Herbstzeit ist (Fern-)Reisezeit – und dieses Mal steht Neuland auf dem Plan. Keine Sorge, der geliebte Abstecher nach Japan kommt noch, aber vorher tauchen wir kopfüber in ein für mich neues Kapitel in Fernost ein: Südkorea.
In Deutschland ging’s total entspannt los – kein Stau auf der Autobahn, keine Schlangen bei Drop off und Security Check. Alles lief super, wenn man den kleinen Zwischenfall bei der Handgepäckkontrolle vernachlässigt: Die Dame dort häufte all meine Sachen in eine einzige Wanne, mein Stoffbeutel obenauf machte im Scanner den Abgang und verhedderte sich mit der Kordel im Fließband. Danach war das Teil reif für die Tonne. Wir waren viel zu früh am Gate und mussten erst mal warten. Schnell noch die eSim von Holafly aktiviert und los ging’s.
Ich war sehr gespannt, denn unser letzter Langstreckenflug mit Lufthansa lag über ein Jahrzehnt zurück und dieses Mal bot es sich mit Blick auf Preise und Zeiten nicht anders an. Der erste Eindruck positiv: neuere Maschine, komfortable Premium Economy Sitze in schickem Dunkelblau, Drei-Punkte-Anschnallsystem wie im Auto, Touchscreen, kabelloses Handy-Laden und das Essen war auch top (bis auf das scharfe Kimchi aus der Tüte, damit feierte meine Neurodermitis schon vor Ankunft in Südkorea Party…).




Ankunft am Flughafen Incheon war am späten Vormittag und die Einreise lief super angenehm. Deutschland gehört dort zu den Ländern für die „smart immigration“, sprich man wird direkt in die schnelle Schlange gewunken. In den drei Tagen vor Ankunft kann man online im e-arrival-Prozess seine Daten hinterlegen, sodass man vor Ort nur noch fotografiert wird und Fingerabdrücke abgibt, dann gibt’s nen Aufkleber auf den Pass und fertig. In wenigen Minuten waren wir am Kofferband, mein Koffer kam auch schon gleich, der von André ließ über eine halbe Stunde auf sich warten. In der Zeit mussten wir das nervige Für Elise-Gedudel des Trolley-Wagens ertragen und mich überfiel ein kleines Jetlag-Tief, sodass wir beschlossen, im Terminal erst mal Koffein zu tanken – zwischen seltsamer Plastikdeko und einem halben Beauty-Salon: Irgendwie voll das Ding hier, dass sich viele Mädels da schminktischartig niederlassen, zurechtmachen und sowieso schon seit Ankunft mit einem Lockenwickler vorne im Pony herumlaufen?! Auch sonst sehr spannend, dass es durchaus üblich ist, mindestens fünf Plüschanhänger, K-Pop-Merch und Fotorahmen an Handtasche, Rucksack und Co. baumeln zu haben.






Inzwischen war es gegen Mittag und wir entschieden, uns statt Bus oder Bahn den Komfort eines Uber Taxis direkt zum Hotel zu gönnen – mit ca. 50 EUR für rund 1,5 h Fahrt absolut bezahlbarer Luxus. Während unser Fahrer uns mit Navigation auf drei (!) Handys chauffierte und mit K-Pop beschallte, genossen wir den Ausblick auf Meer, Berge, Brücken. Den Stopp im Hotel zum frisch Machen (und wundern, welche von neun Kissensorten wir wählen sollten und was wohl die Seniorenfunktion beim Dusch-WC kann?) hielten wir kurz, um den Jetlag im Zaum zu halten. Lieber raus, Sonne genießen und die ersten Eindrücke sammeln.
Direkt gegenüber gelegen bot sich als erster Stopp der Jogyesa-Tempel mit seiner schönen Anlage an, die zum Chrysanthemenfest besonders floral geschmückt war.





Danach ging es zum Gyeongbokgung, dem ersten von fünf Herrscherpalästen, dessen Eintritt dank Korea Grand Festival kostenlos war, aber leider auch überfüllt. Zum einen gab es gerade die Wachablösungs-Zeremonie, zum anderen busseweise Touris, die nebenan im Hanbok-Laden koreanische Trachten ausliehen, um dann in der Anlage Fotoshootings abzuhalten. Aus meiner Sicht kulturell ebenso unpassend wie die Kimono-Verleih-Shops und -Fotoshootings in Kyoto.




