Etwas mehr als ein Jahr ist diese Reise her und doch ist sie in frischer Erinnerung, denn sie war nicht einfach nur eine Reise, sie war ein Erlebnis oder besser noch viele Erlebnisse, die man so schnell nicht vergisst!
Eigentlich stand Schottland schon 2020 auf meiner Reiseliste, denn im Mai 2020 wollte ich zum Edinburgh Marathon Festival und hatte einen Startplatz beim EMF Half (Halbmarathon) gebucht. Doch es kam anders, wir wissen warum… Als dann im Winter 2021/22 klar war, dass das Festival im Mai 2022 endlich wieder stattfinden sollte, ging auch die Reiseplanung wieder los. Und wenn schon, denn schon: Statt langem Wochenende in Edinburgh hieß es nun Zugreise durch Schottland.
Kaum in Edinburgh gelandet, ging es zunächst per Flughafen-Zug in die Stadt und dann direkt weiter in den Regionalzug nach Glasgow (Tickets ganz bequem online bei ScotRail oder am Verkaufsautomaten im Bahnhof). Wie sich später herausstellte per Bummelbahn und etwas länger unterwegs als nötig, aber das machte mir ausnahmsweise mal gar nichts aus, denn das Landschaftskino war hervorragend. Zurücklehnen, den Blick aus dem Fenster genießen und Schafe zählen. Herrlich. Noch dazu viel stressfreier, als sich im Auto den Linksverkehr anzutun. Und wlan gibt’s im Zug auch…

Glasgow
Die ersten Tage blieben wir in Glasgow, erkundeten die hügelige Stadt und machten schon mal Bekanntschaft mit der schottischen Küche: Bereits das Frühstück war ordentlich deftig, Bohnen und Blutwurst begrüßten mich und einzige relativ „süße“ Option war der Porridge, den ich versuchte, mit Obst und Zimt zu pimpen. Später am Tag, endlich auch bereit für deftige Küche, freute ich mich vor allem über Meeresfrüchte und Fisch. Obwohl ich bzgl. Essen eher offen und experimentierfreudig bin, machte ich um Haggis zunächst lieber einen Bogen: Schafmagen bzw. -Innereien? Das war mir dann doch etwas zu viel. Aber egal was: Immer war unglaublich viel Knoblauch dran, Garlic scheint Grundbestandteil eines jeden Gerichts. Außerdem frittiert man gerne, Fish’n’Chips lassen grüßen. Dann lieber griechische Küche und leckere Drinks bei Halloumi, sehr schottisch der Besuch von Brauereien (BrewDog, WEST Brewery, Bar & Restaurant, Drygate…) inkl. Lunch-Stopp bei Drygate und abends leckeres Seafood-Dinner bei The Finnieston.









Alles wohlverdiente Stärkungen nach ausgedehnten Sightseingtouren inkl. Friedhofsbesuch (Glasgow Necropolis, so ein wunderschöner viktorianischer Friedhof!), Graffitis und vielen Hügeln…




Fort William
Nach einigen Tagen ging es mit dem Zug weiter, Ziel: Fort William. Kurz davor grüßte Ben Nevis oder besser gesagt die Nebelsuppe um ihn herum, dagegen kann der Wolkenvorhang um den Mount Fuji einpacken. Aber so ist das in den schottischen Highlands.
An diesem Tag waren wir einige der wenigen, die bis zur Endstation fuhren: Das Bahnpersonal streikte und viele Verbindungen fielen aus. Das Zugpersonal informierte bei der Ticketkontrolle, dass alle, die für Fort William keine Übernachtung gebucht hatten, bereits unterwegs aussteigen sollten, um noch den letzten Zug zurück nach Glasgow zu erwischen. Ohne Abendverbindung betraf das alle, die nur einen Tagesausflug geplant hatten.

Das Wetter in Fort William insgesamt leider nicht mehr ganz so stabil, April-Wetter in seiner intensivsten Form: ständiger und schneller Wechsel zwischen sonnigem T-Shirt-Wetter und stürmisch-kühlem Regenwetter. „All in“ in nur wenigen Minuten. Gut, dass ich mir in Glasgow noch eine neue Regenjacke zugelegt hatte! Sehr passend der Name der Bäckerei in Fort William, die für die nächsten Tage einer unserer Lieblingsorte wurde: Rain. Weiterer Lieblingsort, um vor dem Regen zu flüchten bzw. den Tag ausklingen zu lassen: die Black Isle Bar, die sowohl mit ihrem Bier- als auch mit ihrem Essensangebot überzeugte (natürlich Garlic (!) Pizza Bread, aber hier bekehrte mich die außerordentlich leckere Haggis Pizza dann doch noch zum schottischen Nationalgericht…).



