Bonjour, Paris(-Marathon)!

Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein und dann diese Kulisse: hinter mir der Triumphbogen, vor mir die Champs-Élysées und ein autofreier Blick Richtung Obelisk und Tuilerien. Das war einer der Gründe, weshalb ich mich für den Paris-Marathon angemeldet hatte. Zu Studienzeiten hier hatte ich mal meine Eltern angefeuert, selbst gestartet war ich bislang nur beim Paris-Halbmarathon, der mich bzw. meine Vorstellungen von der Kulisse eher enttäuscht hatte (Start draußen beim Château de Vincennes, kaum sieht man ein bisschen was vom Pariser Zentrum / den Louvre, muss man auch schon wieder umdrehen…). Nun also stand ich im Startblock des Paris-Marathons, in Erwartung von Sightseeing pur.

Alles perfekt also, wäre da nicht die Sache mit der Temperatur: 2 Grad, so knackig kalt hatte ich es bislang noch nie im Marathon-Startblock. Gut, dass auch Paris bei der Aktion Altkleiderspende mitmacht und man sich in seinen alten Klamotten bis kurz vor Start noch einigermaßen warmhalten kann -Penner-/Clochard-Style in der Stadt der Mode, sag ich nur :-). Dann rollt es auch schon los, die Champs Elysées runter Richtung Place de la Concorde und dann rüber Richtung Opéra. Traumhaft, Bilderbuchkulisse, der Untergrund dagegen eine Herausforderung: mal welliger Asphalt mit Schlaglöchern, mal Kopfsteinpflaster. Nach einigen Kurven kehren Ruhe und Laufrhythmus ein, immer Kurs auf Osten. Das Publikum scheint noch eingefroren, es ist kaum was los. Auf der Rue de Rivoli kommt zum ersten Mal etwas Stimmung auf, hier hat die Feuerwehr ihre Drehleitern ausgefahren, oben sitzen Feuerwehrmänner und motivieren die Läufer per Megafon.

Die Strecke plätschert vor sich hin, wären da nicht die zwei Anstiege, die es zu nehmen gilt. Hier gehen die ersten und es rächt sich, wer in Thermoshirt oder Windstopper losgelaufen ist. Bei Marathon Nr. 12 sollte man Routine haben, denkt man, aber mir ist dieses Mal die Klamottenwahl so schwer wie nie gefallen. Im Training läuft man bei diesen Temperaturen ja nie diese Pace über diese Dauer und ich wollte weder vor Hitze eingehen noch unterwegs erfrieren. Und obwohl ich andere immer eindringlich davor warne und rate, im Wettkampf nix unerprobtes zu tun, verstoße ich dieses Mal gleich doppelt dagegen (in der Hoffnung, nicht gestraft zu werden): unerprobte, neue 3/4-Tights (wenngleich ich immerhin das Modell gewohnt bin, aber ich hatte irgendwie falsch gepackt und für meine erprobten Marathonshorts war es mir definitiv zu kalt) und unerprobte, neue Laufweste (wenngleich ich ein anderes, ähnliches Modell von Salomon schon gewohnt bin, aber ich hab mich kurzerhand auf der Marathonmesse umentschieden und ein minimalistischeres, leichteres Modell gekauft).

Jedenfalls bin ich nach den ersten zehn Kilometern langsam auf Betriebstemperatur und ich ziehe die Ärmlinge aus. Die dünnen Handschuhe dagegen lasse ich bis ins Ziel an (mein Nagellackkonzept dieses Mal also zumindest optisch völlig überflüssig, haha, aber das Omen zählt!). Nach km7 kommen die ersten Getränke- und Verpflegungsstationen. Alles total „Eco friendly“ (rühmt sich der Veranstalter), es gibt explizite Sammeltonnen für die leeren Wasserflaschen und Biotonnen für die Obstabfälle -und was ist mit dem Plastikmüll? Die Tütchen und Tuben von Riegeln, Gel etc., was eben so üblich ist als Läuferdoping, fliegen mangels Entsorgungsmöglichkeit leider zu Boden. Gutes Konzept, nicht ganz zu Ende gedacht.

Château bzw. Bois de Vincennes markieren den Wendepunkt im Osten. Von jetzt an geht’s wieder Richtung Stadt. Hier ist nix los, einzige Highlights: ich überhole bei km13 Obelix, der mit einem riesigen Pappmaché-Hinkelstein kämpft, eine Truppe Jagdbläser schmettert mir Fanfaren entgegen und es geht bergab, einfach mal rollen lassen. Mit der Halbmarathonmarke kommen dann endlich wieder wichtige Elemente zurück: Sightseeingkulisse, Publikum und Stimmung. Anscheinend sind jetzt alle wach. Oder haben keine Angst mehr zu erfrieren und wagen sich vor die Tür.

Die Sonne lacht, die Beine sind frisch und ich bin zufrieden mit mir und allem und sowieso. Aber: Marathon fängt ja bekanntlich erst jenseits von km30 an, also dranbleiben und bloß nicht zu früh freuen, sage ich mir mantraartig. Am Seine-Ufer entlang weiß man gar nicht, wo man hinschauen soll: Publikum am Streckenrand, Publikum oben auf den Brücken und dann noch diese Kulisse (da strahlte Notre Dame noch in voller Pracht und niemand ahnte, welche Tragödie 1,5 Tage später passieren sollte)! Und dann plötzlich wie Filmriss: zwischen km26 und 27 geht es durch einen langen Tunnel, der gefühlt nicht mehr enden will. Die Trommelschläge davor hallen innen nach, der Klang rollt, Gänsehaut! Danach Linkskurve, den Eiffelturm grüßen und weiter geht’s gen Süden. Bei der Bir-Hakeim-Brücke steht das Publikum so dicht an der Straße, dass kaum ein Durchkommen ist. Hier stand ich 2006 und habe meine Eltern angefeuert, schießt es mir durch den Kopf. Perspektivwechsel. Die Stimmung pusht, meine Pace geht hoch und ich muss mich bremsen, es nicht zu übertreiben. Irgendwo hier verliere ich beim Rausfiddeln eine volle Geltube -jetzt bloß nicht nervös werden, eine Ersatztube war Gott sei Dank einkalkuliert.

