Tapetenwechsel war diesen Sommer bei meinen langen Läufen im Rahmen der Marathonvorbereitung das Motto. Unbedingt. Nachdem ich beim „Ultimativen Saar Ultra“ im Juli 2018 zum ersten Mal mit der fantastischen Orga der Hartfüssler-Truppe in Berührung gekommen war, zögerte ich nicht lange, mich zum RAG Hartfüssler Trail 2018 anzumelden. Vier verschiedene Streckendistanzen, darunter eine 30km-Strecke, Ende August, Verpflegung, keine allzu lange Anfahrt, passable Startgebühr… das passte als langer Lauf (der anderen Art…) perfekt in meine Marathonvorbereitung! Die paar Höhenmeter juckten mich da nicht weiter -ich hatte zwar keine Historie was Traillauf-Events angeht, aber meine Trainingsstrecken sind ja selten flach und asphaltig, von daher…
Also ging es mit Respekt und Vorfreude am letzten August-Sonntag nach Saarbrücken Von der Heydt, wo es sich der Ministerpräsident des Saarlandes nicht nehmen ließ, den Startschuss auf die beiden Langdistanzen des Trails zu geben. Doch kurz davor erst mal das Briefing durch den Veranstalter: „Wenn Ihr Euch nicht gut fühlt, geht erst mal weiter… bis zum nächsten Verpflegungspunkt. Wenn Ihr Euch das Bein gebrochen habt oder tot seid, dann ruft die Notfallnummer an.“ Klingt erst mal witzig, macht aber teils Sinn: die Verpflegungspunkte liegen etwas weiter (in einem Fall über 10km) auseinander und dazwischen ist man teils in eher schwer zugänglichem Gebiet unterwegs -unter empfohlener Zusatzausrüstung sind Rettungsdecke und Erste-Hilfe-Set gelistet. Pflicht ist Handy mit gespeicherter Notrufnummer des Veranstalters, Trinkbehälter mit ca. 1l Inhalt und ein eigener Trinkbecher, denn beim Hartfüssler Trail wird umweltfreundlich und müllsparend gearbeitet: an den Verpflegungsstationen gibt es Flüssigkeiten nur zum Ausschenken in Kanistern und Flaschen. Klare Empfehlung: Laufweste/-rucksack mit Trinkblase bzw. Softflasks. Und dran denken: man braucht keine Zeltausrüstung oder Gepäck für einen Wochenendtrip ;-), kann sich also übermäßig große Rucksäcke sparen, der Körper wird es unterwegs noch danken…
Los geht’s um 10 Uhr, nach diesem heißen Sommer bei angenehm kühlen Temperaturen, raus auf die 30km-Strecke: es warteten genauer gesagt 31,62km mit 924 Höhenmetern. In mir Spannung, Vorfreude und Wille, die Höhenmeter bzw. Strecke zu bezwingen. Der war auch gleich zu Beginn von Nöten, denn gleich auf dem ersten Kilometer gibt es eine Abfolge von berghoch, Treppenstufen runter, Hügel hoch zu bewältigen. Begleitet vom optimalen Trompeten-Soundtrack für diese Strecke (das Steigerlied, wer’s kennt) geht es von der Straße weg auf wurzelige Trails. Kaum warmgelaufen wartet auch schon die Halde Viktoria und mit ihr das erste Learning: wenn die erfahrenen Trail-Hasen vor Dir Tempo rausnehmen und ins Gehen verfallen, geh auch -der Anstieg wird in dem Fall noch ungeahnt steil bzw. lang. Oben angelangt weiß ich wenigstens sofort, warum ich mir die Höhenmeter antue: blauer Himmel, weiter Blick, erneut Steigerlied-Trompeten-Soundtrack und um mich herum entzückte Trail-Läufer, die sich genau darüber freuen. Heute wird im Zweifel immer noch Zeit für Aussicht und Selfie sein, ob man dadurch ne halbe Minute später ins Ziel kommt stört hier niemanden dramatisch. Doch weiter geht’s, es kommen ja noch ein paar Höhenmeter und Kilometer bis zum Ziel.
