Kultur(-erbe) pur

Nachdem wir Tel Aviv zur Genüge erkundet hatten, wollten wir unbedingt noch etwas an der Küste entlang reisen. Nur wohin? Die Wahl war schnell getroffen. So groß ist Israel nämlich nicht, Richtung Süden ist da nicht mehr arg viel zwischen Tel Aviv und Gazastreifen. Also Richtung Norden. Unser Freund, der schon fast ein Jahrzehnt in Israel lebt, empfahl uns, unbedingt die Hafenstädte Haifa und Akko zu besuchen. Beides lässt sich wunderbar ohne Übernachtung als Tagestrip mit dem Zug realisieren (ca. 1-2 h Fahrt): günstig, bequem und ohne stressigen und zeitintensiven Stau. Vor allem abends auf dem Rückweg war es herrlich entspannt, mit dem Zug direkt parallel zum Stau stadteinwärts nach Tel Aviv zu fahren. Außerdem ist die Zugfahrt ein schönes Landschaftskino: nach Norden aus Tel Aviv raus fährt man erst am Campus, später an Sonnenblumenfeldern vorbei, und je näher man Haifa kommt, desto näher fährt man direkt parallel zu Strand und Meer.

In den meisten Reiseführern sind als Bahnhöfe für Haifa Khof Hacarmel und Bat Galim genannt. Dort sollte man jedoch nur aussteigen, wenn man die schönen Strände (die breitesten Israels) genießen und die Kitesurfer beobachten will. Das Stadtzentrum selbst ist noch viel zu weit entfernt, zumal dazwischen der Berg Carmel liegt und der Höhenunterschied zwischen Ober- und Unterstadt fast 500 Höhenmeter beträgt. Man fährt also mit dem Zug besser bis zum Bahnhof Ha Shmona weiter – weithin am riesigen Getreidesilo erkennbar.

Haifa ist Israels größte Hafenstadt und liegt an einer sehr schönen halbrunden Bucht. Ist als Stadt selbst aber aufgrund der vielen Kräne, der monströsen Kreuzfahrtschiffe und den ganzen asphaltierten Anlegern nicht ganz so schön. Ein durchaus krasser Kontrast sowohl zu den schönen Stränden im Süden als auch zu den prachtvollen Gartenanlagen der Bahai.

Denn sowohl in Haifa als auch in Akko findet man die berühmten Bahai Gärten, die zum UNESCO Weltkulturerbe zählen. The Holy Bahá’í Gardens sind das administrative und geistige Weltzentrum der Bahai, sie gelten als Friedenssymbol und Ort der Ruhe. Am bekanntesten ist sicher die Anlage in Haifa, da sie nochmal um einiges imposanter ist. Sie erstreckt sich über 19 Terrassen am Berg Carmel und hat einen Höhenunterschied von gut 250 Metern. Nix für Menschen, die nicht gut zu Fuß sind oder keine Kondition haben! Klar kann man vom Hafen bzw. der Altstadt aus auch mit dem Bus hochfahren, verpasst dann aber die besten Aussichten. Wir quälten uns erst die steile Straße hoch bis zur Mittelebene, um dann dort den Eingang zur Gartenanlage zu nehmen, die wohl von Bahai-Anhänger:innen aus aller Welt ohne Bezahlung (!) gepflegt wird. Neben den Gärten sind auch die Gebäude sehr beeindruckend, vor allem der Schrein mit der goldenen Kuppel, in dem der Religionsbegründer begraben ist. Darüber hinaus gibt es ein Studienzentrum und zahlreiche andere Gebäude, einige mehr sind aktuell noch Baustelle. Beeindruckend ist auch der Blick, den man von der terrassierten Anlage aus über die Stadt, die fast komplett am Hang liegt (oder besser gesagt hängt), und über die Bucht hat.

