Keine 48h ist es her, dass ich meinen ersten Ultramarathon gefinisht habe. Auch wenn ich mich vorbereitet und mit dem Gedanken befasst habe, ist es noch total unwirklich und ich kann es gar nicht fassen, was mein Körper und Kopf da geleistet haben. Ultrafinisher, ultrastolz, ultramüde…
Doch zum Anfang: wie bin ich überhaupt auf diese Idee gekommen? Nun, Winter und Frühjahr waren lauftechnisch gut und bis zum Marathon-Herbst war da irgendwie ein Loch, ich brauchte eine Herausforderung. Erst dachte ich an sowas „harmloses“ wie einen weiteren Halbmarathon oder Marathon. Und dann sah ich auf Facebook diese Veranstaltung: Ultimativer Saar Ultra. Die kleinere von zwei Ultradistanzen (65 und 111km) schien mir möglich und von da an ließ mich der Gedanke nicht mehr los. Doch ich schob die Entscheidung erst mal bis nach dem Göteborgsvarvet (Halbmarathon) auf, verschlang einiges an Literatur (Beck’s Bibel zum Ultramarathon, einige verrückte Laufberichte und einiges aus dem Bereich Mentaltraining) und kontaktierte eine Bekannte, die im Ultrabereich schon etwas Erfahrung hat, um sie mit Fragen zu löchern. Nach Urlaub, Lektüre und Erfahrungsaustausch war dann ziemlich schnell klar: ich meld mich an und zieh das Ding durch!
Ab da galt es ohnehin, nur noch positiv zu denken, an sich zu glauben und fokussiert auf das Ziel hinzuarbeiten. Irgendwie habe ich es so auch geschafft, kaum Zweifel zum Projekt aufkommen zu lassen. Dafür wuchs der Respekt mit jedem langen Lauf… Zweifel hatte ich gelegentlich wegen der Vorbereitung: mir blieben nur sechs Wochen für spezifisches Training, der Rest musste auf dem Marathontraining für Madrid und die Halbmarathon-Läufe der vorherigen Wochen aufbauen. Das bedeutete im Wesentlichen, dass ich nicht so viele Wochen mit Ü60-Gesamtkilometern sowie Ü30km-Läufen vorweisen konnte, wie der Plan gerne gesehen hätte. Aber egal, es gibt keinen Weg mehr zurück, sagte mein Kopf.
Sonst fühlte sich das Training fast so an wie die Marathonvorbereitung, nur mit mehr Kilometern. Und die machten müde und hungrig. Dieses Mehr an Trainieren, Schlafen und Essen zusätzlich zum „normalen Leben“ mit Job & Co war ein echter Balanceakt (das ganze Durchplanen nervte mich teils gewaltig…). Ansonsten war da die Ausrüstungsfrage: für mind. 4h Laufen in der Dunkelheit musste eine bessere Stirnlampe her, meine gut sechs Jahre alte Laufuhr würde die gut 7,5-8,5h auf der Strecke auch nicht mehr mitmachen und wie transportiere ich überhaupt Verpflegung ohne mir einen Wanderrucksack aufzubürden (der Lauf findet in Semi-Autonomie statt, Verpflegung erwartete mich nur bei km30 und 52)… Und dann war da noch die Liste der Pflichtausrüstung, die der Veranstalter vorgibt (u.a. blinkendes rotes Rücklicht).
Schließlich war es so weit: Freitagabend gegen 23:40 Uhr bestieg eine Gruppe „positiv Bekloppter“ (stand in irgendeinem Laufbuch und ich mag den Ausdruck sehr!) die letzte Saarbahn von Saarbrücken nach Saargemünd/Frankreich. Als sich um 0:10 Uhr die Türen öffneten, ging es los! Anfangs noch in Kleingruppen splitteten sich die 30 Starter (darunter nur wenige Frauen) relativ schnell auf: zu unterschiedlich war die Pace. Meine Lauf-Bekannte verlor ich relativ schnell, wir sollten uns erst rund 2,5h später wieder treffen. Die ersten Kilometer wurden von Dunkelheit und Stille dominiert, ein völlig neues Laufgefühl für mich. Ich hatte keine große Lust, diesen Part ganz alleine zu laufen und klemmte mich an einen anderen Läufer, der jedoch für meine Verhältnisse viel zu schnell unterwegs war (5:50-6:10 war alles andere als meine angestrebte Ultra-Pace!). Bei km20-21 tauchten endlich die Lichter Saarbrückens auf, ich wechselte in meinen eigenen Laufrhythmus und ließ den anderen Läufer (der die 111km finishte) ziehen.