Unterwegs immer wieder nette Helfer, die an jeder Straßenquerung zwischen den Waldteilen auf den Verkehr achtgeben, bevor man kreuzt. Schneller als gedacht kommt bei km8,6 die erste Verpflegungsstation: an der Schutzhütte Riegelsberg gibt es Wasser und Isodrinks. Hier zieht sich das Feld ein weiteres Mal auseinander, denn nicht jeder stoppt hier.
Über Trails und Forstwege geht es in den schattigen Urwald vor den Toren Saarbrückens, wo der Wald noch sein eigener Herr ist und der Mensch nicht ständig aufräumt. Umfangen von grüner Stille geht es auf Single-Trails durch den „Vorstadt-Dschungel“. Der Kopf ist völlig wach: einerseits auf die Wegmarkierungen in Form von Flatterband und gelben Pfeilen achten, andererseits Baumwurzeln, Steine und sonstige Stolperfallen meiden. Wie eine Perlenkette aufgereiht trailen wir in einer kleinen Gruppe über den sich windenden Pfad. Bis auf kleine Senken und Brücken läuft man diese Passagen in einem angenehmen, flotten Rhythmus -bis man plötzlich unvermittelt vor einer Art grauem Zuckerhut steht: einer spitzen, steilen Bergehalde namens „Kleiner Fuji“. Hoch führt eine wackelige Holztreppe, die von Baumwurzeln gekreuzt wird und auf der man bedingt durch den Gegenverkehr der wieder heruntersteigenden Läufer ganz schön „kuscheln“ muss. Belohnt wird das Gekraxel durch einen wunderschönen Ausblick auf ein wogendes Baum-Meer und einen Stein mit literarischem Text (nicht der einzige für heute) und vor allem Freude, dass fast 2/3 der Strecke geschafft sind. Spontan beschließen wir hier oben, ein fröhliches Gruppenbild zu machen und uns gemeinsam zu freuen. „Pop-up-Foto-Gruppe“ nennt es später der nette Läufer, der mich anhand Startnummer und Starterliste auf Facebook ausfindig macht und mir die Fotos schickt (Danke, Albert!). Einer von vielen liebenswerten Momenten in der Trailläufer-Gemeinschaft an diesem Tag. Doch weiter geht’s, schließlich muss man die sog. „Himmelsleiter“ auch wieder runter.
In Gedanken noch völlig bei diesem schönen Moment bzw. schon bei der nächsten Verpflegungsstation, vergesse ich auch die Warnung eines trailerfahrenen Bekannten (Danke, Robert!) vor dem Start: nie einfach nur hinterherlaufen, immer auf die Markierungen achten! Und so achte ich nach dem Klettern über einen Baum, der quer auf dem Weg liegt, auch nicht auf den gelben Kreidepfeil nach rechts, sondern folge einigen anderen, die wie die Lemminge dem ersten hinterher weiter geradeaus trailen. Gut, dass schon bald jemand hinter uns laut genug ruft und uns zum Umkehren bewegt. Und wir scheinen nicht die einzigen zu sein: an der nächsten Kreuzung stoßen wir auf entgegenkommende Läufer, die nach falschem Abbiegen auch gerade erst mal wieder zurücklaufen mussten. Leider hatten einige Spaziergänger schon auf der Strecke „aufgeräumt“ und die Flatterband-Markierungen entfernt -nicht gerade hilfreich für uns Trailläufer.