Der Weg nach unten über all die Treppenstufen ist dann immer noch etwas mühsam, aber nicht ganz so anstrengend wie bergauf. Danach kann man im German Colony-Stadtteil, der direkt zwischen Gartenanlage und dem Bahnhof liegt, eine Rast in einem der zahlreichen Cafés und Restaurants einlegen (z. B. in der schönen und teils verrückt-ausgefallen gestalteten Location von Fattoush). Und das ganze nochmal auf sich wirken lassen. Es ist wirklich beeindruckend, was in Haifa und Akko in die Gartenanlagen investiert wurde. Gleichzeitig ist es fast schon etwas beängstigend, wie viel Raum die Anlage bzw. Religionsgemeinschaft gerade in Haifa einnimmt. Fast schon scheint es, als würde die Anlage die Stadt verschlucken. Sehr krass auch der Kontrast zwischen Schönheit und Reichtum der Anlage und der, nun ja, nicht ganz so schicken, vom Hafenbusiness geprägten Stadt. Etwas suspekt fanden wir auch das Auftreten: klar, es ist keine öffentliche Parkanlage, sondern es gelten die Regeln der Bahai und am Eingang gibt es wie so oft in Israel Sicherheitskontrollen. Aber während unseres Aufenthaltes wurden immer wieder plötzlich einzelne Gartenbereiche abgesperrt, manche Wege durften nur als Einbahnstraße genutzt werden und überhaupt war da ständig jemand, der die Besucher:innen dauerbeobachtet und ihnen Anweisungen erteilt hat. Bei allem Respekt, wir fanden es etwas anstrengend und haben uns nach nicht allzu langer Zeit auf den Weg Richtung Ausgang gemacht – den man mit Blick auf die Größe der Anlage und der durch die Absperrungen labyrinthischen Wegführung gar nicht mal so schnell erreicht. Irgendwie verständlich, dass das alles von manchem Einheimischen durchaus kritisch gesehen wird, zumal die Anlage angesichts der in Bau befindlichen Gebäude weiter zu wachsen scheint.

Der Rest der Stadt ist geprägt von den vielen Kreuzfahrt-Tourist:innen, die hier tagtäglich einströmen, und von den Studierenden, denn Haifa ist eine Universitätsstadt. Dazu die Spuren christlicher Templer aus Deutschland, die hier im 19. Jahrhundert eine Kolonie (German Colony) gegründet haben: Über vielen Haustüren sind noch heute deutsche Bibelsprüche zu lesen. Eine interessante Mischung. Ebenfalls interessant: Haifa ist die einzige Stadt Israels, in der die Öffis am Shabbat nicht pausieren.

Akko, weiter im Norden und ebenfalls wie Haifa eine Hafenstadt, ist eine der wenigen Städte Israels, die überwiegend von Palästinensern bewohnt werden und die sich daher einen arabischen Charakter bewahrt hat. Das antike Akko, geprägt durch die Kreuzfahrer, liegt etwas im Süden. Der Bahai-Schrein dagegen liegt etwas nördlich des Stadtzentrums und bildet zusammen mit dem Schrein in Haifa das höchste Heiligtum dieser Glaubensgemeinschaft und ist UNESCO Weltkulturerbe. Auch die Altstadt Akkos ist UNESCO Weltkulturerbe. Noch weiter nördlich kommt dann nicht mehr viel, von hier aus ist es nicht mehr weit bis zur libanesischen Grenze. Wie schon erwähnt, Israel ist ein recht kleines Land, wenn auch mit vielen interessanten Facetten und Gegensätzen.

Infos:

ganbahai.org.il – Infos zu den Bahai Gärten. Unbedingt die Öffnungszeiten bzw. Schließtage beachten, bevor man vergeblich nach Haifa oder Akko fährt. „Dezente Kleidung“ erforderlich.

Zugtickets gibt es als Papierticket am Schalter oder Automaten oder man nutzt die sog. Rav Kav, eine Karte, auf die man Geld laden kann (Vorteil: Vergünstigungen als Rentner oder Student; zur Registrierung benötigt man den Reisepass). Als Tourist:in mit eher kurzem Aufenthalt reicht normalerweise das Papierticket. Es gibt keine 1. Klasse, meist keine Sitzplatzreservierung und generell keine Zugbindung. Das Zugticket gilt jeweils für eine bestimmte Verbindung und wird jeweils am Start- und Zielbahnhof beim Durchgehen der Schranken entwertet. Also alles recht easy zu verstehen, kein kompliziertes System. 
Von Tel Aviv aus fahren mehrmals stündlich Züge nach Haifa und Akko, ebenfalls in umgekehrter Richtung.
Infos, Verbindungen etc.: Webseite der israelischen Eisenbahn

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