Nach dem Lauf ist vor dem Lauf… so war mir letztes Jahr nach meinem Marathondebüt in Berlin trotz aller Wehwehchen recht schnell klar: das willst Du wieder erleben. Also her mit dem Startplatz, zumal die 40. Ausgabe des Laufes Partystimmung versprach.
Dieses Mal wollte ich vieles anders, „richtiger“ machen. Weniger ganz lange Läufe, dafür mehr Einheiten und Wochenkilometer. Weniger trinken kurz vorm Start, dafür keine Toilettenpause in Moabit. Nur eins sollte gleich bleiben: dem Mann mit dem Hammer nicht begegnen.
Selten war ich vor einem Lauf so früh im Bett. Nach fast 10h Schlaf versuche ich -erfolglos- mir zwei Scheiben Nutellabrot reinzuzwingen, es will nicht. Immerhin geht eine Banane, aber auch das gezwungen. Endlich stellt sich die lang erwartete Nervosität ein -schließlich war ich vorher schon fast nervös, dass ich nicht nervös war.
Im Startblock stellt sich endgültig nervöses Kribbeln ein: Sonne, diese bebende bunte Läufermasse, das „Hello“-Lied, das mich auch letztes Jahr zur Startlinie begleitete und erneut Haile und seine Truppe, die alle anfeuern.
Und so geht es los, fast 30min. nach dem Start der Spitzenläufer. Die ersten Kilometer laufen gut, Moabit zieht sich dieses Mal etwas länger hin (nun gut, ich bin im Gegensatz zu 2012 auch nicht mit Toilettensuche beschäftigt) und bei km8 meldet sich mein Magen: Hunger. Na toll, so viel zum Thema Frühstück. Also direkt Gelkissen futtern.
Rund um den Alex tobt die Menge, mein Tempo (etwas schneller als die geplanten 6:21 für den Beginn) macht mir Angst, aber ich kann mich nicht dagegen wehren. Bei km11 wieder die erste „Fanstation“ mit meinem Mann und Freunden, ich werfe meine „Ärmlinge“ ab, spätestens jetzt ist es warm genug für T-Shirt. Ich mache klar, dass ich bei der nächsten Station unbedingt Riegel futtern will. Weiter geht’s.
Auf dem Weg in Berlins Südosten realisiere ich langsam, was ich da noch vor mir habe. Aber ich fühle mich gut, das Tempo rollt von alleine. Irgendwann, wir sind gerade mal so ca. 1,5h unterwegs, fährt ein Radfahrer mit Radio auf dem Gepäckträger neben dem Läuferfeld her. Wir verfolgen den Zieleinlauf der Spitzengruppe akustisch. Es gibt einen neuen Weltrekord -und wir Otto-Normal-Läufer sind noch nicht mal bei der Hälfte der Strecke… Doch mir geht es gut, ich lache in die Kameras und laufe weiter. Die Strecke fliegt nur so dahin, schon kommt der Halbmarathon-Punkt. Endlich, mein Mann steht da und drückt mir den ersehnten Riegel in die Hand. Ein Blick auf die Zeit sagt mir, ich kann es in 4h30 schaffen -wenn alles gut weiterläuft. Tut es dann auch -wenn auch nicht ohne Kampf.
Ich stopfe den Riegel in mich rein, trinke was und folge meinem Rhythmus. Die Stimmung entlang der Strecke ist toll. Party vorm Haus, Party auf dem Balkon, Berlin freut sich mit uns. Mein erster Tiefpunkt naht trotzdem, dieses Mal schon bei km28. Mein Knie meldet sich, meine rechte Achillessehne wie befürchtet auch. Die tobende Menge beim Wilden Eber lenkt mich ab. Auch die noble Nachbarschaft am Grunewald kann Party. Weiter geht’s, ein Blick auf die Uhr sagt mir, ich kann mein Zeitziel schaffen. Der Ehrgeiz meldet sich -Wahnsinn, ging es mir letztes Jahr doch „nur“ drum, zu finishen. Jetzt nur nicht dem Mann mit dem Hammer eine Chance geben -rein mit dem salzigen Brezel-Riegel, mit Wasser nachspülen und sich wundern, dass die Beine wie eine Maschine automatisch ihr Ding abspulen.
Der nächste Tiefpunkt wartet, doch erst nachdem ich die Stimmung entlang des Ku’damms genossen habe. Bei km36 soll mein Mann mich mit Cola erwarten, wie letztes Jahr, doch er hat „nur“ Isodrink im Angebot -und das Zeug kommt mir aus den Ohren raus. Egal, nicht mehr weit… wenn sich da nicht die doofe Achillessehne verstärkt melden würde. Potsdamer Platz macht wieder Stimmung und lenkt ab, aber es ist plötzlich windig und das Teilstück dahinter zieht sich erneut ewig -wann kommt nur dieses blöde km40-Zeichen?! Jetzt bloß zusammenraufen, einfach weiter „Laufprogramm abspulen“, aber die Angst, die Achillessehne könnte reißen, läuft jetzt leider mit. Unbefangen laufen ist nicht mehr, aber der Gedanke an die grandiose Stimmung Unter den Linden hält mich den ganzen Lauf über motiviert und stützt mich auch jetzt -und ich werde wieder belohnt: die Menge tobt, schreit unsre Namen, wir werden Richtung Brandenburger Tor gepeitscht, die Volunteers klatschen uns ab, pushen uns die letzten Meter Richtung Ziellinie, mein Lachen, das ich irgendwo nach km28 verloren habe, ist wieder zurück und ja, ich bin unheimlich stolz auf mich. Ich bin stolz auf meine Leistung, auf meinen Körper und auf meinen Kopf und denke an den Spruch von letztem Jahr zurück: It’s all in your head, not (only) in your legs.
Danke, Berlin, danke für diese tolle Strecke, das motivierende Publikum, die super Stimmung, die zahlreichen Volunteers, das traumhafte Wetter und die gute Organisation.
A propos Organisation: Am Abend erfahre ich in den Nachrichten, dass ein Mann ungehindert kurz vorm Ziel über die Absperrgitter springen und ins Ziel laufen konnte. So viel zum Thema Bändchen tragen, erhöhte Sicherheitsvorkehrungen im Startbereich, sowas wie in Boston verhindern. Was ist mit dem Zielbereich? Warum waren da keine Sicherheitskräfte, die rechtzeitig hätten eingreifen können? Was hätte alles passieren können… Ein bitterer Nachgeschmack bleibt leider.