Dann kommt dieses große Schild am Straßenrand, das mir sagt, dass ich jenseits von km30 bin und anscheinend den „Mann mit dem Hammer“ nicht getroffen habe. Ich lache, das Publikum trägt, die Beine sind immer noch verhältnismäßig frisch, ich rechne hoch und weiß, das wird heute eine neue Bestzeit. Beine fit, Kopf fit und die inzwischen 7 Grad sind mir echt tausend Mal lieber als die über 18 Grad, die ich bei meinen elf vorherigen Marathons hatte („es ist Dein Wetter“, hatte mir eine Freundin morgens geschrieben -Recht hatte sie!).

Doch dann, ab km34-35 beginnt für mich der eigentliche Marathon und es wird doch noch ein Stück Arbeit: die Knie jammern über den schlechten Straßenzustand, die Beine rocken die Steigungen, die jetzt unerwünschterweise kommen, nicht mehr so leicht und der Kopf tut sich auch schwer, denn im Bois de Boulogne ist nichts, aber auch gar nichts los. Wald eben, sonst nix. Immer mehr Läufer vor mir gehen, Überholen kostet mich Kraft. Die letzten Kilometer sind zäh, ich werde langsamer, aber die gute Laune bleibt, denn die neue Bestzeit ist mir sicher. Dann endlich die letzten 600m: die Strecke steigt nochmal zäh und langgezogen an, ganz am Ende lockt der Triumphbogen, die Menge tobt und klatscht gegen die Bande, es ist unglaublich laut, man fühlt sich wie der letzte Held und dann… ist es auch schon vorbei.

Mit einem Schlag ist mir irre kalt. Leider ist das ganze Zielgebiet eine Kombi aus mehreren Nadelöhren: erst für Finisher-Shirt anstehen (übrigens super, das erst im Ziel zu verteilen, dann kommt auch keiner wie anderswo so oft auf die bekloppte Idee, schon mit Finisher-Shirt an den Start zu gehen…), dann Folie suchen (wärmende Folie gibt es nicht, nur Plastikponcho und der hält leider nicht sonderlich warm; Plastikponchos übrigens auch super in Verbindung mit dem „Eco friendly“-Konzept des Veranstalters…), vor Verzweiflung schon mal das nasse Shirt gegen Finishershirt wechseln, dann Medaille abholen und dann für Trinken (gibt nur totes Wasser, nix Isozeug oder alkoholfreies Bier, da ist man aus Deutschland echt verwöhnt) und Essen (bitter nötig, mir geht der Zuckerspiegel total runter) anstellen. Da bin ich schon so verfroren, dass mir die Zähne klappern und ich nicht mehr verständlich sprechen kann. Den Plan, den Seitenausgang zu nehmen, verwerfe ich gleich wieder, da ist Rückstau ohne Ende. Also lieber frierend ganz ans Ende des Hinterzielgebiets Richtung Triumphbogen trotten, durch die Schleuse und durch eine Armee von Familienangehörigen, die den Ausgang teils ziemlich dreist belagern, kämpfen (Leute, es bringt weder was, morgens mit der ganzen Familie zum Startblock anzutanzen noch einen Treffpunkt DIREKT hinter der Finisherzone abzumachen). Hier merkt man dann doch die Dimensionen dieses Marathons: ein neuer Rekord von über 48.000 Finishern, die im Ziel schließlich auch alle irgendwie durchgeschleust werden müssen.

Mein Treffpunkt ist eine ruhige Seitenstraße der Avenue Foch, wo mein Mann mit einem Beutel Klamotten wartet (und mit einer Dose Orangina -heißersehnter Zuckerschub!). Ich bin nicht die einzige, die hier den Baustellenzaun als Garderobe nutzt und sich in trockene Klamotten wirft. Weg mit dem grünen Plastikponcho. Wir müssen unweigerlich lachen: Samstag noch irres Polizeiaufgebot wegen der Gelbwesten, Sonntag/heute wegen der -jedoch friedlichen- Grünponchos alias Marathonläufer :-). Gehüllt in Jogginganzug und Thermojacke plus zwei ärmellose Westen darüber hören die Zähne immerhin so auf zu klappern, dass man ein Lächeln zustande kriegt, um sich mit Medaille vorm Triumphbogen fotografieren zu lassen.

Die Medaille… guter Punkt. An der entzündeten sich auf den Social Media-Kanälen einige hitzige Diskussionen, wie ich sie von meinen bisherigen Marathons nicht kannte. Wer glaubt, das Erlebnis sei wichtig, wurde eines besseren belehrt. So viel Gemaule über angeblich schlechtes („zu simples“) Design und wofür man denn sein Geld bezahle, ich staunte -und schämte mich für die Läufergemeinschaft. Wer Wert darauf legt, für sein Startgeld ein tolles Erlebnis mit guter Orga und Top-Verpflegung (und ein hochwertiges Finishershirt) zu bekommen, dem kann ich den Paris-Marathon jedenfalls wärmstens empfehlen!

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