze, langsam sieht man die ersten Schneefelder. Die Bergensbane ist schließlich „eine der höchstgelegenen Hauptbahnen Europas“. Wenn wir schon bei Superlativen sind: Der interessanteste Part der Strecke ist der Mittelteil, die Fahrt durch die Hardangervidda, die größte Hochebene Europas. Und weiter geht’s mit Superlativen: Im Finsetunnel, mit über 10 km der längste Tunnel auf der Route, erreichen wir auch den höchsten Part der Route, bei etwas über 1.200 Metern.

Fährt man nicht gerade durch einen der vielen Tunnel, ist die Sicht atemberaubend und Unterhaltung pur. Auf der Hardangervidda ist es wie auf eine anderen Planeten -und das nicht nur, weil die Szenerie für die Star Wars-Dreharbeiten als Eisplanet Hoth herhalten musste. 😉 Wir rumpeln durch Geröll und Felsen, durch Wiesen und Sumpflandschaften und vorbei an Wasser, das mal so klar ist wie ein Spiegel, mal wie flüssiges Gold in der Sonne glitzert. Bei dieser Fahrt ist die Landschaft der Star. Mehr sieht man (fast) nicht und mehr braucht es auch nicht. Hin und wieder tummeln sich auf den Wiesen ein paar Schafe und gelegentlich sieht man ein paar Radtouristen, die auf dem Rallarvegen unterwegs sind, der teils parallel zur Zugstrecke verläuft.

Unterwegs gibt’s nur vereinzelt Zu- und Ausstiege, die meisten Passagiere fahren die komplette Strecke. Bewegung kommt vor allem am Bahnhof Myrdal rein: Hier steigen einige in die Flåmsbana um, ebenfalls eine bemerkenswerte Bahnstrecke, da mit 5,5 % Gefälle die steilste Normalspurbahn ihn Europa. Kurz bevor wir den Bahnhof erreichen, kommt die freundliche Durchsage des Zugpersonals, dass man rechts aus dem Fenster einen kurzen Blick runter ins Flåmstal erhaschen kann. Eine kleine Kostprobe, für mehr muss man wohl wiederkommen.

Spricht man mit Einheimischen, sind die bzgl. Bergensbane vor allem stolz auf die technische Meisterleistung. Verständlich, wenn man sich mal die Fakten anschaut: Neben den vielen Lawinenschutzbauten mussten über 180 Tunnel gebaut werden, außerdem führen die Gleise über mehr als 300 Brücken. Luftlinie ist die Strecke zwischen Oslo und Bergen gar nicht mal so lang, nämlich mit knapp 300 km gut 200 km kürzer als die Zugstrecke, aber irgendwie muss man ja die vielen Fjorde, Berge, Schluchten etc. „umschiffen“.

Unterwegs auf der Fahrt sammeln wir zwischenzeitlich eine halbe Stunde Verspätung an, die zum Ende hin wieder auf unter 20 Minuten Verspätung schrumpft. Leider. Denn bei der Ankunft im wunderschönen Jugendstilbahnhof von Bergen ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass ich überhaupt nicht traurig gewesen wäre, noch etwas länger auf dieser Fahrt unterwegs gewesen zu sein. Wer für diese Strecke keine Zeit mitbringt, der ist hier fehl am Platz. Denn das ist es, was Reisen ausmacht: der Weg, nicht das Ankommen.

Zugreise-Inspiration:

Lonely Planet – Legendäre Zugreisen

Kunth Verlag – Reisen auf Schienen

Monisha Rajesh – In 80 Zügen um die Welt

Der Passagier: Magazin über das Zugreisen

Gut zu wissen:

  • Früh buchen lohnt sich (über www.vy.no). Man bekommt zwar meist auch noch kurzfristig Tickets, dann aber zum höheren / doppelten Preis. (In meinem Fall: Reisedatum Anfang September. Anfang August gebucht für ca. 55 EUR, am Tag vor Abfahrt hätte ich 95 EUR gezahlt.)
  • Auf der Fahrt von Oslo nach Bergen sitzt man am besten in Fahrtrichtung links. Das mag im ersten Drittel der Fahrt vielleicht noch etwas nachteilig erscheinen, in der Hochebene, hinter Geilo, wenn es wirklich interessant wird, hat man aber so die beste Aussicht.
  • Es gibt ein Bordbistro. Bei gut 6-7 h Fahrt spricht dennoch nichts dagegen, sich vorher am Bahnhof schon mit Verpflegung wie z. B. Kanelknute einzudecken.
  • Wlan gibt’s auch, aber nun ja, es hakt hie und da.
  • Es gibt an Bord ausreichend Platz, um auch größeres Gepäck zu verstauen. Mit Blick auf größere Koffer, Kinderwägen etc. sollte man aber bedenken, dass die Einstiege nicht barrierefrei sind. Die Stufen sind recht steil, was das Ein- und Aussteigen nicht unbedingt arg erleichtert, im Gegenteil.
  • Bzgl. sanitärer Anlagen sollte man sich auch bei diesem Zug-WC keinen Illusionen hingeben. Aber mit etwas Sterillium geht’s und aus dem Hahn am Waschbecken kommt sogar warmes Wasser.

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