Tschüss Korea, hallo Japan

Der Morgen in Busan startete düster und grau: Der Regen peitschte gegen die Fensterscheiben, die Wolkenfetzen hingen tief zwischen den Hochhäusern. Eigentlich wollten wir zum Abschluss noch zum Bujeon-Markt spazieren, der u. a. einen großen Ginseng-Markt umfasst. Aber es machte keinen Sinn, vorm Abflug nasse Klamotten zu riskieren. Stattdessen ließen wir uns Zeit beim Frühstücksbuffet im Hotel: Auch wenn der Laden sonst eher aus einer anderen Zeit war und ein bisschen „Old Money“ schrie – das, was da aufgetischt wurde (und wie), war Next Level. Omelettes, Pancakes, Macarons, Dumplings, sozusagen noch ein halbes Mittagessen und, und, und … Nachdem in Südkorea das meiste sehr süß und überzuckert ist, freuten wir uns sehr über die gesunden Alternativen und schlugen beim Natur- und Mangojoghurt sowie beim Obst zu. Währenddessen kam mal wieder eine Warnmeldung übers Handynetz rein, dieses Mal, dass ein Fluss über die Ufer tritt und deswegen ein Wanderweg gesperrt wurde. Durchaus interessant, weswegen die in Südkorea Warnmeldungen verschicken. Die anderen beiden aus der letzten Woche waren wegen Straßensperrungen beim Seoul Marathon und wegen einer vermissten Person.

Da danach doch noch ein bisschen Zeit war, zog ich ein letztes Mal los durch die direkte Nachbarschaft. Um den LOTTE Department Store Busan Main Store direkt nebenan machte ich lieber einen Bogen: Den hatten wir schon am Vortag verflucht, weil er derart labyrinthisch ist, dass wir den Ausgang zum Hotel nicht fanden. Außerdem war die riesige Kopie des Trevi-Brunnens für unseren Geschmack etwas zu … na ja. Wir hatten zudem das Original vor gerade mal 2,5 Wochen gesehen. Lediglich den Fandom Space im UG schaute ich mir nochmal kurz an: ein Bereich für Anime, Gaming und Popkultur, wo sich das koreanische Publikum vor Harry-Potter-Figuren fotografierte. Dann doch lieber ein letzter Abstecher zu Olive Young gegenüber, wo der Black-Week-Sale in vollem Gange war. Vermutlich ein kleiner Fall von dm-Vermissung gepaart mit K-Beauty-Faszination. Dazu mein Learning des Tages: Es geht bei Olive Young zwar um die Bedeutung der Olive, gleichzeitig ist es aber ein Wortspiel („All Live Young“). So früh morgens war noch nix los, und die freundliche Verkäuferin hatte Zeit für Beratung und packte mir dann noch drei kleine Produkte als Geschenk ein – zu denen ich später via KI recherchieren musste, was es überhaupt ist. Schon mal was von Handgelenk-Waschbändern gehört?

Dann schnell Check-out und auf zum Flughafen. Unsere erste Uber-Bestellung ging schief, denn laut App-Ansicht war unser Uber-Taxi am Treffpunkt und danach unterwegs zum Flughafen – wir allerdings derweil immer noch vorm Hotel. Also schnell melden, canceln und nochmal neu. Der nette Fahrer versuchte sich unterwegs im Gespräch, was mit Mini-Englischkenntnissen ein Problem war, aber Fußball als Thema geht mit einzelnen Buzzwords ja immer (erst recht, wenn ein koreanischer Spieler in der Bundesliga spielt). Den Rest regelte die Übersetzer-App. Unter anderem lernten wir, wie toll er Deutschland findet, weil es Südkorea nach dem Krieg mit Krediten unterstützt und zum Aufschwung verholfen habe und weil sie die Autobahn von uns kopiert hätten. Immer interessant, solche Insights. Draußen zogen die Hochhaus-Nester vorbei, irgendwie beängstigend, das jedes Mal Squid Game Vibes.

Am Flughafen ging es – mal wieder typisch koreanisch – chaotisch zu. Schlange? Fehlanzeige. Dazwischen wurden Koffer geöffnet und neu gepackt. Wir hatten den Online-Check-in versucht, was aber nicht ging, weil Air Busan die Restgültigkeit von Andrés Reisepass (knapp unter 6 Monate) reklamierte. Außerdem waren wir irritiert über die Gepäckangaben, weil wir den Plus-Tarif mit 23 kg gebucht hatten, im PDF-Ticket aber 15 kg angegeben waren. Immerhin: Das löste sich am Schalter zu unserem Vorteil auf. Dann wollte man unsere Unterlagen sehen, wann wir von Japan wieder zurückfliegen und wohin. Im Anschluss wurden wir gebeten, für mindestens 5 Minuten an der Seite zu warten wegen „Luggage Inspection“. André fühlte sich leicht diskriminiert, weil wir sichtlich die einzigen Nicht-Koreaner in der Abfertigung waren und sonst niemand zur Nachkontrolle gebeten wurde – trotz teils überwiegend exzessivem Gepäck. Immerhin, danach winkte man uns weiter und auch die Passkontrolle verlief ohne Zwischenfälle, obwohl man bei mir auf Ticket und Gepäckdokumenten überall noch handschriftlich den Geburtsnamen ergänzt hatte, als würde ich einen Doppelnamen führen. Danach war alles entspannt: Wir spazierten zum Gate und vertrieben uns dort noch die Zeit mit einer Inspektion der Örtlichkeiten. Nicht zu übersehen: die Roboter-Toilette im Kinderbereich und der riesige Duty-Free-Abholbereich, wo manche gleich mehrere riesige Taschenladungen abholten (und wir uns wunderten, wie man solche Dimensionen als Handgepäck durchkriegt).