Auch wenn wir nicht so wie viele der Touris dort auf dem Fernwanderweg West Highland Way unterwegs waren, so machten wir rund um Fort William doch so einige Wanderkilometer – mit viel Wasser von oben und neben uns, ständig umgeben von Schafen und (sehr niedlichen) Lämmchen. Zum Beispiel 13 km am Great Glen Way rund um Loch Linnhe mit Stationen am Corpach Shipwreck, Neptune’s Staircase (sehr beeindruckende Schleusenanlage in Form einer riesigen Wasser-Treppe) und Old Inverlochy Castle…
Eigentlich waren wir nicht zum Wandern hergereist, sondern wegen einer speziellen Zugfahrt: Wir wollten mit dem Hogwarts Express fahren. Ja, richtig gelesen. Harry Potter dampft im Film mit dem Zug durch die schottischen Highlands. Das war auch unser Ziel: mit dem Jacobite Steam Train (oder auch nur The Jacobite) auf den Spuren Harry Potters, filmreife Kulisse inklusive. Lange im voraus ausgebucht, hatten wir es dennoch geschafft, online vorab zwei Sitzplätze für die Fahrt nach Mallaig inkl. Return-Ticket zu reservieren. Am Bahnhof begrüßte uns erst mal ein anderer eleganter Zug: der Caledonian Sleeper, der über Nacht aus London angerollt war. Unser Zug war jedoch unschwer zu erkennen: Am Bahnsteig dampfte die altmodische schwarze Lok vor sich hin, lockte zahlreiche Fans an und in einem Abteil konnte man in einem Souvenirshop allerlei Harry Potter-Merchandise erwerben.





Ansonsten verflog der Zauber in den ersten Fahrminuten recht schnell: Man sitzt in einer alten Eisenbahn, ein nostalgischer Zug ohne jeden Komfort, da darf man sich keiner Illusion hingeben. Bei den Fahrten durch die kurzen Tunnel-Passagen wehte die Dampfwolke durch die Fensterschlitze rein, überall im Zuginnern tanzten Rußpartikel. Spätestens auf der Rückfahrt fühlte ich mich ganz krümelig und hatte ein leichtes Fragezeichen beim Thema Nachhaltigkeit.
Abgesehen davon ist die Fahrt die reinste Ode ans Zugfahren: Hier geht’s nicht ums Ankommen, sondern ums Reisen. Denn: Wir tuckerten auf der Road to the Isles und genossen bei schönstem Wetter allerherrlichstes Landschaftskino, die Sicht aus dem Fenster war unbeschreiblich schön. Wer will da schon ankommen?! Staunen ohne Ende, was eine tolle Landschaft! Luftlinie ist die Distanz zwischen Fort William und Mallaig eigentlich überschaubar, aber der Zug muss zahlreiche Lochs umrunden und Tunnel durchfahren. Und dann wäre da ja noch das eigentliche Highlight… die Fahrt über das Viadukt mit den 21 Bögen.
Als wir zum Glenfinnan Viaduct kamen, ging vielen eingefleischten Harry Potter-Fans auf, dass die Aussicht aus dem Zug raus nicht unbedingt die beste auf dieses Schauspiel ist. Andere waren cleverer: Mit dem normalen Regionalzug von Scotrail ganz ohne Nostalgie zum dortigen Bahnhof gefahren, standen sie ringsum, winkten und filmten. Die Hänge seitlich zum Viadukt waren unglaublich voll, so viele Menschen, und ich für meinen Part war froh, hier im Zug zu sitzen, zumal in einem der vorderen Waggons und so doch eine ganz gute Sicht zu haben, als der Zug übers Viaduct und in die Kurve fuhr.