Bei km30 wartete die erste Verpflegungsstation, wo es ein herrliches Buffet gab: Melone, Äpfel, Salzbrezeln, Bananenbrot, Kaffee, Cola usw. Ich nahm mir einige Minuten Pause vom Laufen, um mit den anderen eintrudelnden Läufern dort zu essen -nur für die Wurst- und Käseplatte hatte ich so gar keinen Appetit ;-). Mir wurde in den verschwitzten Sachen plötzlich kalt und ich lief lieber zügig weiter, immerhin war schon fast die Hälfte geschafft! Nur wenige Kilometer später wartete eine gute (Lauf-)Freundin mit viel Verständnis für mein positiv beklopptes Projekt, um etwas mehr als das letzte Drittel gemeinsam mit mir zurückzulegen. Das war einer der wichtigen Meilensteine, ich hatte mir die Gesamtstrecke à la Salami-Taktik gedanklich in viele kleine Parts aufgeteilt. Ich war nicht so zum Quatschen aufgelegt und ziemlich in Gedanken, aber es war toll, nicht mehr mutterseelenallein unterwegs zu sein -zumal langsam die Müdigkeit kam und ich später bei Saarlouis fast falsch abgebogen wäre…
Endlich kam gegen 4 Uhr die Dämmerung und ich konnte die Stirnlampe wegpacken. Ein paar Schlückchen abgestandene Cola aus der Softflask in Kombi mit Tageslicht und schon lief es sich besser. Das Passieren der Marathonmarke beflügelte zusätzlich, die 65km sollten zu schaffen sein! Nun rollte es weiter voran, ich freute mich auf die nächste Verpflegungsstation und den Genuss von frischer Melone (Bananenbrot, Energiegel und Energie-/Kleinkindsmoothies mit püriertem Obst/Reis/Quinoa kamen mir zu den Ohren raus). Irgendwie hatte ich abgespeichert, dass die Station bei km50 sein sollte, dort waren aber definitiv weder Beckingen noch ein Essensstand in Sicht, was mich leicht aggressiv machte (in Gedanken war ich nur am Fluchen). Meine Begleitung versuchte mich mit allen Tricks zu motivieren und ich glaubte ihr, auch wenn „direkt hinter der nächsten Kurve“ noch gut 2-3km dauerte. Aber egal, Hauptsache Picknickstopp, kurzes Ausruhen und Freuen (so weit war ich noch nie gelaufen!)!
Der Rest schien ein Kinderspiel, 12km Runterzählen bis zum Ziel. Doch da begann für mich der eigentliche Ultra: direkt nach der Verpflegungsstation noch gut gelaunt und positiv gestimmt, fingen ab km55 die ersten Wehwehchen an: Knie, Hüfte, Füße… Ich hätte gerne mal eben kurz den Unterkörper ausgetauscht! Außerdem wurde die Strecke immer monotoner: fast nur noch flach geradeaus. Ich konnte nicht mehr in die Ferne schauen, sondern fokussierte immer nur den Boden wenige Meter vor mir, alles andere hätte mich echt frustriert. Überhaupt war ich gedanklich nur noch in meinem „Tunnel“, voller Fokus aufs Ziel und Endlosschleife meiner Mantras („I can, I will“ usw.). Jeder Kilometer war ein kleiner Kampf -und Triumph, sobald die Uhr piepste. Ich war total erleichtert, endlich die Brücke von Merzig zu sehen, nur noch wenige Meter bis zum Ziel im Kletterhafen. Km65, geschafft! Nach der ersten Welle Finisher-Freude blieb nur noch Energie für zwei Dinge: Schuhe ausziehen und schlafen!
Was sonst so bleibt? Müdigkeit, Stolz, eine wunde Stelle am Oberkörper und eine Blase am kleinen Zeh (ich hatte definitiv mit mehr Blessuren gerechnet!) und vor allem ganz viel wertvolle Erfahrung.
Links und Lektüre:
Veranstalterseite (es gibt den Lauf auch als Ultimativen Ultimo Ultra zum Jahresende)
Die Laufberichte von Florian Neuschwander
Hubert Beck – „Das große Buch vom Ultramarathon“ (Trainingspläne, Basics, Infos…)
Norman Bücher – „Abenteuer Motivation: Impulse eines Extremläufers“ (Mentaltraining, Motivation)
Jan Frodeno – „Eine Frage der Leidenschaft: Mit Mut und Motivation zum Erfolg“ (der Titel sagt alles…)



Gratuliere, dass du das durchgezogen hast 🙂
Liebe Grüße
Dorie von http://www.thedorie.com