Dieser Bericht liegt schon etwas länger als Entwurf auf meinem Laptop, aber manchmal muss man erst mehrfach hingereist sein, um etwas in Wort fassen zu können… Doch wie kam es? Den Norden / Skandinavien hatten wir schon ausgiebig bereist, so stellte sich irgendwann die Frage, was mit dem Göteborg-Besuch bei unseren Freunden kombinierbar wäre. Baltics sagten meine Kollegen aus Tallinn und Vilnius, unbedingt Baltics!
Gesagt, getan, Baltikum kam auf die Reiseliste. Wir entschieden uns bei mehreren Gelegenheiten fürs langsame Reisen und setzten per Nachtfähre von Stockholm nach Helsinki bzw. Riga über, zwischen Helsinki und Tallinn nutzten wir ebenfalls die Fähre und von Riga nach Vilnius fuhren wir in einem bequemen Bus. Diese Art des Reisens bot uns nicht nur grandioses Landschaftskino, sondern auch tiefe Einblicke in Kultur, Menschen, Europa… Denn Dank der Preisdifferenzen bzw. unterschiedlichen Besteuerung passiert auf der Fähre zwischen Helsinki und Tallinn genau das, was wir bereits auf der Fähre zwischen Oslo und Kiel erlebt hatten: an der Bordbar wird erschwinglicher Alkohol genossen und im Shop gekauft, was das Zeug hält. So ziemlich jeder (außer den Touris wie uns) hat Sackkarren-ähnliche Konstrukte dabei, um sich dann in Tallinn palettenweise mit alkoholhaltigen Getränken einzudecken. Abends auf der Rückfahrt nach Helsinki kämpft man sich dann schwer beladen an Bord, so mancher kämpft auch mit seinem Alkoholpegel.
Tallinn zeigt ebenso wie Riga und Vilnius den Wandel der Zeit: städtebaulich werden die Sowjet-Spuren nach und nach beseitigt, man richtet sich westeuropäisch aus und auch der Einfluss Skandinaviens ist gesellschaftlich zu spüren. Was bleibt, sind die bildhübschen russisch-orthodoxen Gotteshäuser in der Altstadt, die regelmäßig von Touri-Gruppen geflutet wird, wenn mal wieder ein Kreuzfahrtschiff anlegt, dessen Passagiere den zeitlich beschränkten Landgang nutzen, um die Liste der Sehenswürdigkeiten abzuarbeiten. Abseits der Altstadt bleibt man davor glücklicherweise soweit verschont und kann in Ruhe das kulinarische Angebot Tallinns genießen: dunkles Roggenbrot, Craft Beer, Kaffee und und und… Die simpelsten Lebensmittel sind manchmal die intensivsten und köstlichsten.
Die wechselhafte Geschichte hat auch in Riga ihre Spuren hinterlassen und man merkt, dass die Letten noch nicht lange Herren über ihr eigenes Schicksal sind. In den Straßen hört man viel Russisch, immerhin stellen Russen, Ukrainer und Weißrussen rund 40% der Rigaer Bevölkerung und gaben früher den Ton an -heute sind es die Letten. Das sorgt für Konflikte. Im Restaurant waren wir ungewollt Zeuge eines solchen Konfliktes, der mir bis heute nicht aus dem Kopf gehen mag. Russische Rigaer beschwerten sich äußerst arrogant und ungezogen bei der Küchenmannschaft über das Essensangebot: bei der „neumodischen lettischen Küche“ fehlte aus ihrer Sicht das Fleisch auf der Karte. Polternd und schimpfend verließen sie das Restaurant. Da beide Seiten oft nicht die Sprache des anderen sprechen, werden die Konflikte in bruchstückhaftem Englisch ausgetragen, sodass man als Tourist kaum vermeiden kann, diese mitzukriegen. So haben wir Riga trotz seiner Schönheit als irgendwie zerrissen wahrgenommen, auf der Suche nach Identität und auf dem Weg in die Moderne.
Mit Blick auf die Geschichte tut sich hier einiges, man hat sich nicht unterkriegen lassen und versucht den wirtschaftlichen Rückstand gegenüber Westeuropa aufzuholen. Die Altstadt ist gut erhalten bzw. renoviert und gleicht einem Architekturmuseum. Jugendstil lässt grüßen! Wenn man sich so durch die Straßen und Gassen treiben lässt, steht man irgendwann auch vor den Bremer Stadtmusikanten, ja genau, richtig gelesen. Unbedingt anschauen sollte man sich nach all dem Jugendstil auch die Bibliothek, ein gigantischer Bücherschrein-Neubau.