Nach einem langgezogenen Anstieg wartet bei der Scheune Neuhaus bei km19,8 die zweite Verpflegungsstation. Und diese spare ich im Gegensatz zur ersten auch nicht aus, sondern greife bei all den Leckereien zu: Gurke, Wassermelone, Malzbier, Müsliriegel, Salzbrezeln… Hier könnte man durchaus wohnen bleiben -wenn denn nicht irgendwann der „Besenwagen“ in Gestalt des Schlussläufers käme und den will ich nicht treffen, also weiter! Erst mal wieder konzentriert auf die Wegmarkierungen achten, denn hier zweigt die 58km-Strecke ab und auf der will ich auf keinen Fall landen! Nur kurze Zeit später, bei km23 kommt auch schon die dritte und letzte Verpflegungsstation mit verlockendem Essensangebot. Es tut mir echt leid für die Helfer, aber mir steht nicht der Sinn nach Picknick (das überlasse ich den 58km-Läufern), ich will weiter Richtung Ziel. Und das kann ja schließlich nicht mehr so weit weg sein!
Aber Pustekuchen: gerade dann, wenn man sich schon einen abfreut und gedanklich Konfetti wirft, dass man quasi auf der Zielgeraden ist, kommt kurz vor km25 die Abzweigung zur Halde Grühlingstraße/Jägersfreude hoch. Hinter den Büschen am Fuß unten lauert ein riesiger vulkanartiger Schutthaufen. Die grobe, steile Aufschüttung wird nur unterbrochen durch vierzehn Stufen, die ein Gedicht von Elfriede Jelinek tragen -für deren Worte ich bei diesem Aufstieg nicht so recht den Sinn habe. Während mir eine hinablaufende Läuferin „Weiter, es lohnt sich!“ entgegenschmettert, kraxele ich, den Oberkörper mit den Armen auf den Oberschenkel abstützend, weiter nach oben, unzusammenhängende Wortfetzen von Jelineks Gedicht mitnehmend. Am Gipfel ankommend ist das alles auf einen Schlag vergessen: der Ausblick verschlägt einem die Sprache. Hier guckt kaum einer auf die Uhr, kaum keiner sorgt sich um ein paar Minuten mehr oder weniger bis zum Ziel. Durchschnaufen und Panorama genießen stehen im Fokus. Der Genuss dauert jedoch auch dieses Mal nicht lange, schließlich muss man die aufgeschüttete Mondlandschaft wieder runter(-rutschen). Spätestens hier bin ich froh, wenige Wochen vorher in Trail-Laufschuhe mit profilierter Sohle und Gummischutzkappe investiert zu haben -sonst würde ich vermutlich nach jeder Halde unter denen sein, die erst mal auf Baumstämmen sitzend die Steinsammlung aus den Schuhen schütteln bzw. aus den Socken puhlen.
Dieses Mal freue ich mich nicht (zu früh) und werfe gedanklich keine Konfetti: oben auf der Halde hat mir ein anderer Trailläufer schon gesteckt, dass ich mir auf den letzten fünf Kilometern meine „Körner gut einteilen“ soll. Und wie recht er hat: es wird nicht mehr so steil, aber die restliche Strecke ist ein zäher, lang gezogener Anstieg, der gefühlt kein Ende nimmt. Vor mir strauchelt eine Läuferin über ihre Stöcke, beim Versuch sie irgendwie wegzustecken. Ich selbst segle fast über einen Wurzelballen. Langsam wird der Kopf müde und die Beine haben genug von Steigungen. Die Uhr zeigt 30km an -es kann doch gar nicht mehr so weit sein! Und wieder kommt ein (wenn auch kurzer) Anstieg. Ich fluche, hinter mir stimmt jemand mit ein und wir brechen beide in Lachen aus. Gemeinsam wühlen wir uns durch die letzten Meter bis die Häuser von Saarbrücken-Von der Heydt auftauchen. Ein letztes Mal eine Reihe von Treppenstufen nach oben kämpfen, ein paar Meter bergab und das Ziel wartet -mit kalten Getränken, Hartfüssler-Buff und Pasta-Buffet!
Was ein toller Lauf, was eine tolle Orga! Und noch während der Muskelkater Besitz von meinen Beinen ergreift weiß ich: da will ich nochmal dabei sein!
RAG Hartfüssler Trail (Offizielle Seite)




Ein Gedanke zu “(R)Auf geht’s ins Trailvergnügen”