So schön die Anlage auch ist, wir ergriffen lieber zügig die Flucht und bewegten uns zur Seoul Outdoor Library auf dem Vorplatz. Sitzsäcke, zahlreiche Bücher geordnet nach verschiedenen Genres, Kürbissaft… total nett, so etwas mitten in der Stadt anzubieten.






Die Ruhe währte nicht lange, denn dahinter fand auf einer Bühne eine Hanbok Fashion Show statt und ringsum waren sehr viele kostümierte Gruppen unterwegs. Alle ständig am Fotografieren mit teils mehreren Handys und großzügiger Kamera-Ausrüstung. Hinzu kamen zahlreiche Werbevideos auf den großen Leinwänden ringsum an den Gebäuden – Reizüberflutung lässt grüßen.
So zog es uns zur Stärkung in einen der zahlreichen Imbisse, wo wir Dumplings und gebratenen Reis bestellten: via Tablet, auf Englisch, mit Kartenzahlung, ohne dass Interaktion mit der Bedienung notwendig war (war sie dann doch, wir suchten die Stäbchen, die in Schubladen unterm Tisch versteckt waren…). Während wir da so entspannt saßen und aßen, vibrierten die Handys mit einer Warnmeldung. Wir verstanden erst mal nichts, da rein auf Koreanisch, aber da ringsum niemand in Hektik geschweige denn irgendeine Reaktion verfiel, konnte es nicht so schlimm sein, sagten wir uns. Die Übersetzer-App schaffte dann Abhilfe und Beruhigung: Verkehrsinfo für Sonntag, 01.11.26, wenn aufgrund des Seoul-Marathons viele Straßen gesperrt sind. Puh. Interessant, für was hier Warnmeldungen versendet werden!









Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass es noch zu früh für Schlaf war. Auch wenn der Jetlag trotz Cola zum Mittagessen inzwischen richtig reinschlug. Also spazierten wir noch ein bisschen durch die Straßen, schauten uns die Weihnachtsdeko im Lotte Kaufhaus an und ließen die ersten Eindrücke auf uns wirken. Chaotisch, laut, schrill, bunt… kein Vergleich zu Japan. Ständig wird posiert und fotografiert, und überhaupt wird überwiegend auf den Handy-Screen gestarrt. Gut. Dass es an den ampelgesteuerten Fußgängerüberwegen Leuchtstreifen an der Bordsteinkante gibt, die rot leuchten bzw. grün blinken, hoch auf die Ampel-Anzeige schaut hier nämlich niemand. Was noch ziemlich praktisch ist: Große Sonnenschirme an manchen Fußgängerampeln. Dann schmort man beim Warten nicht in der Hitze. Wäre bei uns auch toll.
Zum Abendessen kehrten wir in einer kleinen Seitengasse in ein Lokal ein, das wie die Location mittags funktionierte: Bestellung und Bezahlung per Tablet am Tisch, kaum Interaktion mit dem Personal, Besteck in der Tisch-Schublade. Unser Bibimbap war sehr lecker, die Rettich-Beilage schärfer als scharf. Nebenbei scannten wir schon ein paar Möglichkeiten fürs Frühstück: Koffein wird jedenfalls kein Problem sein, hier gibt’s alle drei Meter Kaffee-Spezialitäten.



Der Spaziergang zurück zum Hotel erwies sich dank unbegabter Musikanten als Herausforderung für die Ohren. Die Augen waren anderweitig ge- bzw. überfordert: hübsches Handwerk neben schrillem Merch zu K-Pop und „Seoul, my Soul“, Plüschanhängern und Unmengen Beautykram. Hallo interkulturelle Fortbildung. Da war unser erneuter Abstecher beim Jogyesa-Tempel mit seiner schönen Beleuchtung und mit weitaus weniger Menschen als am Nachmittag, sehr entspannend. Die perfekte Vorstufe, sich endlich dem Jetlag zu ergeben und schlafen zu gehen! Mal schauen, was die nächsten Tage in Südkorea noch so bringen…