Leider endete das schöne Landschaftskino nach knapp 67 km und 2 h Fahrt, als wir Mallaig erreichten – ein kleines Örtchen mit Fischereihafen und Fährverbindungen weiter zu den umliegenden Inseln. Ein bisschen „Ende der Welt“-Feeling. Wir nutzten den Aufenthalt für einen fangfrischen Lunch bei The Fishmarket Restaurant, wo wir spontan einen freien Tisch ergatterten, und einen Spaziergang mit einer Waffel Eis in der Hand, bevor es wieder auf die Rückfahrt ging. Zurück nach Fort William und in unsere Unterkunft, ein ehemaliges Gefängnis (The Garrison), Koffer Packen für die Weiterfahrt.








Edinburgh
Mit dem Zug zurück ins Stadtleben und mit einer kurzen Zwischenstation in Glasgow wieder zurück in und mit ausgiebig Zeit für Edinburgh, das wir bei der Ankunft übersprungen hatten.
Gleich fiel uns der Unterschied zu Glasgow auf: In Edinburgh waren gefühlt alle sportlich in Bewegung und hielten sich fit. Unsere Unterkunft lag gleich ums Eck von The Meadows, einem riesigen Park, wo die Leute egal zu welcher Uhrzeit Sport trieben: Laufen, Spazieren, Tennis, Golf, Fußball, Rugby und und und… Da konnte ich auch nicht widerstehen, schnürte die Laufschuhe und drehte eine Runde zum Beine Lockern. Carboloading gleich mitzuerledigen war auch kein Problem: Seitlich des Parks stehen auf der einen Seite Trucks mit Kaffee- und Süßwarenangebot, auf der anderen Seite die beste Pizzeria auf Rädern, die Schottland zu bieten hat. Bei Wanderers Kneaded waren wir vor und nach dem Halbmarathon gleich mehrfach, die Holzofen-Pizza war einfach zu lecker und ist eine echte Empfehlung!
Auch sonst blieben wir in dieser Stadt nicht wirklich hungrig. Eins der weiteren Gastro-Highlights für uns war The Pitt, ein Streetfood-Markt mit allerlei Leckereien, bei dem man zum großen Glück nie lange anstehen muss, weil bei fast allen Ständen Kartenzahlung möglich ist, man teilweise sogar vorher digital ordern kann und danach das Essen meist zum Sitzbereich gebracht wird. Nicht ganz zentral gelegen, aber für solche Fälle gibt’s ja Uber! Übrigens haben wir auch hier wie so oft auf unserer Reise ungefragt die Info (oder besser gesagt Entschuldigung) bekommen, dass man den Brexit für eine echt schlechte Idee halte und überhaupt nicht davon begeistert sei.
Zurück zur Gastro: Unglaublich nett und lecker die kleinen Cafés Bäckereien wie Leaf & Bean Marchmont oder Nomad Café. Zum Dinner stellte sich Ondine als reinster Seafood-Himmel heraus und auch wenn unsere Unterkunft absolut nicht zu empfehlen war (schlechter Service, insgesamt leider außen hui, innen pfui, und eine Bar im Erdgeschoß ist auch nicht so das Beste für eine gute Nachtruhe…), gab es schräg gegenüber super leckeres Thai-Food bei/von liebenswürdigen Gastgebern.




Die ganzen Kalorien verbrannten wir entlang des Water of Leith Walkway und beim Stadtspaziergang, der hier nicht nur Kilometer, sondern auch ausgiebig Höhenmeter bot. U. a. hoch auf Calton Hill, dessen Aussicht sich genauso lohnt wie das dortige Kuriositätenkabinett aus Monumenten.






Und wo wir bei kurios sind: Weiter geht’s mit der Harry Potter-Tour durch die Winkelgasse aka Victoria Street und zum Greyfriars Kirkyard, wo J. K. Rowling häufig spazieren ging und wohl einiges an Inspiration mitnahm, denn neben dem Grab von „Thomas Riddell“ finden sich hier auch die Gräber von „William McGonagall“ und „Mr. Moody“. Abgesehen von ersterem, das recht viele Touris anlockt, die zum (vermeintlichen) Grab Lord Voldemorts pilgern, hat der Friedhof eine schaurig schöne Atmosphäre und ist nicht umsonst in der höchsten schottischen Denkmalkategorie gelistet. Die Blumen- und Kräuterbeete schaffen eine parkähnliche Zone mitten in der Stadt und einen bunten Kontrast zu den soliden Mauern, Grabgewölben und Mortsafes, deren Eisengitter im 18. Jahrhundert den lukrativen Leichenraub zum Verkauf für anatomische oder medizinische Zwecken verhindern sollten. (Hatte ich schon erwähnt, dass mich Friedhöfe faszinieren, weil sie so viel erzählen? 😉 )

Zurück zu den Lebenden: Nach dem Abholen der Startunterlagen für den Halbmarathon ging es in/durch den Holyrood Park, um die Aussicht auf die Stadt zu genießen. Leider war/ist die Radical Road wegen Steinschlag gesperrt und wir mussten eine andere Route nehmen, die aber nicht weniger schön war, was die Aussicht, und vor allem nicht weniger knackig, was die Höhenmeter anging.