Wem das alles gleich zu viele Eindrücke sind, sollte anders starten, um Riga von mehreren Seiten kennenzulernen: mit einer Bootsrundfahrt ausgehend vom Park am Stadtkanal. Ein paar Meter weiter kann man dann gleich auch noch Milda grüßen, wie die Dame auf dem Freiheitsdenkmal genannt wird und die über alles zu wachen scheint. Dahinter thront eine weitere imposante Sehenswürdigkeit: die Christi-Geburt-Kathedrale mit ihren glänzenden goldenen Kuppeln. Wer es nicht mit religiösen Gebäuden hat geht gleich weiter zum Hotel dahinter und fährt hinauf in die Bar, dort vom 26. Stock aus hat man eine grandiose Aussicht auf Riga. (Und ja, ebendieses Hotel ist Schauplatz in Mankells Wallander-Roman…)
Am authentischsten zeigte sich Riga für uns in den Zeppelinhallen: der Zentralmarkt mit all seinem Angebot und seinen Besuchern ist beeindruckend. Von Heilkräutern bis zu Unterwäsche, von Gemüse bis Fisch (der bisweilen so frisch ist, dass er noch ausgiebig zuckt…) findet man hier so ziemlich alles. Allein die Anzahl der präsentierten Beerenarten ist sehenswert. Ob man unbedingt „Black Balsam“, Souvenir Nr. 1 in Riga, mit im Gepäck nach Hause nehmen muss, sei dahingestellt.
Vilnius hat diesen Wandel und diese Zerrissenheit dagegen gefühlt schon hinter sich gelassen. Jung, dynamisch, modern und international wirkte diese Stadt auf uns, nicht zuletzt auch wegen der vielen Studenten aus aller Welt. Genauso unzählig und vielfältig wirkten die Gotteshäuser: an jeder Ecke scheinen sich Synagogen, russisch-orthodoxe Bauten, Kirchen usw. abzuwechseln. Selbst das letzte noch erhaltene Stadttor (Ausros-Tor) beheimatet eine Kapelle mit weithin sichtbarem Muttergottes-Bildnis. Um da den Überblick zu behalten lohnt ein Gesamtblick auf die Stadt: entweder man nimmt die Strapazen auf sich und erklimmt den Hügel mit dem Gediminas-Turm (als wir da waren, war die Standseilbahn gerade außer Betrieb…) oder den gegenüberliegenden Drei-Kreuze-Berg, oder aber man wählt den bequemen Weg und nutzt (ähnlich wie in Riga) im Radisson Blu-Hotel den Aufzug hoch in die Sky Bar, um dort bequem und Cocktail schlürfend die Aussicht auf die Stadt zu genießen.
Neben Universität und Wochenmarkt ist z.B. „Open Kitchen“ im Sommer ein idealer Ort, um die Atmosphäre dieser tollen Stadt aufzusagen. In Strandstühlen oder auf Picknickbänken kann man hier in Ruhe beobachten, ins Gespräch kommen und -ganz wichtig- sich durch die tollen Spezialitäten der Essensstände futtern. Würde die Stadt nicht so viel spannendes bieten, ich hätte jeden Tag nur dort verbringen können…
Meine Tipps, kurz und knapp:
Tallinn/Estland:
Leib Resto ja Aed – ein Duo aus Küchenchef und Sommelier tischt kräftiges Brot, süffiges Craft Beer, lokales Essen/Lebensmittel auf hohem Niveau auf; allein deswegen würde ich wieder nach Tallinn reisen…
Klaus Kohvik – weit mehr als leckerer Kaffee…
Uba ja Humal – Bier-Paradies
Riga/Lettland:
Restorans 3 – modern-europäische Küche, japanische Anleihen, teilweise experimentell, ein tolles kulinarisches Erlebnis!
Restorans Forest – modern-europäische Küche, sehr lecker
Muusu – gehört zu den besten Küchen Rigas
Bang Bang Shop & Coffee
Restaurant Domini Canes – direkt an Johanniskirche und Petrikirche, internationale Küche, guter Wein, gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
Kuuka Kafe
allgemeine Tipps & Veranstaltungen: LiveRiga
Vilnius/Litauen:
Open Kitchen Vilnius – Tolles Streetfood-Angebot während der Sommer-Saison, bzgl. Öffnungszeiten und Angebote Facebook-Seite konsultieren
Sweet Root – White Guide Empfehlung 2018. Moderne litauische Küche mit Neuinterpretationen von alten Rezepten; Achtung: festes Menü mit/ohne Weinbegleitung, nicht geeignet für Menschen mit Einschränkungen bzgl. Zutaten; Vorreservierung empfohlen. Wer keinen Tisch mehr erwischt oder sein Budget sparen will: Sweet Root ist auch Teil von Open Kitchen Vilnius.
Gaspar’s – White Guide Empfehlung 2018
Sky Bar, Radisson Blu
Ali Sokoladiné – leckerste Auswahl an Desserts, Schoki usw., mehrere Filialen
StrangeLove – in Uzupis, sehr leckerer Kaffee

