Das Boarding verlief noch mal koreanisch-chaotisch: Das Personal versuchte halbwegs in Gruppen bzw. Schlangen zu ordnen, teils wurde verzweifelt das Ticket in den riesigen Shopping-Taschen gesucht, einer verlor unterwegs im Korridor sein Handy – und so ging das immer weiter. Im Flieger dann unser nächstes Learning: Die Reihenzählung beginnt erst bei 28, weil die vorderen Nummern bei den asiatischen Airlines oft den besseren Klassen vorbehalten sind und das hier schließlich ein Low-Cost-Flug war. Getränke gab’s nicht, dafür einen Bord-Shop. Wobei die Flugbegleiterinnen eher damit beschäftigt waren, den Koreaner:innen beim Ausfüllen ihrer gelben Zoll-Papiere zu helfen. Der Flug nach Fukuoka/Japan war mit einer Stunde prognostiziert, aber dank gutem Wind dauerte er nur 40 Minuten – definitiv mein kürzester internationaler Flug ever!

Kaum gelandet, gab’s noch mal „Korean Style“: Ein Großteil sprang wie von der Tarantel gestochen auf und stürmte nach vorne, als gäbe es eine Evakuierung. Ohne Rücksicht auf Verluste, mit Ellbogen und kraftvollem Drängen. So etwas habe ich selbst auf dem ungeduldigsten Flug in Europa noch nicht erlebt. Auch wenn das Ganze kulturell auf Ppalli-Ppalli („Schnell-Schnell“) basiert, ist dieses resolute, laute Verhalten teils doch sehr anstrengend (und das komplette Gegenteil der japanischen Zurückhaltung und Ruhe).

Dank QR-Code des elektronischen Einreiseprozesses, den wir schon zu Hause online erledigt hatten, landeten wir in der Priority-Schlange A, ließen die ganzen Koreaner:innen hinter uns und waren in nur 20 Minuten durch Einreisekontrolle und Zoll durch – auch wenn der Beamte meinen Pass etwas länger ansah und noch mal genau die Ein- und Ausreisedaten meiner Japan-Aufenthalte der letzten Jahre überprüfte. Ein letztes Mal darauf achten, nicht von den Mitreisenden am Gepäckband mit ihren Trolleys umgefahren zu werden, und geschafft. „Welcome to Fukuoka!“, wie es am Ausgang so schön hieß. Wir sahen uns an und atmeten erst mal tief durch. Japan-Aufenthalt Nr. 6 begann definitiv anders als sonst: mit Einreise über ein anderes asiatisches Land und ganz ohne Jetlag.

Mit dem Uber-Taxi fuhren wir zu unserem Hotel im Stadtteil Tenjin, wo ich erst mal wieder von meinem Basic-Englisch, das ich in Südkorea verwendet hatte, um niemanden zu überfordern, umschalten musste – denn die Dame an der Rezeption sprach tatsächlich hervorragend Englisch. Inzwischen waren wir leicht ausgehungert, sodass wir im erstbesten Café die Straße runter landeten: Bei Coffee Noda bestellten wir Sandwiches, Kuchen und Kaffee. Der Laden hatte echtes Kaffeehaus-Flair und erinnerte mich aufgrund der Porzellanvase mit Mühle ein wenig an Dallmayr.

Danach ging’s zum Shoppen bzw. Stöbern durch ein paar Läden wie Uniqlo, Loft, 3COINS und einen Supermarkt. Beim Abendessen fiel die Wahl zügig auf Sushi, darauf hatten wir uns schon eine ganze Weile gefreut. Wir waren noch vor der Rushhour dran, sodass nicht viel los war und wir die Zeit gemütlich nutzen konnten, um ein paar Pläne für die nächsten Tage zu schmieden. Wir waren schon mal in Fukuoka, allerdings war das 2020 kurz vor Beginn der Pandemie, als schon vieles nicht mehr möglich war. Unser Abendspaziergang führte uns dann noch durch die Tenjin Underground Mall, die sich über einen riesigen unterirdischen Bereich erstreckt und mehrere Kaufhäuser sowie U-Bahn-Stationen wetterunabhängig miteinander verbindet. Bemerkenswert ist auch die Gestaltung mit Kopfsteinpflaster und Buntglasfenstern, die wohl den Stil einer europäischen Straße des 19. Jahrhunderts nachempfinden soll und die hier schon leicht befremdlich wirkt.

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