Marathon Festival
Am Wochenende war es dann soweit, der Startschuss für den Halbmarathon fiel. Alles vorab top organisiert, nur kurz vor dem Start kam leichte Hektik auf, weil die Annahme für die Kleidertransporte und der Zugang zum Startblock relativ früh schlossen. Die Strecke ist nämlich kein Rundkurs und auch kein Stadtlauf, denn nach den ersten Kilometern (Kopfsteinpflaster…) über die Royal Mile ist man schon raus aus der Stadt und läuft ab Portobello am Meer bzw. Strand entlang. Eine wunderschöne Kulisse, die etwas dafür entschädigt, dass stimmungstechnisch auf weiten Teilen nicht so viel bis gar nix los ist.

Das ändert sich erst zum Ende, wenn man Musselburgh und die Pferderennbahn erreicht und dort vom anfeuernden Publikum und Dudelsack-Musik ins Ziel getragen wird. „Brrrrrrilliant“ (mit stark rollendem r!) und „well done“ schallte es mir entgegen. Im Ziel gab es ein kleines Papp-Köfferchen mit Shirt und Medaille drin, dazu Irn-Bru, ein in Schottland äußerst beliebter koffeinhaltiger, leuchtend orangefarbener Drink, der definitiv nicht mein Fall ist, und Riegel. Danach zügig weiter zur Klamottenausgabe, um nicht auszukühlen.


Nun folgte der aus meiner Sicht einzige Nachteil dieses Laufs: Man ist weit aus der Stadt raus und muss irgendwie zurück. Ich hatte vorab ein Ticket für den Bus-Shuttle gebucht und wanderte bzw. irrte nun zunächst einige Kilometer (! – wir haben uns kurz gefragt, wie es wohl später den Marathonis ergehen mochte, die nach 42 km noch diese Wanderung machen sollten…) im Pulk bis zur – nicht ganz so toll ausgeschilderten – Bushaltestelle, um dort nochmal anzustehen und dann im Stau im Schritttempo nach Edinburgh zurückzurollen. Gut, dass ich im Ziel noch einen Apfel mitgenommen hatte, denn bis wir endlich zurück in der Stadt waren und The Meadows erreichten, war ich reichlich ausgehungert.
Nach dem Lauf wurde daher direkt wieder in den Travel- und Dine-Modus geschaltet: Fine-Dining-Wochenend-Abschluss bei Fhior, mit einer extrem leckeren Reise durch die regionale Küche, modern interpretiert. Unglaublich lecker! Es muss ja nicht immer nur Fish’n’Chips sein…









Der Abreisetag war leider sehr verregnet und wir entschieden uns, die letzten Stunden in Edinburgh im Museum zu verbringen. Bereits in den Vortagen hatten wir die Museen für moderne Kunst besichtigt, die uns sehr begeistert hatten. Zum Ende der Reise verschlug es uns ins National Museum of Scotland. Ein äußerst würdiger Abschluss, denn bereits das Gebäude ist beeindruckend, die Sammlungen umso mehr: Window on the World als Reise-Sammlung im Atrium zum Start der Museumstour, die Fashion-Abteilung mit Einblicken in die Modegeschichte, die Natur-Abteilung mit Dinosauriern und allerlei interessanten Tieren, die World Cultures-Abteilung mit faszinierenden Einblicken in ferne Kulturen und die Wissenschafts- und Technik-Abteilung mit z. B. den ersten Prothesen und Mobiltelefonen… wahnsinnig beeindruckend dieses Wissens-Potpourri, ein riesiges Was-ist-Was-Spiel für alle Altersklassen! Im übrigen alles kostenlos, ohne Eintrittsgebühren. Spenden sind willkommen und wir ließen zum Abschied unser britisches Bargeld dankbar in den Spendenboxen im Foyer zurück.




















