Auf Pilgerpfaden

Der Morgen läutet die zweite Reisewoche ein – die insgesamt sechste, die wir bislang in Japan verbracht haben. Über Nacht ist es verdammt kalt geworden: von knapp 20 Grad auf nur noch knapp 8 Grad, dazu ein kalter Wind. Sind wir gestern noch im T-Shirt durch den Ritsurin Park spaziert, ist heute wieder Winterjacke angesagt. Wir verwerfen den Plan, mit der Fähre auf eine der Inseln im Seto-Binnenmeer zu fahren und entscheiden uns für einen Tagesausflug nach Kanonji.

Heute ist außerdem ein besonderer Tag, denn ab dem 13. März 2023 lockert Japan die Pandemie-Regelungen – oder sagen wir besser -Empfehlungen. Denn eine Maskenpflicht gab es hier wohlgemerkt nie, aber schon vor drei Jahren, noch bevor die Pandemie losging, trug man hier viel Maske. Das hat sich während der Pandemie verstärkt, aber war keine so wahnsinnig starke Veränderung im Verhalten wie bei uns in Deutschland. Das Masken-Tragen egal welcher Art (MNS, FFP2, Stoffmaske…) ist in Japan allgegenwärtig und wird super konsequent durchgezogen. So konsequent, dass man selbst Radfahrer:innen mit MNS sieht oder – doch etwas gewöhnungsbedürftig – Leute, die mitten im Wald beim Wandern MNS tragen. Ab sofort wird MNS nur noch bei Menschenansammlungen, im Krankenhaus und in Öffis empfohlen.

Wie erwartet merkt man von den Lockerungen… nichts. Der Weg zum Frühstück führt uns wieder in die überdachte Einkaufsstraße von Takamatsu (Yuzu Citrus Tee von Starbucks und sehr leckere Hefeteilchen mit Pflaumen- und Sakura-Paste von Bakery Café – übrigens irreführenderweise kein Café, sondern nur eine Bäckerei mit Kaffeemaschine…), wo alle MNS tragen. Alle, außer vielleicht 2-3 Personen.

Am Bahnhof von Takamatsu versichern wir uns, dass unsre JR Railpässe auch für die Yosan Line Richtung Matsuyama gelten und machen uns auf zum Bahnsteig. Wir rechnen mit einem unspektakulären Regionalzug. Und erwischen einen der sog. Joyful Trains (zu denen auch der Hello Kitty Shinkansen gehört, den wir auf unserer letzten Japan-Reise zwischen Fukuoka und Osaka gesehen haben, sowie der Doctor Yellow Shinkansen, mit dem man nicht fahren kann, da sein Job Problemdiagnose und nicht Personentransport ist, und dessen Anblick Glück bringen soll…): der Anpanman Train sieht aus wie ein Zirkuszug und klingt auch wie einer. Bei jeder Durchsage wird lustiges Gedudel abgespielt. Ein Gefühl wie auf der Kirmes. Nochmal ein Level mehr als beim Shinkansen, bei dem ich auch immer schon an Starlight Express denken muss, wenn bei der Abfahrt diese spezielle Musik ertönt. Irgendwie ist das eh so ein Ding hier in Japan: Am besten es ist sehr bunt, macht laute Geräusche und blinkt. Und hat ein niedliches Maskottchen. Auch in Einkaufszentren kriegt man so regelmäßig Reizüberflutung. Die Japaner:innen sind dagegen entzückt und finden es meist Kawaii (süß/niedlich).

Die Fahrt nach Kanonji dauert eine Dreiviertelstunde und die Aussicht lohnt sich: Zunächst sehen wir auf der linken Seite eine Burg, wechseln dann aber auf Sitze in Fahrtrichtung rechts, denn der Zug fährt kurze Zeit später direkt am Seto-Binnenmeer entlang. Wunderschön! Vor allem am Tsushima-jinja Shrine vorbei, der auf einer Mini-Insel mit langem Steg zum Festland liegt.

In Kanonji hat man das mit dem Sound auch sehr beherzigt: An den Straßenlaternen sind Lautsprecher angebracht, aus denen Musik dudelt. Die Gulli-Deckel und die für Japan typischen Verkaufsautomaten (gibt’s für so ziemlich alles: Getränke, Snacks, Spielzeug, Socken…) schreiend bunt mit Pokemon– und anderen Motiven. Die Stadt dagegen leer, wie ausgestorben. Wir spazieren die knapp 2 km zum Strand und treffen niemanden. Etwas unheimlich. Erst am Kotohiki-koen treffen wir auf Menschen. Puh, doch keine Geisterstadt.

Bei Kotohiki Coffee muss meine Begleitung unbedingt einen Matcha Latte haben. Wie schon erwähnt ist das mit dem „mal eben schnell“ hier in Japan nicht möglich, aber es dauert so lange, dass ich kurz vermute, der Tee muss erst noch angebaut werden. Um nicht zu erfrieren gehe ich nebenan in den Souvenirladen, der sich auch als Münzmuseum entpuppt und der die MNS-Packungen im Sale hat – also etwa doch Auswirkungen der Lockerungen?

Auf dem Weg zum Strand kommt immerhin die Sonne raus und es ist nicht mehr ganz so eisig. Wir schlendern eine Runde auf der Strandpromenade entlang und wieder zurück durch den Kotohiki Park, wo die Gärtner mit Frühjahrsputz beschäftigt sind. Über eine langgezogene Treppe geht es steil den Berg hoch zum Aussichtspunkt. Von hier hat man einen tollen Blick Richtung Strand und Meer und sieht die Zenigata genannte Sandskulptur in Form einer Münze. Dem Glauben nach hat jeder, der Zenigata gesehen hat, ein langes und gesundes Leben und keine Geldsorgen. Na hoffentlich!

Wir schauen uns den Schrein ein paar Meter weiter oben und den Ausblick über die Stadt an und schlendern dann den Berg runter nach Nordwesten zur Tempelanlage, wo wir mit Jinne-in und Kanon-ji Tempel Nr. 68 und 69 des 88-Tempel-Pilgerweges vorfinden – eine Besonderheit, die anderen liegen alle verteilt, nie zwei zusammen.

Zurück zum Bahnhof und nach Takamatsu. Dieses Mal mit einem der unspektakulären Regionalzüge, aber wieder mit toller Aussicht aufs Meer und auf zahlreiche Bonsai-Gärtnereien.

Auf dem Weg zur Unterkunft überfällt uns der Hunger, wir sind jedoch etwas zu früh dran, denn die meisten Restaurants öffnen erst gegen 18 Uhr. Ein paar Meter weiter als Kawafuku, dem stadtbekannten Udon-Restaurant, finden wir an der Ecke den Streetfood-Stand, der uns gestern Abend schon positiv auffiel, und der glücklicherweise geöffnet hat. Unser Abendessen ist gesichert: Onigiri (Reisdreiecke) in Palmblättern und schön große Steamed Buns (Hefeklöße) mit Fleisch-Pilz-Füllung, die uns pappsatt machen.

Ein Gedanke zu “Auf Pilgerpfaden

Kommentar verfassen