…diesen Spruch habe ich irgendwo auf der Strecke des Berlin Marathons aufgeschnappt und er blieb hängen. Es sind nicht alleine Deine Beine, die Dich über diese Distanz ins Ziel tragen, sondern Dein Kopf!
Doch zurück zum Anfang. Nachdem ich freitags auf der Messe meine Unterlagen abgeholt und mich mit neuen Gel-Reserven eingedeckt hatte, ging es Samstagmorgen zum Schloss Charlottenburg, um auf den wenigen Kilometern zum Olympiastadion beim traditionellen Frühstückslauf die Muskeln zu lockern. Endlich, denn nach zwei Wochen mit geringem Trainingsumfang und viel Essen und Trinken fühlte ich mich so leicht und sportlich wie ein Sack Mehl… Immerhin war danach die Outfit-Frage für Sonntag geklärt: kurz!
Sonntag in aller Frühe ging es los zum Startbereich: Kleiderbeutel abgeben, mit Startöl einschmieren, zig Mal Schnürung der Schuhe kontrollieren und dann hübsch verpackt in alten Klamotten und Riesentüten Richtung Startblock. Als dann die erste Startwelle losrollte, kam auch die Nervosität: Was tue ich mir da eigentlich an? Bin ich vorbereitet? Egal, die nächste Startwelle rollte los und ich musste zusehen, dass ich rechtzeitig mit tausenden anderen Läufern meine alten Klamotten und die Riesentüte am Absperrgitter entsorge, bevor wir auch schon Richtung Startlinie liefen. Als der Startschuss knallte, die Läufermenge klatschte und jubelte und auch schon Richtung Siegessäule rollte, sollte das der erste von vielen Gänsehaut-Momenten dieses Tages sein.
Zeit für weitere Gedanken blieb erst mal nicht: zu sehr war ich damit beschäftigt, es bzgl. Tempo eher langsam anzugehen, mich nicht von der Masse mitreißen zu lassen, anderen Läufern auszuweichen, auf die Streckenführung zu achten und Stürze zu vermeiden. Moabit war noch im Halbschlaf, als ich es hinter mir ließ und das Läuferfeld Richtung Mitte trabte. In der Torstraße wurde es dann schon etwas lauter, der erste Verpflegungspunkt wartete und weiter ging es Richtung Osten. Auf der Karl-Marx-Allee dann endlich mehr Stimmung, die Sonne brannte schon fast und am Strausberger Platz heizte ein DJ gründlich ein. Auf den nächsten Kilometern durch Neukölln wurde es etwas ruhiger, das Läuferfeld zog sich etwas auseinander und ich konzentrierte mich auf regelmäßiges Essen und Trinken. Kreuzberg machte dann endlich wieder Stimmung und pushte Richtung Halbmarathon-Punkt, wo Zuschauermengen tobten. Spätestens dann wurde mir klar, dass Dänemarkt leer sein muss, so viel rote Fahnen und dänische Anfeuerungsrufe flogen durch die Luft. Ebenfalls klar wurde, dass einige, die auf den ersten Kilometern Gas gegeben hatten, ihr Tempo nicht mehr halten konnten und Gehpausen einlegen mussten. Egal, ich hatte die halbe Distanz in der Tasche, stopfte mir einen Riegel rein und stellte mich auf kämpfen ein, um die zweite Hälfte ebenso gut zu überstehen.
Schöneberg zog kühl und windig an mir vorbei, hinter Steglitz wartete der Stand mit den Energiegels und ich konzentrierte mich auf den nächsten Punkt: den Platz am Wilden Eber, der bei allen für seine super Stimmung bekannt ist und wo Freunde mich anfeuerten. Und zack, lag auch der 29. Kilometer hinter mir und ich wünschte mir, alle langen Trainingsläufe wären so kurzweilig und unterhaltsam wie das „Berliner Programm“. Irgendwann musste das ganze aber auch mal Pause machen und so folgten zwischen Roseneck und Kurfürstendamm ein paar zähe Kilometer mit wenig Publikum und -in meinem Fall- mit stärker werdenden Knieschmerzen. Egal, sagte ich mir, den Rest schaffe ich auch noch und konzentrierte mich auf meinen Laufstil, Musik in meinem Kopf, Gedanken an den Zieleinlauf und allerlei anderes schönes, um irgendwie die Durststecke bis km37 zu überbrücken, wo mein Mann und Freunde mit Cola, einer Prise Salz und Motivation auf mich warteten. Das tat gut und mein Kopf sagte spätestens jetzt: Du willst das, Du schaffst das! Am Potsdamer Platz konnte ich schon wieder lächeln, die Zuschauer klatschten einen weiter und die restlichen Kilometer zogen vorbei, obwohl es nun zunehmend schwieriger und kraftraubender wurde, den gehenden und sich voranschleppenden Teilnehmern auszuweichen.
Am Gendarmenmarkt winkte ich ein letztes Mal meinem Mann und Freunden zu und realisierte: es ist nicht mehr weit! Als ich nach links auf Unter den Linden abbog, die Zuschauermassen mich und zig andere Läufer vorwärts schrien und das Brandenburger Tor in Sichtweite war, da kam sie wieder: die Gänsehaut. Mir schossen die Tränen in die Augen und ich musste gleichzeitig lachen, was für eine Kulisse! Alle Anspannung fiel ab, die letzten 300 Meter flogen nur so vorbei, ich habe den Moment aufgesogen und den Zieleinlauf genossen, als hätte ich gerade Gold gewonnen. Auch wenn es im Zielbereich aussah wie im Kriegsgebiet: die Luft war voll von Euphorie und Glücksgefühlen, jeder trug stolz seine Medaille und freute sich -wohl meist zum allerletzten Mal für einige Zeit- über alkoholfreies Weizen und Bananen.
Das war er, mein erster Marathon, ein unvergessliches Erlebnis. Nie schien ein Lauf so schnell an mir vorüberzuziehen, die Stunden vergingen wie im Flug. Und auch wenn die Tage danach erst mal hart waren (ich sage nur: Treppen…), der Gedanke an den nächsten Marathon kam ziemlich schnell: Das will ich noch mal erleben!
Danke an die vielen fleißigen Helfer, das internationale Publikum, das tolle Wetter und Berlin -ein großartiger Rahmen für unvergessliche 42,195 Kilometer!